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Diabetes

Angst vor Unterzuckerungen

19.11.2014
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Von Sven Siebenand, Frankfurt am Main / Menschen mit Diabetes haben verschiedene Hindernisse zu bewältigen, um trotz ihrer Erkrankung gut leben zu können. Eines davon sind Unterzuckerungen. Diese kommen öfter vor als bisher gedacht. Welche Lösungsansätze gibt es?

»Die Furcht vor schweren Hypoglyk­ämien rangiert bei Patienten genauso hoch wie die Furcht vor chronischen Folgeerkrankungen«, gab Dr. Jens Kröger bei einer Presseveranstaltung von Novo Nordisk in Frankfurt am Main ein Untersuchungsergebnis wieder. Der Facharzt für innere Medizin und Diabetologie aus Hamburg informierte, dass manche Patienten aus Angst vor Unterzuckerungen absichtlich zu hohe Blutzuckerwerte aufrechterhalten.

 

Viele Unterzuckerungen unbemerkt

 

»Die Häufigkeit von Unterzuckerungen wird unterschätzt«, betonte Kröger. Die Ergebnisse der Hypoglycaemia Asessment Tool (HAT)-Studie zeigen, dass zum Beispiel Typ-1-Diabetiker durchschnittlich etwa 73 Unterzuckerungen pro Jahr melden, davon rund elf nächtliche und etwa fünf schwere Hypoglyk­ämien (siehe Kasten). »Das sind bis zu 47 Prozent höhere Raten als bislang angenommen«, sagte der Mediziner. Er fügte hinzu, dass viele Unterzuckerungen unbemerkt bleiben. So habe eine weitere Untersuchung gezeigt, dass dem in 63 Prozent der Fälle bei Typ-1- Diabetikern und in 47 Prozent der Fälle bei Typ-2-Diabetikern so ist.

 

»74 Prozent der unbemerkten Unterzuckerungen treten nachts auf«, informierte Kröger. Nächtliche Hypoglykämien stellte er als besonders problematisch heraus, da sie zu einer erheb­lichen Beeinträchtigung der Lebensqualität und Produktivität im Alltag bei den Betroffenen führen können. Symptome einer nächtlichen Unterzuckerung können zum Beispiel eine schlechte Schlafqualität, morgendliche Kopfschmerzen, nächtliche Krämpfe oder nächtliches Schwitzen und Albträume sein. Auch ein hoher Blutzuckerwert morgens kann darauf hinweisen. Kröger betonte jedoch, dass ein hoher Blutzuckerwert auch einen anderen Grund haben kann und dass der Blut­zuckerwert morgens trotz einer nächtlichen Unterzuckerung im Normal­bereich sein kann.

 

Allgemeine Risikofaktoren für eine Hypoglykämie können zum Beispiel verspätete oder verpasste Mahlzeiten, der Verzehr einer kleineren Mahlzeit als geplant, körperliche Aktivität oder Alkoholkonsum sein. Auch wenn ein Patient sich nicht mehr erinnern kann, ob er Insulin gespritzt hat oder nicht, kann es in dem Fall, dass er gespritzt hat und sich dann noch ein zweites Mal Insulin verabreicht, zur Unterzuckerung kommen. Für Insuline von Novo Nordisk setzt hier der neue Pen NovoPen®5 an, der eine Memory-Funktion besitzt, welche die letzte Insulindosis und die seit der letzten Injektion vergangene Zeit speichert.

 

Individuelle Lösungen

 

Das Risiko für eine schwere Hypoglyk­ämie steigt laut Kröger mit dem Alter des Patienten und der Dauer der Erkrankung an. Auch eine intensive Blutzuckereinstellung und Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörungen erhöhen das Risiko. Liegt Letzteres vor, bietet sich laut dem Mediziner eine spezielle Schulung an. Generell riet Kröger, patientenindividuelle Lösungen zu finden. So bestehe zum Beispiel bei Typ-2-Diabetikern die Möglichkeit, Wirkstoffe mit gar keinem oder geringem Hypoglykämie-Risiko einzusetzen. Das neue, lang wirksame Basalinsulin Insulin degludec (Tresiba®) besitzt ein vorteilhaftes Risikoprofil bei nächtlichen Unterzuckerungen und könnte eine mögliche Therapieoption bei Diabetikern sein, die davon betroffen sind.

 

»Um Unterzuckerungen aufzudecken, die bisher nicht erkannt wurden, kann es sinnvoll sein, eine kontinuier­liche Blutzuckermessung durchführen zu lassen«, so Kröger. Nach einem positiven Vorbericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erwartet der Mediziner auch einen entsprechenden Abschlussbericht. »Ich bin großer Hoffnung, dass wir die kontinuierliche Blutzuckermessung im nächsten Jahr in der Versorgung haben werden«, sagte er.

 

Angehörigenschulungen nicht vergessen

 

Abschließend verwies Kröger noch auf einen weiteren Aspekt. »Die Furcht vor Hypoglykämien überträgt sich auch auf andere Familienmitglieder«, sagte er . Eine Untersuchung zeige, dass Angehörige im Umgang mit Unterzuckerungen häufig verunsichert sind. Hier gebe es Nachholbedarf. Während Deutschland zusammen mit Kanada bei der Durchführung von Patientenschulungen spitze sei, werde nur in 27 Prozent der Fälle ein Angehöriger des Patienten geschult. Das sei eine genauso schlechte Rate wie in anderen Ländern auch. /

Unterzuckerungen

Unterzuckerungen (Hypoglykämien) treten auf, wenn die Glucosekonzen­tration im Blut auf einen niedrigen Wert fällt. Laut diabetes.de – Deutsche Diabetes-Hilfe spricht man bei Blutzuckerwerten unter 50 mg/dl (2,8 mmol/l) von einer Unterzuckerung. Bei einem Verdacht gilt grundsätzlich: Erst essen, dann messen. Leichte Symptome sind Herzrasen, Zittern, Hunger, Schwitzen, Konzen­trationsschwierigkeiten und/oder Verwirrtheit. Zu den schweren Symptomen zählen Bewusstlosigkeit und/oder Krampfanfälle. Bei einer leichten Hypoglykämie ist Selbsthilfe möglich, bei einer schweren Unterzuckerung sind Patienten auf Fremdhilfe angewiesen, sie können Traubenzucker oder zuckerhaltige Getränke aber noch schlucken. Bei einer sehr schweren Hypoglykämie ist dies nicht mehr möglich. Bewusstlosen Patienten dürfen keine Speisen oder Getränke eingeflößt werden. Eine wichtige Erste-Hilfe-Maßnahme ist stattdessen die subkutane Gabe von Glucagon. Zudem muss ein Notarzt gerufen werden, der in der Regel intravenös Glucose verabreicht.

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