Pharmazeutische Zeitung Online
AMK
ABP in der Selbstmedikation

Chance und Auftrag für die Apotheke

18.09.2009
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Tabelle 1: Grunddaten und Ergebnisse des Projekts zur Erfassung von ABP in der Selbstmedikation

Parameter Zahlenwerte in Prozent
Untersuchungszeitraum August bis September 2007

Anzahl der teilnehmenden Apotheker |109|
Anzahl der Patienten |11069|
Anzahl dokumentierter OTC-Wünsche |12567|
Anzahl der OTC-Wünsche mit ABP
insgesamt
davon mit
1 ABP
2 ABP
3 ABP
4 ABP |
2206

1796
366
38
6 |
17,6

81,4
16,6
1,7
0,3
Gesamtzahl an ABP |2666 |
Geschlecht1 der Patienten| |
weiblich |8121|64,6
männlich |4291|34,1
geschätztes Alter1 der Patienten
0 bis 12 Jahre
13 bis 20 Jahre
21 bis 40 Jahre
41 bis 65 Jahre
über 65 Jahre|
586
574
4518
4091
2704 |
4,7
4,6
36,0
32,6
21,5
für den Eigenbedarf/mit Bote1|9759/2665|77,7/21,2
mit/ohne Medikationsdatei1|3398/8883|27,0/70,7
Symptompräsentation1
Präparatewunsch1, davon
Erstwunsch
Wiederholungswunsch |3444
9123
2452
5759 |27,4
72,6
26,92
63,12
Ergebnisse der Interventionen1
Problem gelöst
Problem teilweise gelöst
nicht gelöst |
991
1000, davon Arztverweis: 871
209 |
44,9
45,3
9,5
Zeitaufwand der Problemlösung|Mittelwert: 3,7 min, Median: 3,0 min,
Spanne: 0,5 bis 45 min|

1) Die Angaben sind bezogen auf die Gesamtzahl der Selbstmedikationswünsche; die auf 100 Prozent fehlenden Werte: keine Angaben.

2) bezogen nur auf Präparatewunsch

Die 109 Apothekerinnen und Apotheker dokumentierten bei 11 069 Patienten insgesamt 12 567 OTC-Wünsche. Tabelle 1 gibt eine Übersicht. Zwei Drittel der Patienten waren weiblich, ein Drittel männlich. Ihr Alter wurde geschätzt oder vom Boten erfragt und in Kategorien eingeordnet. Vier Fünftel der Patienten verlangten das Arzneimittel für den eigenen Bedarf. Nur in jedem fünften Fall kam ein Bote/Angehöriger in die Apotheke, der ein Arzneimittel für eine andere Person mitbringen wollte. Dies war erwartungsgemäß besonders häufig in der Altersstufe der Kinder.

 

Weiterhin wurde erfasst, ob die Apotheke eine Medikationsdatei für die Patienten führte. Dies war bei rund einem Viertel der Patienten der Fall. Bei Patienten mit Medikationsdatei wurden die abgegebenen Arzneimittel bei jedem Besuch in der Apotheke gespeichert und konnten somit zur Überprüfung, zum Beispiel auf Interaktionen oder Doppelmedikation (Medikations-Check), herangezogen werden. Rund ein Viertel der Patienten beschrieben Beschwerden, ohne ein konkretes Präparat zu verlangen (in der Tabelle »Symptompräsentation«). Hier erfolgte die Arzneimittelauswahl im Beratungsgespräch mit dem Apotheker oder der Apothekerin.

 

In knapp drei Viertel der Fälle wünschten die Patienten oder Boten ein konkretes Präparat. Dann fragte die Apotheke nach, ob das Arzneimittel erstmalig verlangt werde oder bereits bekannt sei. Bei den Präparatewünschen wollte gut ein Viertel das Präparat erstmals anwenden (Erstwunsch); knapp zwei Drittel hatten bereits Erfahrungen (Wiederholungswunsch) aufgrund vorheriger Anwendung.

 

Die dokumentierten OTC-Wünsche wurden in 19 Indikationsgebiete mit zum Teil mehreren Unterpunkten – bei Magen-Darm-Trakt zum Beispiel Obstipation, Durchfall und Sodbrennen – eingeordnet. Tabelle 2 zeigt eine Übersicht dieser Indikationsgebiete und die Häufigkeit, mit der OTC-Wünsche hier geäußert wurden.

