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Pharmazie in Saarbrücken

Klein, aber oho!

06.07.2010
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Von Sven Siebenand, Saarbrücken / Noch ist Saarbrücken neben Leipzig der kleinste Pharmaziestandort in Deutschland. Das könnte sich ändern. Denn die dortige »Apothekerschmiede« befindet sich im Umbruch. Das bundesweit erste Helmholtz-Institut für Pharmazeutische Forschung trägt einen Großteil zu dieser Entwicklung mit bei. Im zweiten Teil der PZ-Reihe »Hochschulporträt« stellt sich die Saarbrücker Pharmazie näher vor.

»Derzeit können pro Semester 32 angehende Apotheker das Studium in Saarbrücken aufnehmen, mehr ist aufgrund der gegenwärtig vorhandenen Praktikumsplätze nicht drin«, sagt Professor Dr. Rolf W. Hartmann, der das Fach Pharmazeutische und Medizinische Chemie lehrt. Zukünftig könnten es dann deutlich mehr werden. Der Grund dafür sei die »insgesamt erhebliche Vergrößerung der Saarbrücker Pharmazie«. Die Gründung des Helmholtz-Instituts für Pharmazeutische Forschung Saarland (HIPS) im Jahr 2009 spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Das HIPS befasst sich mit Grundlagenforschung. Es ist das erste öffentlich finanzierte Institut für Pharmazeutische Forschung in Deutschland. 2010 stellen Bund (90 Prozent) und Land (10 Prozent) ein Budget von 3,7 Millionen Euro zur Verfügung, ab 2011 sind es dann sogar 5,55 Millionen Euro pro Jahr.

»Alle Pharmazeuten können froh sein, dass es das HIPS gibt. Für die Reputation unseres Faches ist das von großer Wichtigkeit«, betont Hartmann (siehe auch Kommentar). Dieser Meinung wäre er auch gewe­sen, wenn das Institut an anderer Stelle errichtet worden wäre. So ist es ihm aber selbstverständlich lie­ber. »Wir sind nun in der glückli­chen Lage, von der Entscheidung zu profitieren.« Das HIPS hat drei große Abteilungen: Pharmazeuti­sche Biotechnologie (Professor Dr. Rolf Müller), Pharmazeutische und Medizinische Chemie (Professor Dr. Rolf W. Hartmann) und Drug Delivery (Professor Dr. Claus-Michael Lehr).

 

Hinzu kommen drei Nachwuchsgruppen. »Im Zusammenhang mit der Etablierung des HIPS werden zudem an der Universität drei weitere Juniorprofessuren, eine davon für Klinische Pharmazie, geschaffen«, sagt Hartmann. In den nächsten Monaten können somit neun zusätzliche Arbeitsgruppen in Saarbrücken ihre Arbeit aufnehmen. Auch nicht-pharmazeutische Arbeitsgruppen, etwa aus der Medizin, Bioinformatik oder anderen Naturwissenschaften, sollen mit ins Boot geholt werden. Bisher sind die HIPS-Forschungseinheiten noch in Räumen der Uni untergebracht. Demnächst wird es aber einen Neubau geben. Das wird jedoch nicht die einzige Baustelle sein. »Ein schon länger überfälliger Praktikumsneubau für die Studierenden wird nun kurzfristig errichtet werden«, informiert Hartmann. Dann könne man zukünftig auch mehr Studenten, zwischen 80 und 100 pro Jahr, einen Studienplatz anbieten. Zudem rechnet Hartmann damit, durch den Neubau das Studium in Saarbrücken noch attraktiver gestalten zu können.

 

Internationale Ausrichtung

 

Apropos Attraktivität: Ein Pharmaziestudium im Saarland ist bereits heute sehr beliebt. Bislang seien es immer mehr Bewerber als verfügbare Studienplätze gewesen. Maria-Christina Scherzberg, die neue Präsidentin des Bundesverbandes der Pharmaziestudierenden in Deutschland (siehe Interview), wird ihr Studium in Saarbrücken bald abschließen. Sie zieht eine positive Bilanz. »Die Atmosphäre am Standort Saarbrücken ist viel persönlicher als an größeren Instituten«, so ihre Einschätzung. Auch der Aufbau des HIPS sei ein Faktor, der das Profil der Saarbrücker Pharmazie in Zukunft weiter stärken werde. »Ich wünsche mir, dass die Studierenden dadurch die Möglichkeit bekommen, die Abläufe in einem großen Forschungsinstitut schon während des Studiums kennenzulernen.«

Steckbrief UdS

Die Universität des Saarlandes (UdS) hat ihren Sitz in den Städten Saarbrücken und Homburg. Die Uni wurde 1948 mit französischer Unterstützung gegründet. Gegenwärtig sind etwa 16 000 Studenten immatrikuliert, circa 250 davon im Fach Pharmazie. Die durchschnittliche Studienzeit in diesem Fach beträgt etwa neun Semester. Das Studienangebot der UdS wird von acht Fakultäten getragen. Die Pharmazie gehört zu einer der naturwissenschaftlich-technischen Fakultäten. Zum Sommersemester 2010 wurden die Studiengebühren an der einzigen Uni des Saarlandes wieder abgeschafft. Kontakt: Dr. Michael Ring, wissenschaftlicher Studienkoordinator, Telefon 0681 302-3480, E-Mail: m.ring(at)mx.uni-saarland.de, www.pharma.uni-saarland.de.

