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Beratung

Diskretion bei der Abgabe von Arzneimitteln

05.04.2007  12:06 Uhr

Beratung

Diskretion bei der Abgabe von Arzneimitteln

Von Hartmut Morck, Berlin

 

Die Apothekenbetriebsordnung fordert seit 1994 Vertraulichkeit bei der Beratung. Wie sie in den Apotheken gewährleistet wird, ist sehr unterschiedlich. Die Politik hat Erwartungen, die ernst genommen werden müssen (siehe PZ 14). Die PZ sprach mit den Kammerpräsidenten aus Bayern und Nordrhein, Dr. Ulrich Krötsch und Lutz Engelen, wie die Vorstellungen der Politik umgesetzt werden können.

 

PZ:Seit 1987 steht in § 20 der Apothekenbetriebordnung (ApBetrO) die Verpflichtung zur Beratung, 1994 wurde diese Verpflichtung ergänzt. Seitdem muss Vertraulichkeit bei der Beratung gewährt werden. Herr Dr. Krötsch, als ehemaliger ehrenamtlicher Pharmazierat, der Apotheken besichtigt, können Sie am besten beurteilen, ob diese Vertraulichkeit in den Apotheken gewährleistet ist?

Krötsch: Eine eher kleine Zahl der Apotheken kann dies, die meisten aber leider noch nicht. Der Kunde sollte bereits beim Betreten der Apotheke die Diskretionszone erkennen können, wo er sich ungestört von anderen Kunden von seinem Apotheker, seiner Apothekerin beraten lassen kann.

 

Die Änderung der ApBetrO von 1994 bezieht sich eindeutig auf die Vertraulichkeit der Beratung bei der Abgabe eines Arzneimittels. Der mittlerweile häufig zitierte Satz »Man kann derzeit in deutschen Postämtern eine 55-Cent-Briefmarke vertraulicher erwerben als eine Hämorrhoidensalbe in der Apotheke«, sollte jedem Kollegen zu denken geben. Es ist also nicht an einen zusätzlichen Beratungsraum gedacht, sondern an Maßnahmen, die eine vertrauliche Beratung gewährleisten.

 

Ein Kunde, der mit einem Problem in die Apotheke kommt, geht nicht freiwillig in das Beratungszimmer und wartet auf den Apotheker, sondern er geht zu dem üblichen HV-Tisch und erwartet, dort bedient und beraten zu \-werden.

 

PZ:Herr Engelen, Sie haben kürzlich in Ihrer Zeitschrift »Kammer im Gespräch« Vorschläge gemacht, wie die Vertraulichkeit der Beratung garantiert werden kann. Muss die Offizin umgebaut werden, oder gibt es auch einfachere Lösungen?

Engelen: Einfache, aber effektive Lösungen, darauf kommt es jetzt an. Die Hürden zur Schaffung einer vertraulichen Beratung sind längst nicht so hoch wie manche Kollegen glauben. Eine einfache Markierung auf dem Boden, ein Deckenschild, ein Bodenständer oder auch das intelligente Aufstellen von HV-Aufstellern. Damit schafft man sofort und ohne großen Aufwand Diskretionszonen in der Offizin. Diese Diskretionszonen werden von den Kunden sofort akzeptiert. Denn sie sind für ihn absolut selbstverständlich, weil er ihnen praktisch überall begegnet. Auch das dürfen wir nicht vergessen, wenn wir über die Einrichtung von Diskretionszonen sprechen. Wir schaffen also nicht irgendeine neue, vielleicht sogar befremdliche Situation, sondern im Gegenteil, wir demonstrieren unseren Patienten mit akzeptierten Signalen, dass wir Rücksicht auf ihre Privat- und Vertrauenssphäre nehmen.

 

Sicherlich ist die Vertraulichkeit der Beratung kein Neuland für uns, ich erinnere nur an die Beratungszimmer. Wir dürfen jedoch nicht stehen bleiben mit unseren Angeboten. Noch viel stärker als bisher müssen wir die vertrauliche Beratung in unseren Betrieben mit diesen einfachen, von jedem ohne großen finanziellen und organisatorischen Aufwand umsetzbaren Lösungen für den Patienten erlebbar machen.

 

PZ:Wann sollten Patienten in einem separaten Raum beraten werden?

