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Vegane Arzneimittel

Anspruchsvolles Beratungsfeld

Veganer sind eine anspruchsvolle Kundengruppe – auch in der Apotheke. Für die Beratung muss das Team nicht nur um die Herkunft der Wirk-, sondern auch aller Hilfs­stoffe eines Medikaments wissen. Ein weiteres Problem sind Tierversuche in der Entwicklung eines Arzneimittels.
Nicole Schuster
08.02.2019
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Wer vegan lebt – und das sind Untersuchungen zufolge bis zu 1 Million Menschen allein in Deutschland –, lehnt alle Produkte tierischen Ursprungs ab. Das gilt nicht nur für das Steak oder das Frühstücksei, sondern für überzeugte Veganer auch für die Lederschuhe und die Haarbürste mit Wildschweinborsten. Auch bei Arzneimitteln wollen sie ihre Philosophie leben. Das macht die Beratung zu einer Herausforderung. Das Apothekenteam muss nicht nur die Herkunft der Wirkstoffe prüfen, sondern auch die der zahlreichen Hilfsstoffe. Letztere finden sich in der ­Gebrauchsinformation sowie in der Fachinformation bei der Aufzählung der »sonstigen Bestandteile«.

In einigen Fällen ist die Sachlage eindeutig: Gelatine ist tierischen Ursprungs, alle gelatinehaltigen Präparate und somit viele Kapseln fallen daher für die vegane Kundengruppe weg. ­Alternativ kann das Apothekenteam Kapseln auf Basis von Stärke, Carrageen oder Hydroxypropylmethylcellulosen oder auch andere Darreichungsformen empfehlen. Der Füllstoff Lactose, der auch in vielen homöopathischen Zubereitungen vorkommt, ist ebenfalls für Veganer zu meiden. Sie können auf Arzneimittel mit Kartoffelstärke oder Saccharose als Füllstoff zurückgreifen. Bei ­Homöopathika bieten sich Globuli an, für die Hersteller Saccharose anstatt des Milchzuckers einsetzen.

Manchmal hilft der alleinige Blick in die informierenden Texte nicht weiter. So etwa bei Magnesiumstearat. Das häufig für die Tablettenherstellung eingesetzte Fließregulierungsmittel ist ein Salz aus Stearinsäure und Magnesium. Die Stearinsäure kann pflanzlichen oder tierischen Ursprungs sein. In diesem Fall sollte der Hersteller Auskunft geben können. Auch viele halbfeste Zubereitungen sind für Veganer ungeeignet. Sie können Wollwachs enthalten, das aus Schafswolle gewonnen wird. ­Bienenwachs ist ebenfalls ein nicht veganer Bestandteil verschiedener Cremes und Salben.

Auch die wirksamen Bestandteile eines Arzneimittels muss sich das Apothekenteam genau ansehen. Zwar müssen Hersteller heutzutage nur noch bei wenigen Wirkstoffen auf tierische Quellen zurückgreifen. So wird beispielsweise Insulin, das früher aus Schweine- und Rinderpankreas stammte, mittlerweile biotechnologisch produziert. Und auch für andere Wirkstoffe, die historisch aus Tieren gewonnen wurden, gibt es mittlerweile meistens Alternativen.

Im Zweifelsfall den Hersteller fragen

Um jedoch im Einzelfall auszumachen, welchen Ursprung der Wirkstoff in einem vorliegenden Präparat hat, ist Nachprüfen und oft auch Nachfragen beim Hersteller angesagt. Ein Beispiel sind konjugierte Estrogene, die aus dem Harn trächtiger Stuten gewonnen, aber auch synthetisch hergestellt werden können. Den Blutgerinnungshemmer Heparin können Hersteller aus der Dünndarmmukosa von Schweinen oder aus Rinderlungen extrahieren. Eine vegane Alternative ist das synthetische Fondaparinux, ein Pentasaccharid mit heparinähnlicher Wirkung.

Auch Enzyme sind oft tierischen Ursprungs. Ein Beispiel sind Mittel, die Pankreas-Enzyme enthalten. Pankreatin kann noch nicht rekombinant hergestellt werden, sodass die Enzyme meistens vom Schwein stammen. Für Menschen, die etwa aus religiösen Gründen auf Lebensmittel vom Schwein verzichten, gibt es aber mittlerweile Enzyme fungalen Ursprungs. Allerdings sind die aktuell auf dem Markt verfügbaren Kapseln mit den biotechnologisch aus Pilzstämmen gewonnenen Verdauungsenzymen nicht komplett frei von tierischen Bestandteilen und stellen somit für Veganer keine Alternative dar.

