Pharmazeutische Zeitung online
Projekt der AK Berlin

Praxis-Check ­Medikationsanalyse

22.05.2017
Datenschutz bei der PZ

Von Eva Goebel / Mit strukturierten Medikationsanalysen leisten Apotheker einen wichtigen Beitrag zur Arzneimitteltherapiesicherheit. In dem Projekt der Berliner Apothekerkammer »Evaluation der Medikationsanalyse als Prozess« identifizierten die teilnehmenden Apothekerinnen und Apotheker innerhalb von vier Monaten in ­insgesamt 39 Medika­tionsanalysen 124 arzneimittelbezogene ­Probleme. 80 Prozent ­davon konnten innerhalb des Untersuchungszeitraumes gelöst oder teilweise gelöst werden. Bei einem Viertel der ABP wurde ein ­behandelnder Arzt an der Lösung beteiligt.

Im zweiten Quartal 2016 rief die Apothekerkammer Berlin eine Projekt- gruppe ins Leben, die nach einer ­achtstündigen Basisschulung »Medikationsanalyse als Prozess« Erfahrungen in der Durchführung von Medikationsanalysen Typ 2a in ihren Apotheken sammeln und strukturiert zusammentragen sollte. An dem Projekt nahmen 19 Berliner Apotheker teil.

Das Projekt umfasste drei Teile:

 

  • Besuch des Seminars »Medikationsanalyse als Prozess« gemäß Curriculum der Bundesapothekerkammer (BAK) am 20. August 2016 (Referentin: Dr. Katja Renner),
  • Durchführung und Dokumentation von bis zu drei Medikationsanalysen durch die teilnehmenden Apotheker in ihren Apotheken im Zeitraum ­September bis Dezember 2016,
  • Teilnahme an einem Evaluationstreffen am 7. Januar 2017.

Ziele des Projektes waren: 

  • Evaluation der Arbeitshilfen der BAK (Praxistauglichkeit, Akzeptanz durch Arzt/Patienten) (1),
  • Ermittlung weiteren Bedarfs an Schulungen und unterstützender Materialien für die Durchführung von Medikationsanalysen Typ 2a in öffent­lichen Apotheken,
  • Erfassung von Zahl und Art der arzneimittelbezogenen Probleme durch die am Projekt beteiligten Apotheker und deren jeweiliger Lösung durch Apotheker und/oder Arzt.

PZ-Originalia . . .

In der Rubrik Originalia werden wissen­schaftliche Untersuchungen und Studien veröffentlicht. Eingereichte Beiträge sollten in der Regel den Umfang von vier Druckseiten nicht überschreiten und per E-Mail geschickt werden. Die PZ behält sich vor, eingereichte Manuskripte abzulehnen. Die veröffentlichten Beiträge geben nicht grundsätzlich die Meinung der Redaktion wieder.

 

redaktion@avoxa.de

 

ABP im Fokus

 

Arzneimittelbezogene Probleme (ABP) sind Ereignisse oder Umstände bei der Arzneimitteltherapie, die tatsächlich oder potenziell das Erreichen angestrebter Therapieziele verhindern (2). Bei Medikationsanalysen Typ 2a in ­öffentlichen Apotheken stehen ABP aus diesen Bereichen im Fokus: ­(Pseudo)Doppelmedikation, Interak­tionen, ungeeignetes Dosierungsin­tervall/ungeeigneter Anwendungszeitpunkt, ungeeignete Darreichungsform, Anwendungsprobleme, Nebenwirkung/­Un­ver­träg­lich­keit, mangelnde Therapietreue, nicht sachgerechte Lagerung sowie ungeeignete oder falsch dosierte Selbstmedikation. Datenquellen sind die von Patienten mitgebrachten Medikamente (»Brown Bag«), die Kundendatei (sofern vorhanden) und das Gespräch mit dem Patienten.

 

Die Projektteilnehmer sollten für jede Medikationsanalyse einen pseudonymisierten Fallbogen mit Fragen zum Zeitaufwand und zum Vorhandensein eines Medikationsplanes ausfüllen. Zudem sollten sie jedes identifizierte ABP in dem dafür vorgesehenen Arbeitsbogen der Bundesapothekerkammer in die oben genannten Kategorien einsortieren, beschreiben, einen Lösungsvorschlag skizzieren und ankreuzen, ob sie das ABP als gelöst, teilweise gelöst oder (noch) nicht gelöst einstufen und ob sie den behandelnden Arzt involviert haben.

Tabelle: Fazit der Projektgruppe zu Seminaren, Qualifikation und erforderlicher Unterstützung