Krötsch: Wenn eine Apotheke diese Möglichkeit bietet, muss man das als zusätzlichen Luxus ansehen, der durchaus empfehlenswert ist, aber nicht den Normalfall darstellt. Diese Notwendigkeit ergibt sich bei längeren Gesprächen, zum Beispiel bei der Pharmazeutischen Betreuung, bei Beratung über Fragen des Hygiene- und Intimbereichs, bei sexuellen Problemen, aber auch bei einer ausführlichen EDV-Beratung in der Homöopathie, Ernährungsberatung oder Reiseimpfberatung.

 

Darüber hinaus ist ein zusätzlicher Beratungsraum immer hilfreich bei in Apotheken üblichen Untersuchungen, wie Blutdruckmessung, Blutwertemessungen (Glucose, Cholesterin) oder zur Abmessung von Stützstrümpfen. Dies hat jedoch nichts mit der vertraulichen Beratung bei der Abgabe von Arzneimitteln zu tun.

 

PZ:Der Gesundheitsminister Ihres Landes, Karl-Josef Laumann, hat in einem Spitzengespräch mit Vertretern der Apothekerkammern und -verbände die Erwartung geäußert, dass die Apotheken jederzeit vertrauliche Beratungsgespräche gewährleisten können. Rechnen Sie mit politischen Konsequenzen, wenn diese Erwartung nicht erfüllt wird?

Engelen: Ja, eindeutig. Gesundheitsminister Laumann sieht den Apotheker in erster Linie als Heilberufler. Die heilberufliche, inhabergeführte Apotheke stützt er. Daraus erwächst für uns alle aber auch eine Verpflichtung, die wir sehr ernst nehmen sollten. Wir müssen der Erwartung der Politik und, nicht zu vergessen, unserer Kunden gerecht werden Die vertrauliche Beratung in unseren Apotheken wird somit unmissverständlich zur Messlatte für die weitere politische Unterstützung sein.

 

Sehr viel Zeit bleibt da nicht mehr. Ich denke, Ende dieses Jahres werden wir nach Ergebnissen gefragt. Wobei der Minister die konkrete Ausgestaltung der beruflichen Selbstverwaltung überlässt, weil er absolut zu Recht der Auffassung ist, dass niemand besser als die Apotheker einschätzen können, wie viel Diskretion im Einzelfall notwendig ist. Man muss daher nicht alles über Verordnungen regeln. Auch hier finden wir wieder Rückendeckung für uns, aber auch unsere Verpflichtung, selbst Lösungen zu erarbeiten und umzusetzen.

 

PZ:Eine Reihe von Apotheken versuchen mit Discountpreisen bei OTC-Arzneimitteln und im Ergänzungssortiment ihre Existenz zu sichern. Bleibt dabei die Beratung und damit auch das Image der Apotheke auf der Strecke?

Engelen: Dazu eine grundsätzliche Bemerkung vorab: Der Gesetzgeber hat zu Recht im Arzneimittelgesetz eine Unterscheidung zwischen apothekenpflichtigen und freiverkäuflichen Arzneimitteln getroffen, weil im Sinne der Patientensicherheit und des Verbraucherschutzes die Abgabe der besonderen Ware Arzneimittel an den Apotheker und seine pharmazeutische Kompetenz und Beratung verpflichtend gebunden ist. Juristisch und nach unserem Selbstverständnis als Heilberufler darf es daher keine Arzneimittel erster oder zweiter Klasse geben. Das muss uns sehr bewusst sein, wenn wir die OTC- Arzneimittel für die Zukunft in unseren Apotheken halten wollen. Es ist deshalb falsch, allein auf Preisdumping und den schnellen Verkauf zu setzen. Übrigens nicht nur von unserer Seite aus. Wenn der Gesetzgeber die vom ihm selbst definierte Arzneimittelsicherheit ernst nimmt, ist er ebenfalls gefordert.

 

Zum Thema Image sollten wir uns überlegen, wie wir die Marke Apotheke zukünftig intelligent positionieren. Als Billigmarke sicherlich nicht, das kann jeder Depp. Nein, wir müssen die Qualität unserer Versorgung, die Kompetenz unseres Personals, die Stärken der Am-Ort-Versorgung wie soziale Kompetenz, Vertraulichkeit und heilberufliche Kooperation von Ärzten und Apothekern weiterentwickeln. Wir müssen moderne Lösungen für ein effektives und effizientes Arzneimittel-Management entwickeln, da liegt die Zukunft unserer heilberuflichen Marke.

