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Diabetische Neuropathie

Hohe Dunkelziffer

28.09.2016
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / Viele Menschen – mit und ohne Diabetes mellitus – leiden an einer Polyneuropathie der Füße, ohne es zu wissen. Selbst wenn die Erkrankung Schmerzen bereitet, wird sie häufig nicht diagnostiziert.

Die Dunkelziffer bei diabetischer Neuropathie ist hoch. Das ergab eine Studie mit fast 1600 Teilnehmern, die Professor Dr. Dan Ziegler vom Deutschen Diabetes Zentrum, Universität Düsseldorf, bei einer Pressekonferenz der Wörwag Pharma in München vorstellte. »Bei fast jedem zweiten Teilnehmer der PROTECT-Studie wurde eine distale sensorische Polyneuropathie (DSPN) festgestellt, die bei etwa zwei Dritteln schmerzhaft war.«

Doch trotz Schmerzen wussten viele Betroffene nichts von ihrer Erkrankung. Sechs von zehn Teilnehmern mit bekanntem Typ-2-Diabetes und Schmerzen in den Füßen hatten keine Polyneuropathie-Diagnose. Bei Personen, die angaben, keinen Diabetes zu haben, waren es sogar 75 Prozent. Diese Anteile lagen bei Personen mit schmerzloser DSPN nochmals um 20 Prozent höher, berichtete Ziegler.

 

Ohne Diabetesdiagnose

 

Vielfach könne ein unerkannter (Prä-)Diabetes die Ursache für die Neuropathien sein, vermutet der Experte. Denn knapp jeder dritte untersuchte »Nicht-Diabetiker« hatte einen auffälligen HbA1c-Wert im Prädiabetes- oder Diabetesbereich (HbA1c von 5,7 bis 6,4 Prozent beziehungsweise darüber).

 

Typischerweise macht sich eine sensorische Polyneuropathie mit Empfindungsstörungen in den Füßen bemerkbar, die manchmal auch die Unterschenkel erfassen. Kribbeln, Brennen, Taubheit, Schmerzen oder nachlassende Sensibilität sind Hinweise. Die Schmerzen beginnen meist schleichend und werden allmählich intensiver, berichtete Professor Dr. Kris­tian Rett vom Endokrinologikum München.

Initiative »Hören Sie auf Ihre Füße«

Ziel der PROTECT-Studie im Rahmen der nationalen Aufklärungsinitiative »Diabetes! Hören Sie auf Ihre Füße?« ist es, die Prävalenz und Risikofaktoren bei schmerzhafter und schmerzloser Polyneuropathie (DSNP) zu ermitteln. Seit 2013 führt die Initiative Aktions- und Informationstouren durch. Interessierte Bürger können sich beraten und die Temperatur-, Druck- und Vibrationsempfindlichkeit ihrer Füße sowie die Fußpulse von einem Podologe kontrollieren lassen. Zudem werden HbA1c und Body-Mass-Index erfasst. Alle Untersuchungsergebnisse werden dokumentiert und wissenschaftlich ausgewertet. Die Initiative wird von Wörwag Pharma, der Deutschen Diabetes-Stiftung und einem wissenschaftlichen Beirat unter Vorsitz von Professor Dr. Dan Ziegler getragen.

Der Diabetologe sprach von einer »quälenden Unspezifität der Beschwerden« mit Minus- und Plussymptomatik. Zu den Minussymptomen gehören Ausfallerscheinungen wie Taubheit, Hypo- oder Analgesie der Füße und Abschwächung der Muskeleigenreflexe; zu den Plussymptomen zählen Brennen, Kribbeln und Hyperalgesie.

 

Häufig betroffen sind Diabetes- Patienten, doch viele suchen erst dann ärztliche Hilfe, wenn die Schmerzen weit fortgeschritten und chronisch sind. Man müsse die Patienten daher gezielt nach Brennen, Kribbeln und Ameisenlaufen fragen, sagte der Diabetologe. Bei der Diagnose sind eine periphere arterielle Verschlusskrankheit und ein Restless-legs-Syndrom abzugrenzen. Rett plädierte für eine frühzeitige Diagnose und Behandlung, bevor periphere Nerven irreversibel geschädigt sind.

 

Drei Säulen der Therapie

 

Laut Rett gibt es zur Therapie der sensomotorischen diabetischen Neuropathie ein Drei-Säulen-Schema. Wichtige sei es, den Überschuss an Glucose zu reduzieren und Blutzuckerspitzen zu vermeiden, damit keine toxischen Metabolite gebildet werden. Die erste Säule sind eine individualisierte optimale Diabeteseinstellung und die Reduktion von Risikofaktoren wie Alkoholkonsum, Rauchen und Hypertonie. Die zweite Säule sei pathogenetisch orientiert und umfasse die Gabe von Benfotiamin oder -Liponsäure, sagte Rett. Über eine Aktivierung des Enzyms Transketolase soll die bei Hyperglyk­ämie vermehrte Bildung von aggressiven Zuckerabbauprodukten (Advanced Glycation Endproducts) gehemmt werden. Dies könne Schmerzen, Taubheitsgefühl und Brennen lindern.

 

Als dritte Säule nannte der Diabetologe die symptomatische Therapie, zum Beispiel die medikamentöse Linderung der neuropathischen Schmerzen. Dies zielt auf eine Verbesserung der Lebensqualität ab. /

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