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Infliximab

Gegen Morbus Crohn bei Kindern

23.07.2007  12:01 Uhr

Infliximab

Gegen Morbus Crohn bei Kindern

Von Brigitte M. Gensthaler, München

 

Immer häufiger erkranken Kinder und Jugendliche an Morbus Crohn. Die chronische Darmentzündung beeinträchtigt sie schwer. Infliximab kann neue Hoffnung wecken. Der TNF-α-Antikörper ist jetzt auch für Kinder ab sechs Jahren mit schwergradigem Crohn zugelassen, wenn sie nicht auf andere Medikamente ansprechen.

 

In den vergangenen 15 bis 20 Jahren hat sich die Inzidenz des Morbus Crohn in Industrieländern etwa verdreifacht. Schon Babys können erkranken. Oft verläuft die Erkrankung im Kindes- und Jugendalter sehr aggressiv, erklärte die Kindergastroenterologin Professor Dr. Sibylle Koletzko, München, bei einer Pressekonferenz der Essex Pharma. Europäische Daten zeigen, dass bei den meisten der kleinen Patienten der komplette Dickdarm und bei immerhin der Hälfte der gesamte Gastrointestinaltrakt befallen war. Nach siebenjähriger Krankheitsdauer hat ein Drittel der Kinder Fisteln und die Hälfte narbige Stenosen im Darm. Nach nur fünf Jahren seien bei einem Drittel bereits Darmresektionen notwendig.

 

Trotz der Schwere der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung wird diese oft lange nicht erkannt. Häufigstes Symptom bei Kindern sind Bauchschmerzen, während Erwachsene eher über Durchfälle klagen. Essstörungen, Schmerzen, Abmagern, Fistelbildung, Fehlernähung, Traurigkeit und depressive Verstimmung können die Folge sein. Wachstumsstörungen und eine verspätete Pubertät sind oft erste Anzeichen, die zu einer genaueren Diagnostik Anlass geben.

 

Als Therapieziele nannte Koletzko die Linderung von Beschwerden, Heilung der Mukosa, Verbesserung des Ernährungszustands und eine gute Lebensqualität. Wichtig sei es, Wachstum und Pubertätsentwicklung der Kinder sicherzustellen, aber auch den Krankheitsverlauf langfristig günstig zu beeinflussen. Dabei unterscheiden sich die Therapien bei kleinen und großen Patienten (siehe Titelbeitrag in PZ 05/07).

 

Während bei schwerkranken Erwachsenen meist systemisch wirkende Corticosteroide eingesetzt werden, ist die Methode erster Wahl beim Aktivitätsschub im Kindesalter die enterale Ernährung. Die Kinder nehmen über acht Wochen oder länger ausschließlich Sonden- oder Trinknahrung zu sich und verzichten auf normales Essen. »Die Ernährungstherapie hilft genauso gut wie hoch dosierte Steroide.« Allerdings sei sie sehr belastend für das Kind und die Familie und erfordere deren ganze Mitarbeit. Rezidive sind sowohl nach Ende der Ernährungstherapie als auch nach Steroiden sehr häufig.

 

Wenn die enterale Ernährung nicht möglich ist, kämen kurzzeitig (maximal acht Wochen) Steroide infrage, sagte die Ärztin. »Wir versuchen, Corticoide zu vermeiden.« Zunehmend setzen die Ärzte frühzeitig Immunmodulatoren, in Deutschland meist Azathioprin, ein. Am Ende des ersten Krankheitsjahres benötigen etwa 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen diese Medikation, so Koletzkos Erfahrung. Ausdrücklich begrüßte sie die Zulassung von Infliximab für Kinder (Remicade®). Wichtig sei das Medikament für Patienten, die mit den bisherigen Therapien nicht in Remission kommen, häufig Rezidive haben, Komplikationen, insbesondere Fisteln entwickeln oder bei denen die anderen Medikamente wegen Nebenwirkungen nicht eingesetzt werden können.

 

In einer großen multizentrischen Therapiestudie sprachen 99 der 112 behandelten Kinder nach drei Infusionen (zu Beginn, nach zwei und sechs Wochen) auf Infliximab an und 66 Kinder erreichten eine Remission. Wurden die Infusionen danach alle acht Wochen verabreicht, waren nach einem Jahr noch 56 Prozent in Remission, bei einem Intervall von zwölf Wochen nur noch knapp ein Viertel. Kleinwüchsige Kinder wuchsen stärker und die Lebensqualität verbesserte sich rasch und anhaltend.

 

Kehrseite der Medaille: Etwa 15 Prozent hatten schwere Nebenwirkungen, vor allem im Gastrointestinaltrakt, und 6 bis 7 Prozent erlitten schwere Infektionen. Bei 2 Prozent traten Antikörper auf. Allergische Reaktionen während der zweistündigen Infusion waren häufig, aber selten ernst. Dennoch sollte das Medikament nur unter ärztlicher Aufsicht und mit Zugriff auf pädiatrische Intensivmaßnahmen infundiert werden, betonte die Kinderärztin.

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