 

Krötsch: Es war ausdrücklicher Wunsch des Gesetzgebers, die Preise der apothekenpflichtigen Arzneimittel freizugeben. Dieser Gedanke widerstrebt dem freien Heilberufler Apotheker, denn der sieht immer noch, zu Recht, das Arzneimittel als Ware besonderer Art. Aber wir müssen uns der Realität stellen. Jeder Apotheker muss für sich selbst entscheiden, wie er sich präsentiert. Die Gefahr ist groß, dass der preisaktive Apotheker sich vom Image des kaufmännischen Heilberuflers immer weiter entfernt. Wer sein Hauptaugenmerk auf die kaufmännische Seite legt, bei dem erwartet der Kunde auch nicht die Betonung der heilberuflichen Komponente. Es ist ein schmaler Grat, den besonderen Status der Apotheke aufrecht zu halten: Sich kaufmännisch aktiv zu gerieren und trotzdem den Heilberufcharakter nicht aufzugeben.

 

Wir sollten uns auf unsere Kernkompetenz konzentrieren: Gelernt haben wir vor allem die Pharmazie; im kaufmännischen Bereich sind uns andere Branchen überlegen.

 

PZ:Wie kann nach Ihrer Meinung die Versorgung der Bevölkerung aus der von einem Apotheker verantwortlich geführten Apotheke langfristig gesichert werden? Was müssen die Kammern, Verbände und auch die einzelne Apotheke selbst dafür unternehmen?

Krötsch: Wir müssen den Mehrwert einer Apotheke herausstellen. Mehrwert heißt, dass unsere Kunden deutlich erkennen, wie viel es mehr wert ist, wenn sie ihre Arzneimittel aus der Apotheke beziehen.

 

Dazu gehört der erste Eindruck: »Hier kann ich mich individuell und vertraulich beraten lassen«, darüber hinaus aber viele weitere Argumente, warum der Bezug von Arzneimitteln aus der Apotheke einem Versand oder einer »prescription corner« im Supermarkt überlegen ist. Natürlich gibt es viele weitere Kriterien des Mehrwerts der Apotheke, wie zum Beispiel individuelle Beratung, pharmazeutische Betreuung, effektivste und schnellste Distribution, Verfügbarkeit rund um die Uhr sowie Betreuung ausschließlich durch Fachkräfte. Dies sollte aber in dem Zusammenhang »Vertraulichkeit der Beratung« nicht weiter erläutert werden.

 

Die Kammern und Verbände werden in den nächsten Wochen auf allen Ebenen ihren Mitgliedern diese Gedanken vermitteln und ihnen praktische Anleitungen an die Hand geben, wie mit einfachsten Mitteln die Vertraulichkeit geschaffen werden kann. Dazu gehört aber vor allem auch, die Apotheken-Mitarbeiter entsprechend einzuweihen und zu motivieren. Den Apothekerinnen und Apothekern bleibt nur eine kurze Zeitspanne, das Image und den »ersten Eindruck« unserer deutschen Apotheke zu verbessern.

 

Engelen: Unsere Zukunft heißt Heilberuf. Als Heilberufler genießen die Apothekerinnen und Apotheker höchstes Vertrauen, wie erst kurzfristig wieder eine Umfrage gezeigt hat. Apotheker und Ärzte liegen dabei gleichauf auf Platz 4 der Vertrauensskala. Dieses Vertrauen in unsere unabhängige pharmazeutische und heilberufliche Kompetenz müssen wir täglich erlebbar machen. Wir werden an unserer Qualität gemessen. In diese Qualität muss der Beruf investieren. In einem Atemzug mit der Vertraulichkeit der Beratung sind daher Beratungsleistung, Rezepturqualität, QMS, Fort- und Weiterbildung zu nennen. Gerade die Kammern sind in der Pflicht, für ihre Mitglieder entsprechende praxisnahe Qualifizierungsangebote zu entwickeln.

 

Einen Aspekt möchte ich noch besonders hervorheben: Die Zukunft liegt in der Arbeit an gemeinsamen Lösungen von Apothekern und Ärzten zur Sicherung der therapeutisch sinnvollen Arzneimittelversorgung unter Berücksichtigung ökonomischer Erfordernisse. Dies zeigt die aktuelle Situation bezüglich der Rabattverträge. Gemeinsame, heilberufliche Lösungen sind starren Rabattverträgen weit überlegen, die für Patient, Arzt und Apotheker nur mit Bürokratismus und Regelungschaos verbunden sind. Ein nächster wichtiger Schritt wäre daher aus meiner Sicht die gesetzlich verpflichtende Einrichtung gemeinsamer, flächendeckender und institutionalisierter Pharmakotherapiezirkel von Ärzten und Apothekern. In den Niederlanden ein schon seit langem Jahren etabliertes Erfolgsmodell im Sinne der Patienten.

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