Der Standort hat für Studierende noch einen weiteren Trumpf zu bieten: Denn Saarbrücken gehört zu den wenigen Unis, an denen die Studierenden im Dritten Abschnitt der Pharmazeutischen Ausbildung ein Diplom erwerben können, wovon mittlerweile etwa jeder fünfte Absolvent Gebrauch macht. Für Professor Dr. Claus-­Michael Lehr eine »Art Schnupper-Promotion«. Denn nach einem halben Jahr experimentellen Arbeitens können die meisten einschätzen, ob eine Doktorarbeit für sie infrage kommt oder nicht.

Die internationale Ausrichtung der Universität macht es auch möglich, diese Arbeit im Ausland zu absolvieren. Kristina Hüsecken nutzte diese Chance. Gegenüber der PZ lässt sie ihren Aufenthalt in Kanada Revue passieren. »Ich war für die Hälfte meines Praktischen Jahres in Vancouver. Dort habe ich im Labor der pharmazeuti­schen Fakultät gearbeitet. Die University of British Columbia ist zwar keine Partneruniversität der Universität des Saarlandes, aber nachdem ich von beiden Seiten die Zusage bekommen hatte, konnte ich meinem Wunsch nachgehen. Die Verwirklichung erfordert sehr viel Eigeninitiative und auch im Nachhinein ist etwas mehr bürokratischer Aufwand zu betreiben, als wenn man ein Jahr in eine deutsche Apotheke geht. Insgesamt war es eine tolle Erfahrung, die ich nur weiterempfehlen kann.«

 

»Drei Fliegen mit einer Klatsche, nämlich PJ, Diplom und Auslandserfahrung«, fasst Lehr zusammen. Er verweist darauf, dass in Saarbrücken auch im fünften oder sechsten Semester die Möglichkeit für einen Auslandsaufenthalt (normalerweise in Großbritannien) besteht, ohne dass ein Semester wiederholt werden muss.

Wegweiser Saarbrücken

Als herausragendes Husarenstück muss die Einwerbung des Helmholtz-Institutes für Pharmazeutische Forschung Saarbrücken (HIPS) angesehen werden, da die Gründung eines solchen Institutes keine Selbstverständlichkeit ist, sondern vielmehr Anerkennung von nachhaltiger Spitzenforschung, die von international anerkannten Forscherpersönlichkeiten betrieben wird.

 

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch Grundlagenforschung in insgesamt sechs Forschungsbereichen. Für die Pharmazie in Deutschland ist die Entwicklung in Saarbrücken geradezu wegweisend. Anders als in anderen Fächern gab es in der Pharmazie bisher keine institutionellen Kooperationen mit der Max-Planck-Gesellschaft, Fraunhofer-Gesellschaft oder Helmholtz-Gesellschaft. Mit der Gründung des HIPS wurde nun ein wichtiges Zeichen gesetzt, welches andere Standorte stimulieren könnte, ähnliche Kooperationen anzustreben. Solche Projekte bringen nicht nur großes Prestige mit sich, vielmehr tragen sie zur nachhaltigen Sicherung der jeweiligen Standorte und insbesondere zur Nachwuchssicherung bei.

 

Mit der Einrichtung von drei Nachwuchsgruppen im HIPS und drei Juniorprofessuren an der Universität wird der wissenschaftliche Nachwuchs in der Pharmazie in einem Ausmaß gefördert, wie dies an keinem anderen Pharmaziestandort in Deutschland bisher möglich war. Saarbrücken wird aber nicht nur für Nachwuchsgruppenleiter und potenzielle Juniorprofessoren ein besonderes Target werden, sondern auch Doktoranden und insbesondere Studienanfänger in besonderem Maße anziehen. Fragt man heute Pharmaziestudierende des ersten Semesters nach ihren beruflichen Perspektiven, so wird häufig die Forschung im pharmazeutischen Bereich genannt. Die alleinige Aussicht auf die ­Approbation als Apotheker ist oftmals kein ausreichender Beweggrund für ­Studienanfänger, um in ein Pharmaziestudium einzusteigen.

 

Neue Forschungskooperationen werden dazu beitragen, dass die Pharmazie in ihrer gesamten Breite an ­Attraktivität und Sichtbarkeit gewinnt, weshalb an dieser Stelle den Professoren Hartmann, Müller und Lehr für ihr Engagement zur Etablierung des HIPS in besonderer Weise zu danken ist.