Die als Nahrungsergänzungsmittel verkauften Stoffe Glucosamin und Chondroitin sind für Veganer ebenfalls nicht geeinigt. Glucosamin stammt zu einem großen Teil aus Krebstieren, Chondroitin gewinnen Hersteller aus Schlachtabfällen von Rindern oder Schweinen oder auch aus Haifisch­knorpeln. Auch verschiedene homöopa­thische Mittel sind aus tierischen ­Bestandteilen zubereitet. Das gilt nicht nur für den häufig verwendeten Füllstoff Lactose, sondern auch für einige in der Homöopathie eingesetzen Substanzen. So wird aus Honigbienen beispielsweise das Mittel Apis mellifica hergestellt.

Problemfall Tierversuche

Tierversuche sind nicht vegan: Veganer, die diese Einstellung vor allem aus Gründen des Tierschutzes leben, lehnen auch Produkte ab, an deren Entwicklung Tierversuche beteiligt waren. Dazu sagt Apotheker Dr. Till Schumacher von der Bonner Arzneimittelmanufaktur GmbH & Co. KG im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung: »Es ist aus unserer Sicht für Verbraucher schwer, sicher zu sein, dass bei der Entwicklung keine Tierversuche durchgeführt wurden.« Apotheker und Patient seien auf die Angaben des Herstellers angewiesen.

Eine Lösung könnte sein, Generika einzunehmen, die den gleichen Wirkstoff bioäquivalent enthalten und im Herstellungsprozess unabhängig von Tieren und tierischen Produkten sind. »Ob das alle Veganer überzeugt, ist allerdings fraglich, da der Wirkstoff zwar nicht vom Generika-Hersteller selbst, aber zumindest in ­seiner Erstentwicklung in der Regel auch in Tierversuchen getestet wurde«, so Schumacher.

Was die Sache weiterhin erschwert, erklärt der Apotheker: »Vegan ist kein gesetzlich definierter Begriff. Veganismus ist vielmehr eine Lebens- beziehungsweise Ernährungseinstellung, die in ihrer Ausprägung individuell variiert.« Die Grenzen können unscharf sein: »Verstößt die Einbindung von Bakterien in den Herstellungsprozess bereits gegen die Idee des Veganismus oder ist das noch tolerierbar?« Und wie sieht es aus, wenn bei der Reinigung von Anlagen Tenside mit Fettsäuren vom Schwein zum Einsatz kommen? Für stringente Veganer sind die auf diesen Anlagen hergestellten Arzneimittel nicht konform mit ihrer Lebensweise.

Ein weiteres Problem sind fehlende staatliche Zertifizierungen für komplett vegane Produkte. »Private Siegel und Label existieren zwar, geben aber auch keine absolute Sicherheit, da es keine unabhängigen wiederkehrenden Kontrollen gibt.« Eine fachkundige Beratung in der Apotheke ist für den Verbraucher und Patienten somit wünschenswert, aber nicht in jedem Fall hundertprozentig sicherzustellen, wie Schumacher an einem Beispiel erklärt: »Bei Rohstoffen ist man auf die Informationen des Herstellers angewiesen, denen man vertrauen muss.« Gerade Rohstofflieferanten machten aber oft weder die Lieferkette noch die genaue Herstellung des Rohstoffs öffentlich. Um ein Arzneimittel oder ein Nahrungsergänzungsmittel als vegan bewerten zu können, sollte aber bestenfalls der Herstellungsprozess nicht nur des Produkts, sondern auch der Ausgangsstoffe transparent gemacht werden.

Vegane Impfstoffe gibt es nicht

Am Impfen scheiden sich die veganen Geister, da es keine rein veganen Impfstoffe gibt. In der Regel sind Stoffe wie Hühnereiweiß, Gelatine, Lactose oder Rindergalle enthalten. Um die Vakzine herzustellen, sind zudem tierische Zellkulturen oder zum Beispiel zur Herstellung von Grippeimpfstoffen befruchtete Hühnereier erforderlich. Für die Prüfung der Impfstoffe müssen Hersteller auf Tierversuche zurückgreifen. Aber allein aus Gründen des Lebensstils auf Impfungen oder auch auf wichtige Medikamente verzichten? Diese Frage muss jeder Veganer für sich beant­worten. 

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