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Arzneimittel

Bedürftige zahlen weniger

31.05.2010
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Von Martina Janning, Berlin / Für Arzneimittel, die die Kassen nicht erstatten, fehlt Hartz-IV-Empfängern oft das Geld. So verzichten sie auch auf notwendige Medikamente. Um Abhilfe zu schaffen, erhalten Tafel-Kunden mancherorts seit einiger Zeit Arzneien zum ermäßigten Preis. Ein guter Grund, Apotheker nach ihren Erfahrungen zu fragen.

Viele Apotheker haben schon erlebt, dass Kunden ein grünes Rezept nicht einlösen, weil es ihnen zu teuer ist. Im westfälischen Dülmen gab das den Anlass für eine besondere Aktion: Seit Oktober 2009 bekommen Kunden der Dülmener Tafel nicht nur Lebensmittel-Spenden, sondern sie erhalten Medikamente, für die ihr Arzt ein grünes Rezept ausgestellt hat, zum halben Preis. Die andere Hälfte zahlt ein privater Sponsor.

Um Arzneimittel vergünstigt zu bekommen, müssen Tafel-Kun­den das Rezept von der Tafel abstempeln lassen. Dann kön­nen sie damit in irgendeine Dül­mener Apotheke gehen, denn alle zehn Offizinen im Ort machen mit.

 

Kaum zusätzliche Arbeit

 

Pro Woche bedient sie etwa fünf Tafel-Kunden, schätzt Barbara Schmitt, Inhaberin der Markt-Apotheke in Dülmen. Viel zusätzliche Arbeit verursache das Projekt nicht. »Wir haben im Computer ein Konto für die Dülmener Tafel eingerichtet und speichern die Daten. Einmal im Quartal stellen wir eine Rech­nung.« Immer für ein Vierteljahr geht die Apothekerin in Vorkasse, aber »das ist kein Problem«, sagt sie.

 

Apothekerin Schmitt ist von Anfang an dabei, gehörte schon zum Team, das die sogenannte »2. Hilfe beim Kauf von Medikamenten« vorbereitet hat. Der Name entstand allerdings erst später, denn »Medikamenten-Tafel« durfte das Projekt offiziell nicht heißen, da der Begriff »Tafel« geschützt ist. Schmitt erklärt die Namensidee: »Erste Hilfe leistet der Arzt, zweite Hilfe leisten die Apotheker.«

 

Aktuell stehen rund 50 Präparate auf der Liste der gesponserten Medikamente. »Wir haben den Wirkstoffen möglichst preiswerte Anbieter zugeordnet«, berichtet Schmitt. Das mache es für Kunden und Gönner erschwinglich. Der Sponsor, der ungenannt bleiben möchte, habe seine Unterstützung zunächst für fünf Jahre zugesagt. Demnächst soll die Liste auf den Prüfstand, um die Indikationen zu überdenken. »Verhütungsmittel sind immer wieder Thema, ob bei heranwachsenden Töchtern oder wenn die Familienplanung abgeschlossen ist«, sagt Schmitt. Zu den gesponserten Mitteln gehören derzeit Erkältungs- und Schmerzmittel, Präparate gegen Pilzerkrankungen, Pollenallergie und Kopfläuse.

 

»Eine fünfköpfige Familie mit Kopfläusen wird schnell mal 100 Euro und mehr für die Behandlung los«, erläutert Schmitt. »Viele Menschen können sich notwendige Medikamente nicht leisten. Das betrifft nicht nur Hartz-IV-Empfänger, sondern auch immer mehr Rentner.«

 

Im ersten Quartal, ergab die Auswertung, haben Tafel-Kunden rund 60 grüne Rezepte im Wert von etwa 800 Euro eingelöst. Die »2. Hilfe« sei ein voller Erfolg, urteilt Yvonne Redmann, Vorsitzende der Dülmener Tafel. Inzwischen hätten weitere Tafeln Interesse geäußert, deshalb wird Redmann sogar bei deren Bundestreffen in dieser Woche in Berlin über die Dülmener Erfahrungen berichten.

 

Denn dem Vorbild der Dülmener – der Stuttgarter Tafel – war nicht so viel Erfolg beschieden. Seit Anfang 2007 bekamen Tafel-Kunden dort ausgewählte OTC-Produkte 25 Prozent günstiger. Die Differenz zahlte der Pharmagroßhändler Gehe. Inzwischen sei die Aktion eingeschlafen, berichtet Gehe-Pressesprecher Michael Bunkert. Die Nachfrage sei nicht groß gewesen, außerdem hätten die Ärzte nicht gut mitgemacht. Der Nachlass sei zu gering gewesen, vermutet Karin Graser, Inhaberin der Schwanen-Apotheke in Stuttgart. Ganz müssen Arme in Stuttgart nun aber nicht auf günstige Arzneimittel verzichten. In Rahmen der sogenannten Vesperkirche, bei der auch Graser mitarbeitet, bekommen Bedürftige im Winter neun Wochen lang zum Beispiel Erkältungsmittel umsonst.

 

Nachahmer in Steinfurt

 

Das Dülmener Projekt hat schon Nachahmer angeregt. Seit März 2010 erhalten Kunden der Steinfurter Tafel in einzelnen Apotheken 30 Prozent Rabatt auf Arzneimittel. Peter Brockmann, Inhaber der Bahnhof-Apotheke, hat den Anfang gemacht, drei weitere Steinfurter Apotheken zogen nach – um eine koordinierte Aktion handelt es sich aber nicht. Brockmann möchte nicht, dass sein Engagement breit getreten wird; er fürchtet wohl auch den Groll anderer Apotheker im Ort: »Das ist unsere Privatsache. Wir machen das, weil wir helfen wollen«, sagt er.

 

Dass Bedürftige nach dem Vorbild der Lebensmittel-Tafeln mit rezeptfreien Medikamenten versorgt werden, beurteilen Sozialwissenschaftler kritisch. »Hier läuft in jedem Fall etwas schief. Menschen, die offenkundig krank sind, können die notwendigen Medikamente nicht bekommen«, sagt Peter Grottian von der Freien Universität Berlin. Hier sei der Gesetzgeber gefragt. /

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