Tabelle 2: Ranking der am häufigsten angesprochenen Indikationen

Indikation Anzahl Prozent
Schmerzen 3160 25,1
Respirationstrakt1 2535 20,2
Magen-Darm-Trakt 1819 14,5
Haut 1545 12,3
Herz-Kreislauf 523 4,2
Psyche, Schlaf 435 3,5
Erkältung, grippale Infekte 428 3,4
Augen 388 3,1
Vitamine, Mineralstoffe, Nahrungsergänzungsmittel 323 2,6
Urogenitaltrakt 298 2,4
Mund und Zähne 268 2,1
Allergie 185 1,5
Kopf und Haare 115 0,9
Immunstimulation, Stärkung 112 0,9
Fieber 73 0,6
Ohren 67 0,5
Wechseljahresbeschwerden 49 0,4
Raucherentwöhnung 39 0,3
Sonstiges 193 1,5
keine Angabe 12 0,1
Summe 12 567 100,0

1) Respirationstrakt umfasst die Einzelindikationen: Husten, Sinusitis, Halsschmerzen, Schnupfen, trockene Nasenschleimhaut

Auffällig ist, dass sich 70 Prozent der Selbstmedikationswünsche auf vier Indikationsgebiete bezogen: Schmerzen, Respirationstrakt, Magen-Darm-Trakt und Haut.

 

»Top 4« der Probleme

 

Die Studie brachte zutage: Bei fast jedem fünften Patienten mit Selbstmedikationswunsch wurden in der Apotheke unter Alltagsbedingungen ABP festgestellt. Konkret: bei 2206 (17,6 Prozent) der insgesamt 12 567 Selbstmedikationswünsche. Dabei ist zu betonen, dass ausschließlich pharmazeutisch relevante ABP erhoben wurden; andere Probleme wie Lieferschwierigkeiten oder Präparate, die außer Handel waren, wurden nicht dokumentiert.

 

Bei vier von fünf Fällen entdeckten die Apotheker ein ABP pro Selbstmedikationswunsch. Bei den restlichen OTC-Wünschen mit ABP lagen zwei bis vier verschiedene Probleme vor (Tabelle 1). In der Untersuchung wurden somit insgesamt 2666 ABP festgestellt.

 

Welche Probleme treten besonders häufig auf, und worauf muss die Apotheke besonders achten? Um diese Frage zu klären, wurden die ABP in zehn Kategorien pharmazeutisch relevanter Probleme eingeteilt (Abbildung 1). Die mit Abstand häufigsten Probleme waren »Selbstmedikation ungeeignet, Klärung durch den Arzt erforderlich«, gefolgt von »Präparat für Symptome ungeeignet« und der »Verdacht auf Missbrauch/zu lange Anwendungsdauer«. Die weiteren ABP folgen im einstelligen Prozentbereich mit »falsche Dosierung« als nächsthäufigem Problem. Diese vier ABP machen insgesamt fast 75 Prozent aller beobachteten ABP aus.

Betrachtet man die Häufigkeit von ABP bei den unterschiedlichen Indikationen, so traten die meisten OTC-Wünsche mit ABP (mehr als 70 Prozent) auch in den vier häufigsten Indikationsgebieten auf: Schmerzen, Respirationstrakt, Magen-Darm-Trakt und Haut (Abbildung 2).

Besondere Beachtung erfordern aber auch einige Indikationsgebiete, die zwar von den absoluten Zahlen der Selbstmedikationswünsche eine untergeordnete Rolle spielten, bei denen aber, relativ betrachtet, häufig Probleme auftraten. Auffällig waren zum Beispiel die Indikationsbereiche Ohren und Urogenitaltrakt. Die absolute Anzahl der Selbstmedikationswünsche betrug nur jeweils 67 (0,5 Prozent) und 298 (2,4 Prozent), Probleme wurden aber bei 43,3 Prozent (Ohren) sowie bei  28,5 Prozent (Urogenitaltrakt) beobachtet. Demgegenüber standen Indikationsgebiete wie Raucherentwöhnung und Immunmodulation oder -stärkung, bei denen ABP nur selten beobachtet wurden: jeweils bei etwa 5 Prozent der OTC-Wünsche. Einige konkrete Fallbeispiele aus der Untersuchung (Kasten) verdeutlichen, wie sich häufige ABP in der Apotheke darstellen können.

