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Gesundheitswirtschaft

Zwischen Boom und rauer Wirklichkeit

06.09.2011
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Von Christiane Berg, Hamburg / Widersprüche prägten die Diskussionen der Zukunftsbranche beim Hamburger Gesundheitswirtschaftskongress. Gedeckelte Budgets hemmen Wachstum und Innovationskraft gerade der forschenden Unternehmen und machen Ärzten und Apothekern das Leben schwer

»Nur Investitionen in die eigene Stärke, sprich: intensive Marktanalyse und eindeutige Positionierung garantieren das Überleben im Gesundheitsmarkt.« Das sagte Professor Dr. Heinz Lohmann zur Eröffnung des siebten Gesundheitswirtschaftskongresses in Hamburg.

Der Kostendruck im Gesund­heits­wesen werde nicht zuletzt angesichts der demografi­schen Entwicklung in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Ledig­lich durch den konsequenten Ausbau individueller Fähigkeiten und Potenziale könnten Leis­tungs- und Gesundheitsanbie­ter ihre Existenzfähigkeit im Wettbewerb sichern.

 

»Souveräne« Patienten

 

Gesundheitsanbieter müssten sich deutlicher denn je an den Interessen und Bedürfnissen der, so Lohmann, »souveränen« Patienten ausrichten, die als Konsumenten mehr und mehr auch bereit seien, eigenes Geld in ihr körperliches und seelisches Wohlbefinden zu investieren. Lohmann: »Was für junge Menschen die Disco ist, ist für alte Menschen die Apotheke. Dieser Trend bestimmt zukünftig die Entwicklung der gesamten Gesundheitswirtschaft.« Einmal mehr prallten die zwei Welten der boomenden Gesundheitswirtschaft und der rauen Wirklichkeit gedeckelter Budgets auf dem diesjährigen Kongress aufeinander. Die Diskussionen der Zukunftsbranche waren von Widersprüchen geprägt.

 

So hemmen knappe Kassen nicht nur das Wachstum und die Innovationskraft auch und gerade forschender Unternehmen. Sie erschweren das Leben von Ärzten und Apothekern. Keinesfalls souveräne, sondern im Gegenteil hilflose Patienten klagen über gravierende Benachteiligungen durch eine Zweiklassenmedizin. Zwar zeigte sich die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles in einer Podiumsdiskussion von der Einführung der Bürgerversicherung als Garant für mehr Gerechtigkeit und Solidarität spätestens 2013 überzeugt. Doch sei auch dieses »intelligente«, jedoch kontrovers diskutierte Finanzierungskonzept »keine eierlegende Wollmilchsau zur Rettung des Gesundheitswesens«. Die Bürgerversicherung löse weder strukturelle Probleme noch könne sie die Bezahlbarkeit des medizinischen Fortschritts garantieren.

 

Nahles wirbt für ihr Modell

 

Das von Nahles federführend für den SPD-Vorstand angestrebte »Finanz-Modell mit gesellschaftlicher Relevanz« soll sowohl durch einkommensgemäße Bürger- und Arbeitgeberbeiträge als auch durch dynamisierte Steuerbeiträge getragen werden und über die Zinsabgeltungssteuer Gewinne aus privaten Kapitalvermögen mit einbeziehen. Auch soll es keine Trennung mehr zwischen gesetzlich und privat versicherten Patienten geben. Damit, so Nahles, tragen auch die Besserverdienenden zur Bürgerversicherung bei.

 

»Die Geschichte der steuerlichen Co-Finanzierung ist keine Erfolgsstory. Steuerzuschüsse sind keine verlässliche Größe. Das hat die Vergangenheit gezeigt«, warnte Dr. Christoph Straub, Vorstandvorsitzender der Barmer GEK, Berlin. Er forderte Finanz-Modelle, die mehr Planbarkeit und Sicherheit für Kassen, Leistungsanbieter und Patienten gewährleisten. /

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