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Halale Medikamente

Arzneien nach muslimischen Regeln

12.08.2015
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Von Christina Hohmann-Jeddi, Frankfurt am Main / In deutschen Apotheken werden sie bislang selten nachgefragt, doch es gibt sie schon: halale, also nach muslimischen Vorschriften erlaubte Arzneimittel. Auch deutsche Hersteller setzen vermehrt auf Halal-Zertifikate als Wettbewerbsvorteil für ihre Präparate.

»Es besteht ein wachsender Bedarf an halal-zertifizierten Produkten und auch Arzneimitteln, denn das Bewusstsein der Muslime hierfür nimmt weltweit zu«, sagte Dr. Jaqueline Schönfelder vom Pharmaunternehmen Glaxo-Smith-Kline (GSK) auf der Mitgliederversammlung des Deutschen Pharmazeutinnen Verbands Mitte Juli in Frankfurt am Main. »Viele pharmazeutische Unternehmen haben diesen Trend erkannt und streben Halal-Zertifizierungen für ihre Präparate an.«

Weltweit leben 1,6 Milliarden Muslime. In streng religiösen Ländern wie Malaysia, Indonesien oder den Golfstaaten erwarte man entsprechende Zertifikate, erklärte die Pharmazeutin. Aber auch in Europa und in den USA wachse die Nachfrage. GSK hat entsprechende Zertifikate für zwei Impfstoffe.

 

Halal ist das arabische Wort für erlaubt und beschreibt alle Handlungen, die den religiösen Vorschriften entsprechen. Erlaubt ist dabei alles, was nicht haram, also verboten ist. Eine starke Gewichtung liegt auf den Regeln zu Nahrungsmitteln, bekannt sind hier vor allem die Verbote von Schwein und Alkohol. Um als halales Arzneimittel zertifiziert zu werden, müssen die gesamte pharmazeutische Produktion sowie alle Ausgangsstoffe halal sein. Für die Zertifizierung sind verschiedene muslimische Organisationen zuständig, die zum Teil unterschiedliche Richtlinien anwenden. Goldstandard seien die indonesischen Richtlinien, so Schönfelder.

 

Weder im Endprodukt noch in der Produktion dürfen verbotene Stoffe enthalten sein beziehungsweise verwendet werden. Auch Verunreinigungen müssen ausgeschlossen werden. Als haram gelten neben Schwein und Alkohol auch Blut, nicht halal geschlachtete Tiere sowie einige andere Spezies wie Fische ohne Schuppen. »Auch Muscheln und Krebstiere werden von einigen Gruppen abgelehnt«, so die Referentin.

Produkte von halalen Tieren sind dann erlaubt, wenn beim Schlachten gewisse Regeln eingehalten werden. So muss die Schlachtung von einem gläubigen Moslem durchgeführt werden und darf das Tier nicht unnötig quälen. Eine Betäubung ist erlaubt, darf aber das Tier nicht töten, weshalb sie oft unterlassen wird. Das Tier muss vollkommen ausbluten, da Blut selbst haram ist. Wenn diese Regeln eingehalten werden, können tierische Substanzen wie Gelatine, Enzyme oder Emulgatoren verwendet werden. Der Nachweis, dass diese aus halalen Quellen stammen, ist jedoch schwierig. Mittlerweile gibt es aber für die meisten Substanzen pflanzliche Alternativen.

 

Pflanzliche Stoffe außer Rauschdrogen sind prinzipiell erlaubt. Grundsätzlich verboten ist Alkohol zum Zwecke des Berauschens. Gemeint ist hier ausschließlich Ethanol und kein anderer Alkohol. »Die Verwendung von Ethanol im Produktionsprozess ist tolerabel, wenn er im Endprodukt nicht mehr nachweisbar ist«, sagte Schönfelder. Auch biotechnologisch hergestellte Stoffe und Enzyme sind erlaubt.

 

Im Zertifizierungsprozess prüft ein Expertenteam einer muslimischen Organisation, etwa des Halal Food Council of Europe (HFCE) in Brüssel, den Produktionsprozess, die Ausgangsstoffe und das Endprodukt. In Gebäuden und auf Produktionslinien zur Herstellung von halalen Präparaten dürfen keine Präparate mit verbotenen Ausgangsstoffen hergestellt werden. Eine Verunreinigung durch Haram-Produkte muss bis hin zur Lagerung ausgeschlossen werden.

»Wenn eine Zertifizierung erfolgt ist, stellt dies eine Verpflichtung dar«, sagte Schönfelder. Die Einhaltung der Vorschriften wird regelmäßig in Audits überprüft, zudem finden Überraschungsbesuche statt. Die Kosten für den Zertifizierungsprozess und die Audits trägt das Herstellerunternehmen. Trotz des enormen Aufwands lohne sich die Zertifizierung für die Hersteller durch den Export in muslimische Länder. »Halal-Zertifikate sind von immer größerer Bedeutung für weltweit engagierte Hersteller.«

 

Die Zertifikate erlauben es gläubigen Muslimen, Arzneimittel ohne Bedenken einzunehmen. Wie aber sollen sie sich verhalten, wenn das Präparat nicht zertifiziert ist und fragwürdige oder sogar verbotene Substanzen enthält? Bei Gelatine-haltigen Kapseln oder alkoholischen Lösungen und Säften sollte wenn möglich eine Alternative ohne die verbotenen Stoffe gefunden werden. Ist dies nicht möglich und das Präparat lebensnotwendig, gibt es eine klare Vorschrift: Not bricht Gebot. Lebensnotwendige Arzneimittel dürfen demnach auch eingenommen werden, wenn sie Haram-Substanzen enthalten./

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