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Typ-2-Diabetes und Krebs

Keine Einbahnstraße

22.05.2012
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Von Sven Siebenand, Stuttgart / Die Zusammenhänge zwischen Typ-2-Diabetes und Krebs sind komplex: Einerseits haben Typ-2- Diabetiker ein erhöhtes Risiko, an Krebs zu erkranken, und einige Antidiabetika stehen im Verdacht, Tumoren auszulösen oder aber davor zu schützen. Andererseits können aber auch Krebserkrankungen zuckerkrank machen und bestimmte onkologische Therapeu-tika führen zu einer gestörten Glucosetoleranz.

Das Risiko für Brust-, Darm-, Harnblasen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs ist bei Typ-2-Diabetikern um das 1,2 bis 1,7-Fache erhöht. Für Leberzellkrebs steigt die Gefahr bei dieser Patientengruppe sogar um den Faktor 2,5 an. Zu diesem Ergebnis kommt ein Autorenteam um Professor Dr. Norbert Stefan vom Universitätsklinikum Tübingen in der »Deutschen Medizinischen Wochenschrift« (doi: 10.1055/s-0032-1304928). Doch damit nicht genug: Auch die Wahrscheinlichkeit, an diesen Krebserkrankungen zu sterben, ist größer. Daten aus einem schwedischen Krankenhausregister belegen ein um 38 Prozent erhöhtes Mortalitätsrisiko. Vor diesem Hintergrund sollten Diabetiker unbedingt dazu animiert werden, regelmäßig an der Krebsvorsorge teilzunehmen.

 

Prädiabetes erhöht Krebsrisiko

 

Wie Diabetes die Tumorentstehung fördert, ist noch nicht völlig geklärt. Einer Hypothese zufolge spielen erhöhte Blutzuckerspiegel dabei eine wichtige Rolle. Experten diskutieren derzeit aber noch eine andere Theorie. Dieser zufolge fördern hohe Insulin-Konzen­trationen im Blut die Krebsentstehung. »Offenbar steigert Insulin die Bioverfügbarkeit des Wachstumsfaktors IGF-1, der die Zellteilung in bösartigen Geweben beschleunigt und zugleich das Selbstmordprogramm bösartiger Zellen stoppt«, vermutet das Autorenteam um Stefan.

Auf der Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) vergangene Woche in Stuttgart präzisierte der Diabetologe, dass bereits Personen mit erhöhtem Diabetesrisiko ein größeres Krebsrisiko haben. »Die Gefahr droht, wenn die Insulinresistenz ansteigt, also teilweise schon zehn Jahre vor dem Auftreten des Diabetes«, sagte Stefan. »Das metabolische Syndrom ist es, das die Krebsentstehung fördert«, ergänzte Professor Dr. Hans-Georg Joost aus Potsdam.

 

Auch eine in »Diabetes Care« (2012; 35: 299-304) publizierte retrospektive Kohortenstudie mit mehr als 112 000 Patienten zeigte kürzlich, dass eine Therapie mit den insulinotropen Sulfonylharnstoffen oder Insulin mit einer erhöhten Krebssterblichkeit einhergeht. Eine Metformintherapie dagegen scheint die Sterblichkeit durch Krebs im Vergleich zu Patienten ohne Diabetes sogar zu senken.

 

Aus diesen Erkenntnissen leiten Dia­betologen Konsequenzen für die Therapie ab. »Behandlungsstrategien für Typ-2-Diabetes, die mit einer un­angemessenen Erhöhung der Insulinspiegel einhergehen, müssen kritisch betrachtet werden«, so Professor Dr. Stephan Matthaei aus Quakenbrück in einer Pressemitteilung der DDG. Bei der Insulintherapie von Patienten mit Typ-2-Diabetes gelte deshalb der Leitsatz: so viel Insulin wie nötig, aber so wenig wie möglich.

 

Apropos Insulin: Im Jahr 2009 war das Analog-Insulin glargin (Lantus®) in die Kritik geraten, weil es möglicherweise das Krebsrisiko für Diabetiker erhöht. Beim DDG-Kongress wurden nun die Ergebnisse einer aktuellen Metaanalyse zum Krebsrisiko des Kunst- Insulins vorgestellt. Demnach ist Insulin glargin verglichen mit anderen Insulinen nicht mit einem erhöhten Krebs­risiko assoziiert. Im Gegenteil: Diese Gefahr schien sogar – wenn man alle Krebsarten zusammenfasst – leicht reduziert zu sein.

 

Zudem scheint es biologisch wenig plausibel, dass ein durch Insulin glargin erhöhtes Krebsrisiko bereits heute erkennbar sein könnte, da es meist viele Jahre dauert, bis sich ein Tumor entwickelt. Joost nannte einen Zeitraum von zehn bis 30 Jahren, Lantus kam aber erst im Jahr 2000 auf den Markt.

 

Die zu kurze Expositionszeit macht es Joost zufolge auch unplausibel, dass ein möglicherweise von Inkretin-basierten Therapeutika ausgehendes Krebsrisiko jetzt schon bemerkt werden kann. Auch sie sind erst seit wenigen Jahren auf dem Markt verfügbar. Dennoch sorgte eine 2011 in »Gastroenterology« veröffentlichte Untersuchung für Wirbel. Wissenschaftler hatten den DPP-4-Hemmer Sitagliptin und das GLP-1-Analogon Exenatid unter anderem mit dem erhöhten Auftreten von Pankreaskarzinomen in Verbindung gebracht. Allerdings braucht auch dieser Krebs etwa 20 Jahre zum Entstehen. Sehr unwahrscheinlich also, dass die Inkretin-basierten Therapeutika diesen Prozess derart beschleunigen können.

 

»Die bisherigen Daten sind nicht robust genug, um Schlussfolgerungen hinsichtlich Inkretin-basierten Thera­pien und Krebs machen zu können«, sagte Professor Dr. Klaus Mörike aus Tübingen. Allerdings handele es sich »um ein abklärungswürdiges und -bedürftiges Signal«. Denn nicht nur in US-Datenbanken des UAW-Spontan­erfassungssystems, sondern auch hierzulande habe es Berichte zu genau dieser Thematik gegeben.

 

Erst Krebs, dann Diabetes

 

Wie Privatdozentin Dr. Katja Weisel aus Tübingen darstellte, kann in seltenen Fällen auch eine Krebserkrankung die Ursache von Diabetes sein. Meistens handele es sich dabei um ein Brochial-, ein Nebennierenrinden- oder ein Pankreaskarzinom. Die Onkologin informierte, dass es sich meistens nicht um direkte Tumoreffekte, sondern um ein paraneoplastisches Syndrom handelt. Wie Weisel deutlich machte, werden bei der Tumortherapie oft diabetogene Substanzen eingesetzt. Dazu gehören zum Beispiel die mTOR-Inhibitoren Temsirolimus und Everolimus sowie Glucocorticoide wie Prednison, Prednisolon sowie Dexamethason. »Steroide sind integraler Bestandteil vieler Tumortherapien«, so die Referentin. Das Management der Hyperglykämie müsse mit bedarfsadaptierter Zielsetzung und anders als bei der klassischen Diabetesbehandlung erfolgen.

 

Weisel ging abschließend auf die vielversprechenden Antitumor-Eigenschaften von Metformin ein. Die generelle Gabe des Biguanids bei Krebspatienten ohne Diabetes könne man derzeit (noch) nicht empfehlen, bei Diabetikern sollte man die Indikation zur Einnahme aber möglichst breit stellen. / 

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