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Gürtelrose

Angriff aus dem Nervenknoten

17.04.2012  16:49 Uhr

Von Ulrike Viegener / Gürtelrose oder Herpes zoster ist ein schmerzhafter Hautausschlag, der durch das Varicella-zoster-Virus verursacht wird. Nach der Erstinfektion, die sich als Windpocken manifestiert, persistiert das Virus schlafend im menschlichen Körper. Bei einer Abwehrschwäche kann der Erreger wieder aktiv werden und eine Gürtelrose auslösen.

Während sich bei Windpocken der Hautausschlag am ganzen Körper ausbreitet, führt eine wieder aufflammende Varicella-zoster-Infektion in der Regel zu einseitig gürtelförmigen Effloreszenzen am Rumpf, seltener auch im Gesicht. Der Grund für dieses Verteilungsmuster: Die Windpockenviren siedeln sich nach der Erstinfektion in Nervenganglien an, wandern bei Re­aktivierung am betroffenen Nerv entlang an die Oberfläche und verursachen dort die Effloreszenzen.

Erstes Anzeichen einer Gürtelrose ist ein allge­meines Krankheitsgefühl mit Abgeschlagenheit und Fieber. Außerdem treten brennende Schmer­zen im Versorgungsgebiet des befallenen Nervs auf, eventuell auch Empfindungsstörungen und Juckreiz. Einige Tage nach den Erstsymptomen bricht dann der Hautausschlag aus.

 

Erreger in Gehirn oder Rückenmark

 

Ob sich der Ausschlag am Rumpf oder im Gesicht manifestiert, hängt davon ab, ob sich der Erreger im Rückenmark oder im Gehirn fest­gesetzt hat. Der Hautausschlag ist so typisch, dass er in der Regel allein schon zur Sicherung der Diagnose ausreicht: Auf geschwollener, geröteter Haut bilden sich Bläschen, die Erbsengröße annehmen können und mit seröser Flüssigkeit oder Blut gefüllt sind. Oft stehen die Bläschen in Gruppen beziehungsweise Rosetten zusammen. Nach einigen Tagen platzen sie auf, verkrusten und heilen innerhalb von drei bis vier Wochen ab. Meist verläuft die Abheilung narbenfrei – und der Spuk ist wieder vorbei.

 

In 10 bis 15 Prozent der Fälle allerdings dauern die Schmerzen auch nach Verschwinden des Hautausschlags an beziehungsweise treten erneut auf. Dann hat sich infolge Ganglienzell­nekrose eine postzosterische Neuralgie entwickelt. Sie äußert sich meist als quälender, brennender Dauerschmerz, der von einer Überempfindlichkeit gegenüber leichtester Berührung begleitet sein kann. Auch plötzlich einschießende Schmerzattacken können vorkommen. Das Risiko der postzosterischen Neuralgie ist erhöht bei ausgeprägter Zostererkrankung, bei Manifestation im Gesicht sowie bei Vorliegen eines Diabetes mellitus. Mit dem Alter steigt das Risiko massiv an, und zwar auf bis zu 70 Prozent bei 70- bis 80-Jährigen.

 

Wenn sich die Viren in Gehirnganglien einnisten, besteht bei Reaktivierung die Gefahr, dass das Auge in Mitleidenschaft gezogen wird. Diese auch als Zoster ophthalmicus bezeichnete Komplikation ist zwar selten, kann aber bleibende Sehstörungen nach sich ziehen und sogar bis zur Erblindung führen. Auch ein Herpes zoster im Bereich des Ohrs ist gefährlich. Ein solcher sogenannter Zoster oticus führt nicht selten zum Hörverlust und/oder zu einer Gesichtslähmung (Fazialisparese). Lebensbedrohlich ist der disseminierte Zoster. Infolge eines Befalls des gesamten Nervensystems kann sich der Zoster in diesem Fall über die gesamte Haut ausbreiten und auch auf innere Organe übergreifen, was allerdings nur bei einer sehr stark ausgeprägten Immunschwäche passiert.

 

Gefahr durch Stress und Sonnenlicht

 

In aller Regel schafft eine Schwächung des Immunsystems die Voraussetzung dafür, dass schlafende Windpocken­viren wieder zum Angriff übergehen. Eine solche Abwehrschwäche kann bereits durch Stress oder UV-Licht ausgelöst werden, es können aber auch immunsupprimierende Erkrankungen wie Leukämie oder Aids dahinterstecken. Da sich die Immunabwehr mit zunehmendem Alter verschlechtert, erkranken vor allem Menschen ab etwa dem 50. Lebensjahr an Gürtelrose.

 

Ein Herpes zoster wird mit Virustatika behandelt, die oral oder, in schweren Fällen, intravenös verabreicht werden. Die Therapie sollte umgehend nach Ausbruch der Erkrankung beginnen. Dann bestehen gute Chancen für einen schnellen und unkomplizierten Heilungsverlauf. In leichten Fällen wird der Arzt eventuell auf die antivirale Therapie verzichten. Zur Symptomlinderung können die betroffenen Hautstellen topisch mit austrocknenden, antisep­tischen Präparaten behandelt werden.

 

Wichtig ist in jedem Fall eine adäquate Schmerztherapie, nicht zuletzt deshalb, weil sich so das Risiko einer postzosterischen Neuralgie verringern lässt. Neben klassischen Analgetika kommen beim akuten Zosterschmerz Antiepileptika wie Carbamazepin oder schmerzdistanzierende Antidepressiva wie Amitriptylin zum Einsatz. Wenn sich dennoch eine postzosterische Neuralgie entwickelt, gestaltet sich die Behandlung schwierig. Antidepressiva sind hier Medikamente der ersten Wahl, eventuell müssen auch Opioide angewendet werden. Oft sind multimodale Therapiekonzepte unter Einbeziehen nicht medikamentöser Verfahren erforderlich. / 

Tipps für das Beratungsgespräch

Bei Verdacht auf Gürtelrose sollte der Patient umgehend einen Arzt aufsuchen, bei Augenbeteiligung unbedingt auch einen Augenarzt.

Patienten mit Gürtelrose sollten sich körperlich möglichst schonen.

Gürtelrose ist bei Weitem nicht so ansteckend wie Windpocken. Die Übertragung erfolgt ausschließlich über Schmierinfektion. Den Kontakt mit ungeschützten Schwangeren sollten Zoster-Patienten aber unbedingt vermeiden.

Ältere Menschen können sich heute gezielt gegen Herpes zoster impfen lassen. Die Erkrankungshäufigkeit sinkt dadurch um rund die Hälfte und auch das Risiko einer postzosterischen Neuralgie wird effektiv reduziert. Die Impfung ist gut verträglich.

 

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