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AMK-Stellungnahme

Keine Verordnung von Blutzuckerteststreifen für nicht-insulinpflichtige Diabetiker?

08.06.2010
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AMK / Die Beschlussvorlage des Gemeinsamen Bundesauschuss (G-BA) zur Änderung der Arzneimittel-Richtlinie (AM-RL) in den §§ 7 und 16 sowie der Anlage III: »Harn- und Blutzuckerteststreifen bei Diabetes mellitus Typ 2« sieht einen Verordnungsausschluss von Harn- und Blutzuckerteststreifen bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 vor, die nicht mit Insulin behandelt werden.

 

Laut Bewertung des Institutes für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) haben weder Urin- noch Blutzuckerselbstmessung im Hinblick auf Patienten-relevante Therapieziele bei dieser Patientengruppe einen Nutzen. Der G-BA begründet deshalb den Ausschluss dadurch, dass beide Selbstkontrollen als medizinisch nicht notwendig und außerdem als unwirtschaftlich einzustufen seien.

Die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) weist darauf hin, dass es sich bei der Blut­zuckerselbstkontrolle durch Men­schen mit Diabetes mellitus Typ 2 um eine etablierte Maßnahme zur Feststellung hyper- und hypoglyk­ämischer Stoffwechsel­entgleisungen handelt, welche die Sicherheit der Diabetestherapie auch für eine Viel­zahl nicht insulin­behandelter Typ-2-Diabetiker erhöht. Leider wurde in den »tragenden Gründen« des G-BA und in der zugrunde liegenden Nut­zenbewertung durch das IQWiG eine sich möglicherweise ergebende Gefährdung von Patienten infolge des Verordnungsausschlusses von Harn- und Blutzuckerteststreifen bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2, die nicht mit Insulin behandelt werden, unseres Erachtens nicht hinreichend thematisiert.

 

Bei der Blutzuckerselbstkontrolle handelt es sich um das einzige Verfahren, das es Patienten erlaubt, den aktuellen Blutzuckerwert zu bestimmen. Dies ist gleichermaßen wichtig, um erhöhte Blutzuckerwerte, als auch drohende Unterzuckerungen durch eine Messung zu erkennen und entsprechende Gegenmaßnahmen selbst und unmittelbar einzuleiten. Das Auftreten schwerer Hypoglykämien ist besonders bei älteren, multimorbiden Patienten mit einem erhöhten Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko verknüpft.

 

Die AMK weist weiterhin darauf hin, dass aus dem angeblichen Fehlen eines Nutzens der Blutzuckerselbstkontrolle und dem dadurch bedingten Wegfall der Verordnungsfähigkeit von Blutzuckerteststreifen auf keinen Fall geschlossen werden kann, dass eine Schädigung der Patienten aufgrund von Hypoglykämien mit assoziierter Morbidität und Mortalität ausgeschlossen werden kann. Vielmehr kann das Risiko für schwere Hypoglykämien durch die frühzeitige Entdeckung und (Selbst-)Behandlung symptomatischer Unterzuckerungen deutlich gesenkt werden. Ohne die Möglichkeit der Blutzuckerselbstkontrolle ist davon auszugehen, dass auch bei nicht-insulinpflichtigen Typ-2-Diabetikern das Risiko für das Auftreten schwerer Hypoglykämien steigt.

Zudem ist auch die sichere Entdeckung asymptomatischer wie auch die Verifizierung symptomatischer Hypoglykämien für spezifische Patientengruppen von klinischer Relevanz. Hierzu gehören beispielsweise Patienten, bei denen sich beim Führen von Kraftfahrzeugen oder der Ausübung anderer potenziell gefährlicher Tätigkeiten ein hohes Potenzial der Eigen- und Fremdgefährdung durch Hypoglykämien ergibt. Ohne die Möglichkeit der Blutzuckerselbstkontrolle haben diese Patienten keine Möglichkeit, asymptomatische Unterzuckerungen zu entdecken beziehungsweise symptomatische Hypoglykämien zu verifizieren und entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten.

 

Auch bei interkurrenten Erkrankungen besteht die Gefahr von Blutzuckerentgleisungen. So ist bei Magen-Darm-Erkrankungen eine erhöhte Hypoglykämiegefährdung gegeben, während fiebrige Infekte oder die Therapie mit Glucocorticoiden das Risiko für hyperglykämische Stoffwechselentgleisungen erhöhen.

 

Die AMK warnt daher vor einem generellen Verordnungsausschluss von Harn- und Blutzuckerteststreifen bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2, die nicht mit Insulin behandelt werden, da die grundsätzlichen Risiken, die sich aus diesem Beschluss ergeben, bisher nur unzureichend erörtert wurden. Auch in dem Bericht des IQWiG wird die Frage einer möglichen Schädigung von Patienten aufgrund eines Wegfalls der Verordnungsmöglichkeit unseres Erachtens nur unzureichend thematisiert. Im Interesse der Patienten sollten diese Aspekte eine stärkere Berücksichtigung in der (Nutzen-)Bewertung finden. Die AMK plädiert daher für eine differenziertere und patientennähere Entscheidung des G-BA. 

 

Professor Dr. Martin Schulz

Vorsitzender der AMK

Kommentar: Wenig plausibel

Ein unter Druck stehendes Gesundheitssystem hält immer auch mal wieder eine faustdicke Überraschung bereit. Ein aktuelles Beispiel ist der Verordnungsausschluss von Harn- und Blutzuckerteststreifen bei Typ-2-Diabetikern durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA).

 

Offensichtlich ist Umdenken angesagt, denn standen nicht Vorsorge und Kontrolle ganz oben auf der Empfehlungsliste – nicht nur von Mitgliedern der Gesundheitsberufe, sondern auch von Politikern? Nun ist die Zeit gekommen, die Empfehlung auf »Sinnhaftigkeit und Wirtschaftlichkeit« zu überprüfen, zumal sich Deutschland seit einigen Jahren mit dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) eine Einrichtung gönnt, der eine solche Überprüfung gewissermaßen auf den Leib geschneidert ist.

 

Das IQWiG hat nun geurteilt: Die Empfehlung, Typ-2-Diabetiker sollen ihre Blutzuckerwerte von Zeit zu Zeit, besser noch regelmäßig, mithilfe von Teststreifen überprüfen, ist demnach sinnlos. Derartige Kontrollen sind »medizinisch nicht notwendig und außerdem unwirtschaftlich«, so das harte Urteil des Instituts. Das überrascht.

 

Die Einstufung als »unwirtschaftlich« hätte man in Zeiten knapper Kassen ja noch nachvollziehen können. Aber »medizinisch nicht notwendig«? Soll es wirklich richtig sein, Typ-2-Diabetikern ihre oralen Antidiabetika mit dem Kommentar »wird schon passen« auszuhändigen? Soll die Frage nach der vertrauten Therapie-Eigenüberwachung mithilfe von Harn- und Blutzuckerteststreifen als »Blödsinn« abgewiegelt werden? Blödsinn, zu dem man über Jahre von Ärzten und Apothekern aufgefordert wurde?

 

Dies zu vermitteln wird keine leichte Aufgabe, denn plausibel erscheint das Urteil nicht. Dass man bei der Frage nach der Sinnhaftigkeit von Blutzuckermessungen mithilfe von Harn- und Blutzuckerteststreifen bei Typ-2-Diabetikern auch zu einem anderen Urteil kommen kann, zeigt zum Beispiel die AMK-Stellungnahme.

 

Professor Dr. Theo Dingermann

Mitglied der Chefredaktion

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