Pharmazeutische Zeitung online
Diabetes

Neuropathie häufiger als gedacht

20.05.2015
Datenschutz bei der PZ

Von Annette Mende, Berlin / Deutlich mehr Menschen als bisher angenommen leiden offenbar unter einer diabetischen Neuropathie. Eine optimale Blutzuckereinstellung ist das A und O der Behandlung. Daneben können Benfotiamin oder α-Liponsäure die pathogenen Stoffwechselwege blockieren und Medikamente gegen neuro­pathische Schmerzen die Beschwerden lindern.

Von einer diabetischen Neuropathie betroffen sind nicht nur Patienten mit bekanntem Typ-1- oder Typ-2-Diabetes, sondern in erheblichem Maß auch Menschen ohne manifesten Diabetes. Bei gut der Hälfte von 1000 Personen, die sich im Rahmen der Aktion »Diabetes! Hören Sie auf Ihre Füße?« untersuchen ließen, ergab sich ein Verdacht auf die Nervenschädigung (siehe Kasten). An der Untersuchung nahmen zwar überwiegend Diabetiker teil, aber immerhin auch 400 Menschen, die glaubten, ihre Blutzuckerwerte seien in Ordnung.

 

Von den Untersuchten ohne bekannten Diabetes zeigte jeder Vierte Anzeichen einer moderaten bis schweren Neuropathie. »Das war unerwartet häufig«, sagte Professor Dr. Oliver Schnell vom Helmholtz Zentrum München, der die Ergebnisse bei einer Pressekonferenz der Firma Wörwag am Rande der Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft in Berlin vorstellte. In knapp einem Drittel der Fälle war der HbA1C-Wert der Betroffenen erhöht (≥5,7) – ein Zeichen für einen Prädiabetes.

 

Veränderungen beginnen früh

Unter den Typ-2-Diabetikern fanden die Untersucher bei mehr als der Hälfte eine beginnende oder klinisch manifeste Neuropathie. Obwohl das eine bekannte Komplikation ist, auf die Ärzte ihre Patienten regelmäßig untersuchen sollten, wussten zwei von drei Betroffenen nichts davon. »Die Füße werden noch zu selten untersucht«, schloss Schnell aus diesem Ergebnis. Nach den Veränderungen im Rahmen einer diabetischen Neuropathie müsste der Arzt aktiv fahnden, denn sie seien nicht immer symptomatisch. Durch gezielte Tests der Temperatur-, Druck- und Vibrationswahrnehmung lassen sie sich aufdecken, bevor der Betroffene sie selbst bemerkt.

 

Typische Anzeichen einer diabetischen Neuropathie sind Empfindungsstörungen wie Kribbeln, Brennen, Taubheit oder Schmerzen. In den meisten Fällen sind zunächst die Füße betroffen. Ein fehlendes Schmerzempfinden kann dazu führen, dass Patienten kleine oder auch größere Verletzungen nicht wahrnehmen. Die mögliche Folge, ein diabetische Fußsyndrom, ist in Deutschland die häufigste Ursache für nicht traumatische Amputationen.

 

Professor Dr. Karlheinz Reiners vom Universitätsklinikum Würzburg ging auf die Möglichkeiten der Behandlung der Neuropathie ein. »An erster Stelle steht die Einstellung des Blutzuckers«, sagte der Neurologe. Wie wichtig hier normnahe Werte sind, zeigt der hohe Anteil an Betroffenen bereits unter Prädiabetikern. Dauerhaft zu hohe Blutzuckerspiegel führen dazu, dass Stoffwechselwege wie der Hexosamin-Weg, die intrazelluläre Bildung von AGE (advanced glycation endproducts) oder die Aktivierung der Proteinkinase C (PKC) durch Diacylglycerol (DAG) angekurbelt werden, die wiederum an der Entstehung einer Neuropathie beteiligt sind.

 

Das Vitamin-B1-Derivat Benfo­tiamin blockiere diese Stoffwechselwege, so Reiners. Erste Studien seien vielversprechend verlaufen, allerdings hätten die positiven Ergebnisse nicht in allen Wiederholungsstudien bestätigt werden können. Doch sinnvoll sei es in jedem Fall, Diabetikern Vitamin B1 zu verabreichen, »denn sie haben einerseits einen erhöhten Bedarf, scheiden es aber auf der anderen Seite verstärkt über die Niere aus«, so Reiners. Ebenfalls positiv könne sich das Antioxidans α-Liponsäure auswirken. Es habe vor allem für die Behandlung schmerzhafter diabetischer Neuropathien eine lange Tradition. Eine Kombination beider Ansätze könne sinnvoll sein, da sie möglicherweise synergistisch wirken.

 

Als dritte Säule der Behandlung der Neuropathie nannte Reiners die symptomatische Therapie, insbesondere gegen neuropathische Schmerzen. Hier hätten sich besonders trizyklische Antidepressiva, Duloxetin, Pregabalin und Gabapentin bewährt. Lidocain-Pflaster seien wegen ihrer stark örtlich begrenzten Wirkung dagegen in dieser Indikation weniger geeignet. /

Aktionsstand auf Tour

Einer podologischen Untersuchung auf beginnende diabetische Neuropathie können sich Interessierte am Stand der Initiative »Diabetes? Hören Sie auf Ihre Füße!« unterziehen. Auf einem Barfuß-Parcours kann dort zudem jeder selbst fühlen, wie gut sein Gespür in den Füßen ist. Träger der Aktion sind Wörwag und die Deutsche Diabetes-Stiftung. Sie wird in diesem Jahr noch in Frankfurt am Main, Bremen, Nürnberg, Lübeck, Darmstadt und Halle Station machen. Weitere Informationen unter www.hoerensieaufihrefuesse.de.

Mehr von Avoxa