Typische ABP in der Selbstmedikation

Einige reale Beispielfälle aus dem Projekt sollen verdeutlichen, wie sich ABP in der Apotheke entdecken und lösen lassen.

 

Falsche dosierte Venenpräparate

Eine »Laufkundin« möchte 50 Tabletten eines Venenpräparats kaufen, das sie schon länger einnimmt. Um zu bestätigen, dass eine Selbstmedikation vertretbar und das gewünschte Präparat geeignet ist, fragt die Apothekerin nach den bisherigen Erfahrungen und nach Kenntnissen zu Dosierung, Anwendung und Behandlungsdauer. Die Patientin erklärt unter anderem, dass sie das Medikament bei Bedarf einmal täglich einnimmt.

 

Das Beratungsgespräch zeigt, dass eine Selbstmedikation möglich und das Präparat geeignet ist. Allerdings wendet die Patientin eine falsche Dosierung an, die daher nicht wirksam ist. Die Apothekerin erklärt ihr die richtige Dosierung und Anwendungsdauer.

 

Gewünschtes Präparat ungeeignet

Ein Mann kommt mit dem Selbstmedikationswunsch Wick Medinait® in die Apotheke. Die Frage, für wen das Arzneimittel bestimmt ist, ergibt, dass es für seinen sechsjährigen Sohn sei. Vor einigen Tagen habe der Junge Halsschmerzen bekommen, die aber wieder zurückgegangen seien. Jetzt stehe vor allem der Husten im Vordergrund.

 

Um zu klären, ob eine Selbstmedikation überhaupt möglich ist, fragt die Apothekerin nach Begleitsymptomen, bestehenden Erkrankungen sowie der Einnahme weiterer Arzneimittel.

 

Die Beratung ergibt, dass eine Selbstmedikation möglich ist. Das gewünschte Präparat ist aber aufgrund des Hilfsstoffs Ethanol bei Kindern kontraindiziert (die maximale Einzelgabe enthält mehr als 3 g Ethanol). Zudem passen die Wirkstoffe nicht zur geschilderten Symptomatik. Da ein produktiver Husten vorliegt, wird Ambroxol empfohlen.

 

Zu lange Anwendung von Analgetika

Frau Kunert, eine 35-jährige Stammkundin, möchte eine Packung Kopfschmerzmittel. Der Blick in ihre Medikationsdatei bestätigt, dass sie dieses Präparat seit einem halben Jahr häufiger und in immer kürzeren Abständen kauft. Im Beratungsgespräch stellt sich heraus, dass die Frau unter starken Dauerkopfschmerzen leidet und mittlerweile fast täglich Kopfschmerztabletten einnimmt. Schon beim letzten Apothekenbesuch wurde sie auf die Problematik einer zu langen Anwendung von Schmerzmitteln hingewiesen, die einen sekundären arzneimittelinduzierten Dauerkopfschmerz auslösen kann.

 

Der Apotheker klärt die Patientin nochmals über den Zusammenhang zwischen Kopfschmerzen und Einnahme der Präparate auf und rät dringend zu einem Arztbesuch. Die Kundin will sich dies noch einmal überlegen.

Kann die Speicherung von Arzneimitteldaten in einer Medikationsdatei die Arzneimittelsicherheit erhöhen? Auch dies wurde in der Studie überprüft. Insgesamt lag bei rund einem Viertel der Patienten, die sich selbst behandeln wollten, eine Medikationsdatei vor. Bei zwei Arten von ABP hatte dies einen signifikanten Nutzen: So wurden mit Medikationsdatei signifikant häufiger falsche Dosierungen sowie Interaktionen aufgefunden. Besonders auffällig war das Ergebnis bei den Interaktionen: Bei 67,0 Prozent der erkannten Wechselwirkungen lag eine Medikationsdatei vor.

