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Brustkrebs

10 Jahre Trastuzumab

05.10.2010  13:38 Uhr

Von Elke Wolf, Frankfurt am Main / Das erste Therapeutikum, das es vermocht hat, in die Biologie von Tumorgewebe einzugreifen, besteht mittlerweile seit zehn Jahren auf dem Markt. Eine Bestandsaufnahme von Trastuzumab.

Bei 16 bis 20 Prozent der Patientinnen mit Brustkrebs finden sich auf der Oberfläche der Tumorzellen erhöhte Mengen des HER2-Rezeptors. Diese Überexpression des epidermalen Wachstumsfaktors HER2 lässt den Tumor überdurchschnittlich schnell wachsen; die Progression der Erkrankung ist entsprechend schlecht. Das HER2-positive Mammakarzinom hatte deshalb bislang eine ungünstige Prognose mit einem signifikant kürzeren rezidivfreien Überleben und Gesamtüberleben.

Nach zehn Jahren Therapieerfahrung mit Trastuzumab (Her­ceptin®) hat sich die Situation gewandelt: »Mit diesem mono­klonalen Antikörper wird der HER2-positive Rezeptorstatus zu einem signifikanten Überlebensvorteil«, wertete Professor Dr.  Fritz Jänicke vom Universitätsklinik Hamburg- Eppendorf auf einer Pressekonferenz von Roche. Weil der Antikörper direkt an die extrazelluläre Domäne des HER2-Rezeptors bindet und dadurch das Wachstum der Tumorzellen unterbindet, ist mit ihm eine zielgerichtete Therapie möglich. Die Nebenwir­kungs­rate ist entsprechend geringer.

 

Zahlreiche Studien bei Patientinnen mit HER2-positivem Mammakarzinom belegen die Überlegenheit einer Therapie mit Trastuzumab gegenüber Trastuzumab-freien Schemata. So etwa die Kombination von Taxanen mit Herceptin im Vergleich zur Taxan-Monotherapie. Die Remissionsrate verdoppelte sich durch die Kombinationsgabe von Paclitaxel plus Trastuzumab, das progressionsfreie Intervall verlängerte sich signifikant genauso wie das Gesamtüberleben um durchschnittlich sieben Monate. Gleiches bei der Kombination mit Docetaxel, Doxorubicin oder Cyclophosphamid: Die Gesamtansprechrate und die Zeit bis zum Progress wurde nahezu verdoppelt, informierte Jänicke. Auch die Wirkung von Trastuzumab als Monotherapie ist nachgewiesen. Mitte 2006 erhielt Trastuzumab zudem die Zulassung als adjuvante Therapie bei dieser Brustkrebsart. »Heute ist die Therapie mit Trastuzumab der Standard in der Behandlung des HER2-positiven metastasierten Mammakarzinoms. In allen Therapielinien und mit unterschiedlichen Kombinationspartnern verbesserte die Substanz die Prognose aller klinisch relevanten Parameter«, fasste Jänicke zusammen.

 

Auf der Jubiläumspressekonferenz wurden auch kritische Stimmen nicht unter den Tisch gekehrt. Ursula Goldmann-Posch, selbst Brustkrebs-Patientin, prangerte vor allem die aktuelle Betreuungssituation von Betroffenen an. »Was helfen noch so ausgefeilte Therapien am Anfang von Brustkrebs, wenn die Frauen in eine Nachsorge entlassen werden, die auf 20 Jahre alten Forschungsdaten beruht und erst beim Auftreten von körperlichen Anzeichen des Rückfalls wieder tätig wird?«

 

Und die beste Früherkennung sei nur dann wirklich sinnvoll, wenn die tatsächlich Erkrankten auch ausreichend therapiert würden. Dem pflichteten die Experten bei. »Tatsache ist: Heute werden immer noch 30  Prozent der Brustkrebspatientinnen falsch positiv auf HER2 getestet. Das heißt, jede vierte bis fünfte Patientin bekommt die falsche Therapie«, gab Professor Dr. Wolfgang Eiermann von der Fauenklinik vom Roten Kreuz in München zu bedenken. / 

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