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EGFR-Inhibitoren

Hautreaktionen kompetent managen

22.05.2012
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Von Verena Arzbach / Unter einer Krebstherapie, die den Rezeptor des epidermalen Wachstumsfaktors hemmt, entwickeln etwa 80 Prozent der Patienten akneähnliche, zum Teil schmerzhafte Hautveränderungen. Eigentlich ein gutes Zeichen, da dies ein Ansprechen auf die Therapie ist. Dennoch leiden die Patienten stark unter dieser Nebenwirkung. Wie lässt sie sich in den Griff bekommen?

Der Forschritt in der Krebstherapie – von der klassischen Chemotherapie zu den zielgerichteten Therapien – veränderte nicht nur das Behandlungsspektrum für die Patienten, sondern auch das der Nebenwirkungen. So treten bislang häufige unerwünschte Wirkungen der konventionellen Chemotherapie wie Übelkeit oder Erbrechen in den Hintergrund. Dafür treten andere klassen- oder substanzspezifische Nebenwirkungen der neuen Tumortherapeutika in den Vordergrund. So zum Beispiel die dermale Toxizität von Inhibitoren des epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptors (EGFR, engl.: epidermal growth factor receptor).

 

Die Hemmung des überaktivierten EGF-Rezeptors hat sich bei zahlreichen soliden Tumoren als wirksamer Therapieansatz erwiesen. Zum Einsatz kommen die monoklonalen Antikörper Cetuximab und Panitumumab, die an den Rezeptor binden und so die Bindung des Liganden verhindern. Hingegen hemmen die niedermolekularen, oral verabreichten Wirkstoffe Erlotinib und Geftinib die Tyrosinkinaseaktivität in der Zelle und unterbinden so die Signaltransduktion von EGFR.

 

Da EGF-Rezeptoren jedoch ebenfalls auf gesunden Körperzellen in der Haut und in Haarfollikeln exprimiert werden, treten hier die für diese Wirkstoffklasse typischen Nebenwirkungen auf. Mehr als 75 Prozent aller mit EGFR-Hemmern behandelten Patienten leiden unter akneähnlichen, zum Teil schmerzhaften Hautveränderungen. Am häufigsten entwickelt sich ein papulopustulöses Exanthem (akneiformes Exanthem oder engl. »rash«) bereits sieben bis zehn Tage nach Beginn der Behandlung. Bei den meisten Patienten bleibt die Ausprägung moderat (Grad 1 bis 2). Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Rash auftritt, steigt bei einer Therapie mit Erlotinib, wenn der Patient Nichtraucher und über 70 Jahre alt ist. Cetuximab-Patienten hingegen haben ein erhöhtes Hautauschlag-Risiko, wenn sie männlich und jünger als 70 Jahre sind. Der Ausschlag ist akneähnlich, es bilden sich aber keine Komedonen. Er beginnt zumeist im Gesicht und breitet sich auf Brust und Rücken aus. Darauf folgt eine Austrocknungsphase, in der die Haut schließlich extrem (licht-)empfindlich und trocken wird. Besonders an den Fingerspitzen kann sie schmerzhaft einreißen und zu Nagelbettentzündungen führen. Die Veränderungen können auch die Haare betreffen. Diese werden brüchiger und dünner, im Stirnbereich fallen sie aus, Augenbrauen und Wimpern hingegen wachsen oft länger und lockig. Haut- und Haarveränderungen bilden sich in der Regel nach der Therapie spontan wieder zurück, je nach Schwere können sie den Patienten jedoch psychisch belasten und daher therapielimitierend sein. Ein optimales Management der kutanen Nebenwirkungen kann daher entscheidend zur Akzeptanz und Compliance des Patienten beitragen.