Prozess-Seminar Das Seminar »Medikationsanalyse als Prozess« bereitet gut und ausreichend auf den Prozess der Durchführung von Medikationsanalysen Typ 2a in öffentlichen Apotheken vor.
Fallorientiertes Lernen Die Projektgruppe hält das Lernen anhand von Medikationsanalyse-Beispielfällen für sinnvoll und zielführend (eventuell integrierbar in Prozess-Seminar).
Basiswissen Zum Erwerb und Erhalt des erforderlichen pharmakologisch-klinischen Wissens wird ein umfangreiches Fortbildungsangebot gewünscht, aus dem – je nach individueller Identifizierung der Wissensdefizite – gewählt werden kann. Diese Themen sollten regelmäßig angeboten werden:
  • Interaktionen,
  • Umgang mit Leitlinienempfehlungen,
  • leitliniengerechte Therapie der häufigsten Erkrankungen (Hypertonie, Herzinsuffizienz, KHK, Diabetes, Asthma, Depression, chronischer Schmerz…),
  • leitliniengerechte Behandlung von multimorbiden Patienten, Umgang mit alten und beeinträchtigten Patienten,
  • Interpretation von Laborwerten (grobe Einordnung),
  • Nebenwirkungen,
  • Kommunikation mit Ärzten
Konsil Ein Austausch zu Fällen und arzneimittelbezogenen Problemen wird gewünscht - gerne auf einer Online-Plattform. In der Übungsphase auch im persönlichen Austausch in Qualitätszirkeln oder moderierten Falldiskussionen/Fallkonferenzen sinnvoll, in die eigene Fälle eingebracht werden können.
Interprofessionelle ­Zusammenarbeit Zur Förderung der Arzt-Apotheker-Kooperation sollten gemeinsame Veranstaltungen zum Thema Arzneimittelinteraktionen/interprofessionelles Medikationsmanagement angeboten werden.
Kompetenznachweis Ein Zertifikat – Kompetenznachweis Medikationsmanagement – wäre als »Aushängeschild« schön. Dadurch würde die Apotheke auch für PhiP attraktiv, die sich in diesem Gebiet weiterentwickeln möchten.

Medikationsanalysen: Auswertung der Fälle

 

Untersuchungszeitraum 

  • 4 Monate (22. August bis 23. Dezember 2016)

Patienten 

  • Anzahl: 39, davon 19 weiblich, 19 männlich, 1 keine Angabe (Fallbogen nicht ausgefüllt)
  • Durchschnittsalter: 69 Jahre

Zeitaufwand der Medikationsanalysen gemäß BAK-Leitlinie 

(Erstgespräch + ABP-Prüfung + Zweitgespräch= Gesamtzeitaufwand) 

  • 38 Fälle ausgewertet: durchschnittlich 125 Minuten (Spanne 10 bis 368 Minuten)
  • 10 Arzneimittel im Durchschnitt

Medikationsplan 

  • knapp die Hälfte der Patienten (42 Prozent) hatte keinen Medikationsplan
  • bei einem knappen Drittel der Patienten (32 Prozent) wich die tatsächliche von der verordneten Einnahme ab

Identifizierte arzneimittelbezogene Probleme (ABP) 

  • insgesamt wurden in 39 Medikationsanalysen 124 ABP identifiziert (zwischen einem und neun pro Analyse), knapp die Hälfe waren Interaktionen (Abbildung)
  • 80 Prozent der ABP konnten gelöst/teilweise gelöst werden, bei einem knappen Viertel der identifizierten ABP (27 Prozent) wurde ein behandelnder Arzt involviert

BAK-Leitlinie und Prozess-Seminar sind zielführend

 

Nach der Durchführung von drei Medikationsanalysen sollten die Apotheker einen Fragebogen zu erforderlichen Seminaren, zu dem Prozess und den Materialien sowie zur Kommunikation mit Ärzten und Patienten beantworten. Die Ergebnisse der Fragebögen wurden bei dem Evaluationstreffen ausführlich diskutiert.

 

Die Gruppe ist sich einig, dass die Leitlinie der BAK gut strukturiert ist und die Arbeitsmaterialien hilfreich sind. Nach den Erfahrungen der Gruppe helfen Medikationsanalysen nicht nur den Patienten, sondern erhöhen auch Berufszufriedenheit. Allerdings seien Medikationsanalysen sehr zeitaufwändig, im Routinebetrieb definitiv nicht möglich und ohne extra Vergütung nicht zu leisten. Ein gutes Zeitmanagement sei essenziell, so die Gruppe. Die Tabelle fasst das Fazit der Projektgruppe zu Seminaren, Qualifikation und erforderlicher Unterstützung zusammen.

 

Fazit und Ausblick

 

Mit strukturierten Medikationsanalysen leisten Apotheker einen wichtigen Beitrag zur Arzneimitteltherapiesicherheit. Medikationsanalysen sind reizvolle, fordernde fachliche Tätigkeiten, die nicht nur den Patienten helfen sondern auch die Berufszufriedenheit erhöhen.

 

Durch das Seminar »Medikationsanalyse als Prozess« gemäß BAK-Curriculum und regelmäßiger Fortbildung gemäß individuell identifizierten Wissensdefiziten sind Apotheker nach eigener Einschätzung für diese Dienstleistung sehr gut qualifiziert. Da die strukturierte Medikationsanalyse eine Dienstleistung ist, die weit über die Information und Beratung nach § 20 Apothekenbetriebsordnung hinausgeht, ist sie nicht über die Arzneimittelpreisverordnung abgegolten, sondern muss angemessen vergüten werden. Sowohl bezüglich der Vergütung als auch bezüglich der interprofessionellen Zusammenarbeit ist ARMIN (Arzneimittelinitiative Sachsen/Thüringen; www.arzneimittelinitiative.de) richtungsweisend. /

 

Literatur 

  1. BAK-Arbeitshilfen: www.abda.de > Qualitätssicherung > Leitlinien > Leitlinien und Arbeitshilfen > Medikationsanalyse
  2. Grundsatzpapier zur Medikationsanalyse und zum Medikationsmanagement, ABDA, Stand 26. Juni 2014, https://www.abda.de/uploads/tx_news/Grundsatzpapier.pdf

Kontakt

Eva Goebel
Apothekerkammer Berlin
Littenstr. 10
10179 Berlin
E-Mail: goebel@AKBerlin.de

Mehr von Avoxa