 

Erfolgreiche Beratung

 

Bei allen Selbstmedikationswünschen, in denen ABP auftraten, erfolgte eine Beratung der Patienten durch den Apotheker. Die mit Abstand häufigsten Interventionen waren daneben ein Arztverweis (bei etwa 40 Prozent aller ABP) sowie die Empfehlung und Abgabe eines anderen Arzneimittels als des gewünschten (etwa 30 Prozent). Nur bei 1,5 Prozent aller OTC-Wünsche mit ABP kontaktierte der Apotheker direkt den Arzt; meistens wurden die Patienten bei Problemen wie Überschreitung der Grenzen der Selbstmedikation direkt an den Arzt verwiesen.

 

Andere Interventionen spielten nur eine untergeordnete Rolle. Beispiele sind die Ausgabe von Informationsmaterial, praktische Hilfe bei Handhabungsproblemen (Öffnen der Packung oder Teilen der Tabletten) oder das Aushändigen eines Kopfschmerztagebuchs einschließlich der Anleitung, wie dieses zu führen ist.

Beratung verhindert Folgeschäden

Arzneimittelprobleme sind keine Bagatelle. Mit fachkundiger Beratung können Apotheker ihre Patienten vor gravierenden Folgen bewahren. Einige Beispiele.

 

Selbstmedikation ungeeignet

Eine Frau möchte für ihren 63-jährigen Ehemann etwas gegen Schulterschmerzen kaufen. Auf Nachfrage schildert sie, dass ihr Mann seit zwei Tagen so schlimme Schmerzen habe, dass diese bis in den Brustbereich ziehen und er sogar Atemprobleme habe. Ein einfaches Schmerzmittel habe nicht wirklich geholfen.

 

Aufgrund der Symptome ist eine Selbstmedikation ungeeignet. Die Apotheke rät dringend zur ärztlichen Abklärung. Noch am gleichen Tag löst die Frau ein Rezept über Moxifloxacin ein, das der Arzt aufgrund der diagnostizierten Pneumonie verordnet hat.

 

Kontraindikation: ASS bei Kindern

Eine Frau wünscht ein Präparat mit Acetylsalicylsäure für ihre zehnjährige Tochter, die eine Erkältung und seit dem heutigen Tag auch leichtes Fieber hat. Das Hinterfragen der Eigendiagnose ergibt, dass eine Selbstmedikation zwar grundsätzlich möglich ist, für Acetylsalicylsäure aber aufgrund des Alters der Tochter eine Anwendungsbeschränkung vorliegt. Aufgrund des Risikos, ein mitunter tödliches Reye-Syndrom auszulösen, rät die Apotheke von ASS ab und empfiehlt als Alternative ein Paracetamol-Präparat.

 

Präparat für Indikation ungeeignet

Eine 57-jährige Frau kommt in die Apotheke und wünscht ein Präparat, das im Fernsehen als homöopathische Zubereitung bei Blutdruckstörungen beworben wurde. Sie gibt an, wegen des Bluthochdrucks schon in Behandlung gewesen zu sein. Das Medikament habe sie aber nicht gut vertragen und daher abgesetzt. In den letzten Tagen habe sie das Gefühl, einen erhöhten Blutdruck zu haben. Sie berichtet von Schwindelgefühlen und Kopfschmerzen. Die Blutdruckmessung in der Apotheke ergibt eine krisenhafte Entgleisung mit Werten von 225/125 mmHg. Die Apothekerin verweist die Patientin an den Hausarzt, da der Blutdruck einer sofortigen ärztlichen Abklärung und Intervention bedarf.

Knapp die Hälfte der ABP, genauer 991, wurden komplett gelöst. Ein ABP wurde so bewertet, wenn das Problem entweder direkt in der Apotheke gelöst wurde oder wenn der Patient nach einem Arztverweis eine positive Rückmeldung an die Apotheke gab. Ebenfalls knapp die Hälfte der ABP wurde teilweise gelöst (n = 1000). In der überwiegenden Zahl dieser Fälle handelte es sich dabei um Arztverweise, bei denen in der Apotheke die Grenzen der Selbstmedikation erkannt wurden. Auch wenn Patienten sich bei missbräuchlicher Arzneimittelanwendung beraten ließen und entsprechende Maßnahmen zur Änderung der Situation ergreifen wollten, das Ergebnis aber nicht bekannt war, wurde der Fall als »teilweise gelöst« eingestuft.

