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Interview

Die Seele schwitzt mit

23.07.2010
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Von Annette Immel-Sehr / Psyche und Schwitzen hängen eng zusammen. Die PZ sprach darüber mit Professor Dr. Uwe Gieler, Leitender Oberarzt an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Gießen. Außer der Facharztausbildung in Psychosomatischer Medizin und Psychotherapie hat er auch die in Dermatologie und Venerologie abgeschlossen. Gieler gehört in Deutschland zu den Vorreitern der Psychodermatologie und hat einige Bücher zum Thema Psyche und Hauterkrankungen veröffentlicht.

PZ: Bei Hyperhidrose stehen viele Behandlungsmöglichkeiten zur Auswahl. Welche ist die Methode der Wahl?

 

Gieler: Die Behandlung der Hyperhidrose sollte in der Regel auf mehreren Wegen erfolgen. Die dermatologische Therapie ist nur ein Ansatz. Die Patienten profitieren sehr davon, wenn sie ein Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, autogenes Training oder Yoga erlernen. Hilfreich sind auch Kneipp-Anwendungen und Saunagänge. Im Einzelfall setzen wir zusätzlich Psychopharmaka ein, um den Patienten zu stabilisieren. Vorteilhaft ist dabei, dass einige Antidepressiva antihidrotisch wirken.

 

PZ: Wann sind Psychopharmaka wirklich angezeigt?

 

Gieler: Ich nenne Ihnen ein Fallbeispiel. In unsere Klinik kam ein 38-jähriger Mann, der das ganze Register der üblichen Behandlungsmaßnahmen hinter sich hatte, unter anderem eine Sympathektomie. Danach war das Schwitzen unter den Achseln und an den Händen zwar gestoppt, aber es kam nun zu massiven Schweißausbrüchen am Unterbauch und den Beinen. Der Patient traute sich nicht mehr vor die Tür. Er entwickelte eine Depression und Angststörung. Schließlich trug er sich mit suizidalen Gedanken.

 

PZ: Könnte dahinter nicht auch eine psychische Erkrankung stecken?

 

Gieler: Ja, die Diagnose ist oft nicht einfach. Wenn jemand unter Stress Schweißausbrüche bekommt, könnte dies auch Symptom einer Panikattacke oder einer primären Angststörung sein. Möglicherweise besteht diese Angststörung aber wiederum als Folge einer primären Hyperhidrose. Man muss sich intensiv mit dem Patienten beschäftigen, um Ursache und Folge unterscheiden zu können. Depressive Menschen neigen eher zu einer An- oder Hypohidrose, während Menschen mit einer Angststörung eine Hyperhidrose entwickeln.

 

PZ: Was empfehlen Sie den Apothekern für die Beratung?

 

Gieler: Wichtig ist, dass die Apotheker sehr aufmerksam sind und sensibel reagieren, wenn jemand über starkes Schwitzen klagt. Man kann den Kunden einfach fragen, wie sich das Schwitzen auf sein Leben auswirkt. Wenn die Schweißausbrüche für ihn zunehmend zum Problem werden und ihn stark bei der Arbeit oder im menschlichen Miteinander hemmen, dann sollte man ihm zur Behandlung raten. Ganz wichtig ist die Botschaft: Es gibt Hilfe! Viele Menschen wissen nämlich gar nicht, dass man Hyperhidrose behandeln kann.

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