 

Sind die akneartigen Hautveränderungen leichter Natur, müssen sie nicht zwangsläufig medikamentös behandelt werden. Es kann aber sinnvoll sein, den Patienten bei Therapiebeginn mit einem EGFR-Inhibitor eine rückfettende Hautpflege, zum Beispiel mit Harnstoff, zu empfehlen. Bei schwerwiegenderen Erscheinungen wird eine Stufentherapie empfohlen, ähnlich der Behandlung von Akne oder Rosacea. Bei leichteren Hautveränderungen (Grad 1 bis 2) kommen topische Keratolytika zum Einsatz, beispielsweise Benzoylperoxid oder Isotretinoin. Möglich ist auch die Anwendung antibiotika-haltiger Cremes, vorzugsweise mit Metronidazol oder Erythromycin, da diese neben dem antibiotischen Effekt lokal entzündungshemmend wirken. Bei stärkeren entzündlichen Reaktionen (Grad 3 bis 4) sollte zusätzlich ein systemisches Antibiotikum eingenommen werden, Doxycyclin und Minocyclin sind die Mittel der Wahl. Bei Ekzemen helfen Corticoid-Cremes und gegen Juckreiz kann ein Antihistaminikum verwendet werden. Bei einigen Patienten beeinflusst auch eine vorbeugende systemische Antibiotika-Therapie die Schwere der Hautreaktionen günstig. In einem Review im Journal »Support Cancer Care« aus dem Jahr 2011 befürworten Experten um Dr. Mario E. Lacouture aufgrund des häufigen Auftretens des Rashs eine generelle prophylaktische antibiotische Therapie. Während der ersten sechs Therapiewochen empfehlen sie durchgängig eine 1-prozentige Hydrocortisoncreme, Sonnenschutz mit hohem Lichtschutzfaktor und die tägliche Einnahme von 100 mg Doxycyclin oder alternativ Minocyclin. Doxycyclin habe ein besseres Sicherheitsprofil, insbesondere bei Patienten mit gestörter Nierenfunktion. Minocyclin sei hingegen weniger photosensibilisierend, so die Autoren (doi: 10.1007/s00520-011-1197-6).

 

Nach längerer EGFR-Hemmer-Behandlungsdauer kommt es bei circa 35 Prozent aller Patienten im Bereich des vorbestehenden Exanthems oder an den Extremitäten zu einem trockenen, schuppenden Ekzem, häufig einhergehend mit starkem Juckreiz. In der Folge steigt das Risiko einer bakteriellen Infektion. In der trockenen Phase sollten die Patienten auf jeden Fall auf alkoholische Lösungen und Seifen verzichten und stattdessen rückfettende Feuchtigkeitscremes und seifenfreie Ölbäder verwenden. Spezielle Verhaltens- und Pflegemaßnahmen können die Hautirritationen zwar nicht vollständig verhindern, sie aber in ihrer Stärke erheblich abmildern und dem Patienten so die Therapietreue erleichtern. Wichtig ist, dass die Patienten leichte, luftdurchlässige Kleidung tragen. Wegen der erhöhten Lichtempfindlichkeit sollten sie einen ausreichenden Lichtschutzfaktor verwenden und direkte Sonnenexposition meiden. Außerdem sollten sie auf häufiges Waschen oder Duschen sowie Parfum möglichst verzichten und nur lauwarmes Wasser und milde Seifen an die geschädigte Haut lassen. / 

Tipps

Empfohlen wird:

Waschen mit lauwarmem Wasser

Verwendung von pH-neutralen Bade-/Duschölen

Regelmäßige und konsequente Hautpflege

Gesicht: parfümfreie, schnell einziehende, nicht fettende Tagescreme (frühe Phase); rückfettende Tagescreme (späte Phase)

Körper: Dexpanthenolhaltige Körperlotion (frühe Phase); rückfettende Körperlotion mit 5 bis 10 Prozent Urea (späte Phase)

Konsequenter Lichtschutz: Tagescreme mit LSF ≥ 30 UV-A/UV-B-Schutz, entsprechende Kleidung, Sonnenhut

 

Gefährlich sind:

Manipulationen an Pusteln wie Kratzen und Ausdrücken (steigert die Infektgefahr),

langes, heißes Duschen oder Baden,

heißes Föhnen der Haare,

direkte Sonneneinstrahlung, Hitze, Feuchtigkeit

Rasieren (Mikrotraumatisierung), auch Elektrorasur,

Okklusionseffekte wie langes Tragen von Gummihandschuhen

starkes Rubbeln mit Handtuch

zu enges Schuhwerk

 

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