 

Nur jedes zehnte Problem konnte nicht gelöst werden. Meist sahen die Patienten die Notwendigkeit zur Änderung der Situation nicht ein oder lehnten eine Beratung ganz ab. Oftmals betraf dies die missbräuchliche Arzneimittelanwendung. Positiv: Neun von zehn ABP konnten die Apotheker und Apothekerinnen ganz oder teilweise lösen.

 

Die teilnehmenden Kollegen wurden abschließend gebeten, den Zeitbedarf bei jedem ABP zu schätzen. Dabei ging es nur um die Zeit zur Problemlösung, nicht um die Gesamtzeit der Beratung. Der Zeitaufwand zur Bearbeitung eines ABP betrug im Mittel 3,7 Minuten (Median 3,0 Minuten) und reichte von 0,5 bis zu 45 Minuten.

 

Täglich 350 000 ABP

 

Die quantitative Erfassung ermöglicht erstmals eine realistische Schätzung, wie viele ABP täglich allein in der Selbstmedikation in öffentlichen Apotheken in Deutschland erkannt werden. 2007 wurden insgesamt 564 Millionen Arzneimittelpackungen in der Selbstmedikation in öffentlichen Apotheken abgegeben (8). In der vorliegenden Untersuchung wurde bei 17,6 Prozent aller Selbstmedikationswünsche ein ABP detektiert und bearbeitet. Hochgerechnet lässt dies auf über 99 Mil­lionen erkannte ABP pro Jahr oder fast 350 000 ABP pro Tag schließen.

 

Für jede einzelne Apotheke bedeutet dies: Bei etwa 21 600 Apotheken in Deutschland ergeben sich im Durchschnitt 16 ABP pro Apotheke und Tag alleine in der Selbstmedikation, die sich unter Alltagsbedingungen detektieren lassen. Mindestens 14 davon können in der Apotheke ganz oder zumindest teilweise gelöst werden. Damit tragen die Präsenzapotheken ohne Zweifel dazu bei, die Patienten vor möglichen Folgeerkrankungen, unwirksamen oder gefährlichen Therapien und/oder finanzieller Belastung zu bewahren (Kasten »Folgeschäden«).

 

Bei diesen Zahlen handelt es sich um eine konservative Schätzung, da sich die Hochrechnung der ABP auf die Anzahl der jährlich tatsächlich verkauften Arzneimittel bezieht. Bei der Untersuchung wurde dagegen jeder Selbstmedikationswunsch einbezogen, auch wenn das Beratungsgespräch nicht mit einer Arzneimittelabgabe endete. Dies war oftmals der Fall, wenn die Apotheke dem Patienten zum Arztbesuch riet, weil die Grenzen der Selbstmedikation überschritten waren.

 

Die Häufigkeit, mit der die teilnehmenden Apothekerinnen und Apotheker ABP dokumentierten, variierte stark. Während etliche Teilnehmer bei jedem dritten oder vierten Selbstmedikationswunsch ein Problem entdeckten, fanden andere nur vereinzelt ein ABP. Eine solch große Spannbreite wurde auch in internationalen Studien beobachtet (7, 9, 10). Auch wenn sicher die tatsächliche Anzahl ABP pro 100 beratenen Patienten in jeder Apotheke unterschiedlich war, ist aufgrund der großen Spannbreite und der verschiedenen identifizierten ABP wahrscheinlich, dass eine Optimierung beim Erkennen von ABP möglich ist.

 

Lernen für die Praxis

 

In der hier vorgestellten Untersuchung wurden ABP in der Selbstmedikation deutschlandweit zum ersten Mal nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ erfasst. Es wurde eindrucksvoll gezeigt, dass täglich eine Vielzahl relevanter ABP im Bereich der Selbstmedikation in öffentlichen Apotheken erkannt und gelöst wird (siehe »Kernaussagen«). Das unterstreicht einmal mehr, dass auch nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel erhebliche Risiken bergen können. Eine Trivialisierung von Arzneimitteln muss daher unbedingt verhindert werden. Die Schätzung mit täglich 350 000 ABP in Deutschland alleine in der Selbstmedikation zeigt zudem, dass die Apothekenpflicht und die fachkundige Begleitung des Apothekers große Bedeutung für die Arzneimitteltherapiesicherheit haben.

