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Drogeriemärkte

Arzneimittel bald in allen dm-Märkten

11.11.2008
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Drogeriemärkte

Arzneimittel bald in allen dm-Märkten

Von Werner Kurzlechner, Berlin

 

Als der Drogeriekonzern dm seinen ersten »Pharma-Punkt« einrichtete, fürchteten Apotheker einen unaufhaltsamen Wildwuchs im Medikamentenhandel. Der grassiert nun tatsächlich. Bald will dm in allen deutschen Filialen Arzneimittel anbieten. Die Fragen der Kunden beantwortet eine Handvoll Apotheker in einem Callcenter.

 

Die Drogeriemarktkette dm und die Europa-Apotheek, Venlo, blasen im Arzneimittelhandel forscher als bisher bekannt zum Angriff. Bis Mitte kommenden Jahres soll es in allen 1012 dm-Filialen einen »Pharma-Punkt« geben, an dem Kunden Medikamente bei der niederländischen Versandhandelsapotheke bestellen und abholen können.

 

Diese konkreten Expansionspläne gaben dm-Geschäftsführerin Petra Schäfer und Klaus Gritschneder, Mitglied der Geschäftsführung der Europa-Apotheek, vergangene Woche in Berlin bekannt. »Wir beginnen im Januar zunächst damit, unsere Lücken in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Berlin und Brandenburg zu schließen«, sagte Schäfer. In diesen Bundesländern gibt es nach Angaben des Unternehmens derzeit 215 dieser Bestell- und Abholstellen.

 

Vor drei Wochen hatte sich die Strategie in der Jahrespressekonferenz der Karlsruher Drogeriekette noch nicht ganz so offensiv angehört. Man wolle Pharma-Punkte dort einrichten, wo es sinnvoll erscheine, hieß es. Nun sollen es also alle Märkte sein. Damit bestätigen sich die Sorgen der Apotheker vor einer flächendeckenden Ausweitung des stationären Arzneimittelverkaufs in deutschen Drogerien immer mehr.

 

Gericht machte den Weg frei

 

Die juristische Grundlage ist eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes vom März. Die Leipziger Richter erklärten das von dm im Sommer 2004 in Düsseldorf gestartete Pick-up-Modell für zulässig. Die ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände kritisierte dieses Urteil seinerzeit heftig. Tatsächlich sind mittlerweile auch die größten Konkurrenten von dm in den Pharmahandel eingestiegen: In Filialen von Schlecker können Arzneimittel der hauseigenen und ebenfalls in den Niederlanden ansässigen Apothekentochter Vitalsana abgeholt werden, Rossmann kooperiert mit der Deutschen Internetapotheke.

 

Wenngleich dm und die Europa-Apotheek nun nach eigenen Angaben Millionen in die Ausweitung der Pharma-Punkte investieren, dürfte ihr Angebot momentan von den Kunden noch nicht so gut angenommen werden wie erhofft. Wie viele Medikamente in den dm-Filialen derzeit verkauft werden, wollte Gritschneder jedenfalls nicht sagen. Auch Umsatzzahlen nannte er nicht. »Noch nicht«, wie er augenzwinkernd bemerkte. Offensichtlich galt es, einige strukturelle Defizite zu beheben. So sei der Service an den Pharma-Punkten mit Beginn dieser Woche »entscheidend verbessert« worden, so die Unternehmen. Sie versprechen ihren Kunden jetzt, dass sie die 1000 am häufigsten nachgefragten rezeptfreien Medikamente bereits am nächsten Werktag in der Drogerie abholen können, sofern sie bis spätestens zwölf Uhr bestellt wurden. Alle anderen Arzneimittel, auch die rezeptpflichtigen, sollen nach spätestens zwei Werktagen geliefert sein.

 

Das sei eine Beschleunigung um ein bis zwei Tage, so Gritschneder. Verändert haben die Unternehmen auch die Gestaltung der Bestellformulare, die vielen Kunden nicht übersichtlich genug waren. Als Köder für die Drogeriekunden dienen weiterhin Rabatte bis zu 40 Prozent auf nicht verschreibungspflichtige Medikamente sowie Boni auf Zuzahlungen zwischen 2,50 und 15 Euro pro Produkt. Schließlich sei man ja nicht an die deutsche Arzneimittelpreisverordnung gebunden, sagte Gritschneder. Ob das tatsächlich so ist, muss allerdings noch höchstrichterlich entschieden werden.

 

Kundenkarte für Pick-up-Stationen

 

Als weitere Neuerung führen die kooperierenden Unternehmen eine Kundenkarte mit Barcode für die Pick-up-Stationen ein. »Darauf werden keine Daten gespeichert«, versuchte Gritschneder datenschutzrechtlichen Bedenken vorzubeugen.

 

»Es geht darum, die Verbraucher aktiv zu schützen und ihnen ein qualitatives Höchstmaß bei der Arzneimittelversorgung und -sicherheit zu garantieren«, so hatte ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf im März seine Kritik an »Ausfransungen der Medikamentenversorgung« begründet. Dass das Angebot an den Pharma-Punkten meilenweit hinter den in Apotheken üblichen Standards der Beratung und Sicherheit hinterherhinkt, wurde in Berlin deutlich. Zwar können die Drogeriekunden auf den stationären Monitoren nun mehr Informationen als bisher zu den angebotenen Medikamenten ablesen.

 

Falls sie aber Fragen haben, bleibt ihnen nur der Griff zum in jeder Filiale vorhandenen »Gesundheitstelefon«. Für die Antworten hat die Europa-Apotheek nach Auskunft Gritschneders lediglich sieben deutsche Apotheker angestellt.

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