 

Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz

Mitglied der Chefredaktion

Forschung breit gefächert

 

Auch im Bereich der Promotionen spiegelt sich die internationale Ausrichtung der Saarbrücker Pharmazie eindrucksvoll in dem sogenannten Euro PhD Programm wider. Dieses zusätzliche Zertifikat wird internationalen Doktoranden verliehen, die ein zusätzliches Ausbildungsprogramm absolvieren und während eines Jahres ihrer Dissertation auch an einem ausländischen Gastinstitut geforscht haben. Laut CHE-Ranking gehört die Saarbrücker Pharmazie zu den fünf forschungsstärksten Standorten, in der Kategorie Drittmittel pro Wissenschaftler steht Saarbrücken sogar an der Spitzenposition.

 

Die Forschungsaktivitäten der einzelnen Lehrstühle sind breit gefächert: So beschäftigt sich die Arbeitsgruppe um Professor Dr. Rolf W. Hartmann mit dem Design, der Synthese und der biologischen Evaluierung neuartiger Wirkstoffe unter Einsatz von Molecular Modelling, intelligenten Synthesestrategien und Entwicklung maßgeschneiderter Screening-Systeme. Das Team um Juniorprofessor Dr. Claus Jacob entwickelt Wirkstoffe für die Therapie von Krankheiten, die in Zusammenhang mit oxidativem Stress stehen. Hinzu kommen unter anderem die Synthese katalytischer Verbindungen mit Sensor-Effektor-Eigenschaften sowie Studien zur neuen Substanzklasse der reaktiven Schwefelspezies.

Die Arbeitsgruppe um Professor Dr. Alexandra K. Kiemer beschäftigt sich mit der Charakterisierung zellulärer Signaltransduktionswege mit Schwer­punkt Pathogenese entzündlicher Er­krankungen. Mittels biogener Subs­tan­zen identifizieren die Wissen­schaft­ler neue therapeuti­sche Targets. Schwer­punkt des Teams um Professor Dr. Claus-Michael Lehr sind Transportvor­gänge über biologische Barrieren des Körpers. Aktuelle Projekte betreffen die Entwicklung von Modellen dieser Bar­rie­ren, die Verbesserung des Arznei­stoff-Transports über nanoskalige Trägersysteme (Nanomedizin) sowie die Sicherheit technischer Nano-Objekte (Nanotoxikologie).

 

Juniorprofessor Dr. Marc Schneider beschäftigt sich mit pharmazeutischen Anwendungen der Nanotechnologie, insbesondere modifizierter Gold-Nanopartikel, sowie mit hochauflösenden optischen Analyseverfahren. Die Forschungsschwerpunkte in der Arbeitsgruppe um Professor Dr. Dr. Hans H. Maurer umfassen Phase I- und Phase II-Metabolismus von Rausch- und Suchtmitteln einschließlich Isoenzym-Identifizierung, Inhibitionsstudien, Pharmakogenetik und Toxizitätsstudien sowie moderne massen­spektrometrische Bioanalytik. Last but not least befassen sich die Wissenschaftler im Team um Professor Dr. Rolf Müller mit biologisch aktiven Wirkstoffen aus Mikroorganismen, insbesondere von Myxobakterien. Derartige Naturstoffproduzenten sind eine wichtige Quelle für Leitsubstanzen zur Entwicklung von Therapeutika. Müllers Lehrstuhl für Pharmazeutische Biotechnologie war zum Zeitpunkt seiner Entstehung bundesweit übrigens der erste Lehrstuhl dieses ­Faches.

 

Firmenausgründungen der Uni

 

Neben Kooperationen mit Unternehmen der pharmazeutischen Industrie sind die Pharmazeuten in zahlreichen Projekten der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Einzelverfahren gefördert und sind an Verbundprojekten beteiligt. Die Forschungsaktivitäten der Lehrstühle haben zudem zu mehreren Firmenausgründungen geführt: Across Barriers, Pharmacelsus, ElexoPharm. Letztere hat vor Kurzem einen Kooperationsvertrag und eine Lizenzvereinbarung mit dem US-amerikanischen Unternehmen Merck & Co. geschlossen. Gegenstand der Kooperation ist ein Wirkstoffentwicklungsprojekt im Bereich von Herz-Kreislauf-­Erkrankungen. ElexoPharm erhält im Zuge dessen eine einmalige Zahlung in Höhe von 1,5 Millionen Euro und weitere Zahlungen von bis zu 32,3 Millionen Euro im Falle des Erreichens vereinbarter Entwicklungsziele sowie eine Umsatzbeteiligung bei Markteintritt. »Dieser könnte zum Beispiel im Falle der sogenannten Aldosteron-Synthase-Inhibitoren schon in fünf bis sechs Jahren erfolgen«, sagt Hartmann. Mögliche Indikationsgebiete seien Herzinsuffizienz und Myokardfibrose, Erkrankungen, bei denen die Aldosteronwerte typischerweise zu hoch lägen. Auch Pharmaziestudierende profitieren von ElexoPharm. Denn sie können dort als Werkstudenten arbeiten. / 

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