Kernaussagen zum Projekt

In die Untersuchung wurden 12 567 dokumentierte Selbstmedikationswünsche einbezogen; in 17,6 Prozent aller Fälle wurden relevante ABP festgestellt.

Mehr als 70 Prozent aller Selbstmedikationswünsche ließen sich in vier Indikationsbereiche einordnen: Schmerzen, Magen-Darm-Trakt, Respirationstrakt und Haut.

In diesen vier Indikationsbereichen wurden insgesamt über 70 Prozent aller ABP detektiert.

Die vier häufigsten ABP mit insgesamt knapp 75 Prozent sind ungeeignete Selbstmedikation, ungeeignetes Präparat, Verdacht auf Missbrauch/zu lange Anwendungsdauer und falsche Dosierung.

Mehr als 90 Prozent der ABP wurden teilweise oder ganz gelöst.

Aus den Zahlen lässt sich abschätzen, dass in deutschen Apotheken alleine in der Selbstmedikation etwa 350 000 ABP täglich detektiert werden; das sind im Durchschnitt 16 ABP pro Apotheke und Tag.

 

Was können die Apotheker für die Praxis aus der Untersuchung ableiten? Eine gute Möglichkeit, ABP vermehrt zu erkennen, bietet die Medikationsdatei. Es erscheint zudem sinnvoll, sich in einem ersten Schritt auf die vier am häufigsten nachgefragten Indikationsgebiete zu konzentrieren. Mit überschaubarem Aufwand lässt sich so eine große Wirkung erzielen. In der Konsequenz sollte sich das pharmazeutische Personal in diesen Bereichen auch gezielt fortbilden. Ferner sollten Indikationen bekannt sein, in denen ein erhöhtes Risiko für ABP besteht, zum Beispiel Indikationen, die Erkrankungen der Ohren und des Urogenitaltrakts betreffen.

 

Die zwei häufigsten arzneimittelbezogenen Probleme waren »Selbstmedikation ungeeignet, Klärung durch den Arzt erforderlich« und »Präparat für Symptome ungeeignet«. Dies verdeutlicht zum einen, wie wichtig es ist, grundsätzlich die Grenzen der Selbstmedikation zu hinterfragen. Zum anderen zeigt es, dass Patienten zwar ein bestimmtes Medikament verlangen, aber dennoch häufig nicht genau über das Arzneimittel, dessen Anwendung und Eignung Bescheid wissen. Bei Präparatewünschen, die in dieser Untersuchung drei Viertel der OTC-Wünsche ausmachten und bei denen 80 Prozent der ABP dokumentiert wurden, ist eine aktive Beratung der Apotheke umso notwendiger, da der Patient in vielen Fällen keinen Beratungsbedarf signalisieren wird.

 

Das dritthäufigste Problem war »Verdacht auf Missbrauch, zu lange Anwendungsdauer«. Dieses betraf vor allem die Anwendung von Schmerzmitteln, Laxanzien und vasokonstriktorischen Rhinologika (siehe hierzu auch Leitfaden der Bundesapothekerkammer für die apothekerliche Praxis »Medikamente: Abhängigkeit und Missbrauch« www.abda.de/medikamentenabhngigkeit.html) und ließ sich in der Apotheken oftmals nicht lösen. Bei den problematischen Arzneistoffgruppen sollte die Apotheke die Patienten daher vor allem präventiv über die Risiken einer zu langen Anwendung aufklären.

 

Angesichts der Risiken und Grenzen der Selbstmedikation kommt der Apotheke als fachlich kompetenter Begleiter des Patienten eine wichtige Aufgabe zu. Wissen und kommunikative Fähigkeiten der pharmazeutischen Mitarbeiter, gute Erreichbarkeit und die oft vorhandenen Patienten- und Arzneimitteldaten prädestinieren die öffentlichen Apotheken für diese Aufgabe. Sie tragen deshalb hohe Verantwortung für die Arzneimitteltherapiesicherheit. Dass sie diese Aufgabe wahrnehmen können, hat die Untersuchung gezeigt. Eine Sensibilisierung des gesamten pharmazeutischen Teams, verstärkt auf Problembereiche in der Selbstmedikation zu achten, kann den Beitrag zur Arzneimittelsicherheit weiter erhöhen.

