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PZ-Expertenrat

Eisen plus Calcium gleich Interaktion?

27.04.2016
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PZ / Dürfen Eisenpräparate zusammen mit Milchprodukten eingenommen werden oder behindern sich die beiden zweiwertigen Kationen Fe und Ca bei der Aufnahme? Apothekerin Dr. Hiltrud von der Gathen gibt im PZ-Expertenrat Antwort.

Frage: Bei Eisen, Calcium (Milch) und Magnesium heißt es immer wieder, dass ein zeitlicher Abstand bei der Einnahme eingehalten werden soll. Warum? Und wie lange soll der Abstand sein, auch bezogen auf Retard- und Filmtabletten?

 

Antwort von Dr. Hiltrud von der Gathen: Ich habe vor einiger Zeit mal zu dem Thema recherchiert. Fundierte Daten sind nicht zu finden. Es besteht theo­retisch die Überlegung, dass zweiwertige Kationen, also nicht nur Eisen, Magnesium und Calcium, sondern auch Zink und Selen über den gleichen Carrier aus dem Darm resorbiert werden. Dieser Carrier soll bei gleichzeitiger Einnahme »überlastet« sein. Deshalb der Zeitabstand. Es gibt jedoch meines Wissens keine Studie, die diese Verringerung der Resorption bei gleichzeitiger Einnahme nachweist. Ich fand vielmehr sogar einen Hinweis, dass sich die Resorption erhöht bei gleichzeitiger Einnahme. Dies war aber ebenso wenig belegt wie die Resorptionsverminderung.

Mich beschlich bei den Recherchen der Verdacht, dass es sich hier um tradiertes Wissen handelt, das einer vom anderen abschreibt, ähnlich wie bei der Insektenabwehr durch oral eingenommenes Vitamin B oder die Calciumeinnahme zur Verhütung von Sonnenbrand oder der angeblich hohe Eisengehalt in Spinat.

 

Zu überlegen ist auch, dass Calcium­supplemente mit 500 bis 1000 mg und Magnesiumsupplemente mit 300 mg die Menge an Kationen enthalten, die von der DGE als tägliche Zufuhr durch die Nahrung empfohlen werden. Ich kann mir keinen Mechanismus vorstellen, wie der Körper dies bei der Aufnahme trennen soll. Er muss damit fertig werden, dass die Kationen gleichzeitig ankommen.

 

Anders ist es bei den Interaktionen der Kationen mit Arzneistoffen. Hier gibt es belastbare Untersuchungen zur Verminderung der Resorption. Der Zeitabstand variiert hier beispielsweise zwischen sechs Stunden bei Moxifloxacin und zwei Stunden für andere Gyrase­hemmer. Wie dieser Unterschied bei den Gyrasehemmern begründet werden kann, entzieht sich meiner Kenntnis.

Der PZ-Expertenrat

Sie haben eine pharmazeutische Fachfrage und Bücher helfen nicht weiter? Dann stellen Sie sie unseren Experten Professor Dr. Theodor Dingermann (Pharmazeutische Biologie), Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz (Pharmazeutische Chemie), Professor Dr. Hartmut Morck (Pharmakologie), Professor Dr. Klaus Langer (Technologie) und Dr. Hiltrud von der Gathen unter www.pharmazeutische- zeitung.de/expertenrat.

Zum Problem der gleichzeitigen Einnahme mit Milch gibt es auch kaum belastbare Daten. Bei Doxycyclin erlauben die Fachinfos und Beipackzettel oft sogar die gleichzeitige Einnahme. Da frage ich mich dann, ob man Arzneimittel eigentlich mit Milch einnehmen muss oder ob man das unter Umständen auch mit Wasser machen könnte.

 

Über Milch im Kaffee gibt es natürlich auch nichts. Mein pharmazeutischer Sachverstand sagt mir da, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass eine kleine Menge Milch, um den Kaffee zu färben, zu einer wesentlichen Beeinträchtigung der Resorption der gefährdeten Arzneistoffe führt. Anders verhält es sich natürlich mit dem neuen Modegetränk Latte macchiato, wo ein Espresso in 250 ml Milch gegossen wird. Da könnte ich mir schon eher eine Beeinträchtigung vorstellen. Hier würde ich zu einem zweistündigen Zeitabstand raten.

 

Wie sich eine Retardformulierung auf das ganze Geschehen auswirken könnte, vermag ich nicht zu beurteilen. Retardformulierungen bei den genannten Kationen sind mir, ehrlich gesagt, gar nicht bekannt. Das heißt zwar nichts, aber eine große Marktbedeutung haben sie sicher nicht. /

 

»Ich habe den Verdacht, dass es sich hier um tradiertes Wissen handelt, das einer vom anderen abschreibt.«

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