Wir danken allen Kollegen, die sich mit großem Engagement in den Apotheken an der Untersuchung beteiligt haben. Christiane Sauerwein, ZAPP der ABDA, danken wir herzlich für den Aufbau der Access-Datenbank.

Literatur

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Bootman, J. L., Drug-related morbidity and mortality: an economic and clinical perspective. Manag. Care 11 (2002) 12-15.

Griese, N., Hämmerlein, A., Schulz, M., Ergebnisse der Aktionswoche »Arzneimittelbezogene Probleme«. Pharm. Ztg. 151 (2006) 2374-2383.

Bond, C., Hannaford, P., Issues related to monitoring the safety of over-the-counter (OTC) medicines. Drug Saf. 26 (2003) 1065-1074.

Francis, S. A., Barnett, N., Denham, M., Switching of prescription drugs to over-the-counter status: is it a good thing for the elderly? Drugs Aging 22 (2005) 361-370.

Westerlund, L. T., et al., Nonprescription drug-related problems and pharmacy interventions. Ann. Pharmacother. 35 (2001) 1343-1349.

ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Die Apotheke – Zahlen, Daten, Fakten, 2007.

Westerlund, T., Almarsdottir, A. B., Melander, A., Factors influencing the detection rate of drug-related problems in community pharmacy. Pharm. World Sci. 21 (1999) 245-250.

Knapp, K. K., et al., Community pharmacist interventions in a capitated pharmacy benefit contract. Am. J. Health Syst. Pharm. 55 (1998) 1141-1145.

 

Das Projekt arzneimittelbezogene Probleme in der Selbstmedikation wurde beim Weltkongress der Pharmazie der FIP – International Pharmaceutical Federation vom 3. bis 8. September 2009 in Istanbul mit einem Posterbeitrag vorgestellt. Das Poster »Prevalence of drug-related problems in self-medication (OTC use)« wurde beim Kongress aus mehr als 100 Posterbeiträgen ausgewählt und mit dem 2. Posterpreis der Community Pharmacy Section ausgezeichnet.

Die Autoren

Christiane Eickhoff studierte Pharmazie an der Freien Universität (FU) Berlin (Approbation 1994). 2000 folgte die Promotion in Klinischer Pharmazie an der FU im Arbeitskreis von Professor Dr. Ulrich Jaehde. Bis 2002 war sie in der Biotechnologie tätig. Seitdem ist sie Referentin im Zentrum für Arzneimittelinformation und Pharmazeutische Praxis (ZAPP) der ABDA.

 

Andrea Hämmerlein studierte Pharmazie an der FU Berlin (Approbation 1998). Nach dem praktischen Jahr im Department of Pharmaceutics an der University of Florida, Gainesville, USA, folgte die Promotion am Institut für Klinische Chemie und Pathobiochemie der Charité (2003). Seit 2004 ist sie Referentin im ZAPP.

 

Nina Griese studierte Pharmazie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Nach der Approbation 2000 folgte die Promotion am Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie und an der Klinik und Poliklinik für Kinderheilkunde, Pädiatrische Hämatologie und Onkologie, der Westfälischen Wilhelms-Universität, Münster (2003). Seit 2003 ist sie Referentin im ZAPP.

 

Martin Schulz studierte Pharmazie (Approbation 1983) und Medizin an der Universität Hamburg. Nach der Promotion im Fach Pharmakologie übernahm er im Oktober 1988 die Leitung des ZAPP der ABDA, 2002 zudem die Geschäftsführung des Deutschen Arzneiprüfinstituts (DAPI). Seit Juli 2005 ist er Honorarprofessor für Klinische Pharmazie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt am Main. Seit 2008 ist Professor Schulz Geschäftsführer des Geschäftsbereichs Arzneimittel der ABDA und seit 2009 Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker.

 

Anschrift der Verfasser:

Zentrum für Arzneimittelinformation und Pharmazeutische Praxis (ZAPP) der ABDA

Jägerstraße 49/50

10117 Berlin

zapp(at)abda.aponet.de

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