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Diskussion

»Kaufmann können andere besser«

15.03.2011  17:13 Uhr

Von Daniel Rücker / Kaufmann oder Heilberufler? Die aktuelle Diskussion innerhalb der Apothekerschaft ist wichtig, sagt der Präsident der Apothekerkammer Nordrhein, Lutz Engelen. Sie sollte aber intern geführt werden, so Engelen, der auch Vorsitzender des PR-Ausschusses der ABDA ist.

PZ: Der Berufsstand diskutiert derzeit sehr intensiv über sein Selbstverständnis. Das wird runtergebrochen auf die Frage »Heilberufler oder Kaufmann?« Wo sollte sich die Apothekerschaft aus Ihrer Sicht positionieren?

 

Engelen: Die Kernkompetenz von uns Apothekern ist die Pharmazie. Hier wurden wir ausgebildet. Die Gesellschaft hat dies finanziert und hat nun ein Anrecht darauf, von unserem Wissen zu profitieren.

PZ: Wo nützen Apotheker der Gesellschaft am meisten?

 

Engelen: Die Apotheker als freie Heilberufler sind vor allem als neutrale Berater der Patienten gefragt. Apotheker müssen ihren Patienten erklären, wann und wie Arzneimittel angewendet werden. Sie müssen in manchen Fällen aber auch davon abraten. Das geht eben nur, wenn wir unabhängig sind.

 

PZ: Die aktuelle Diskussion vermittelt bisweilen den Eindruck, es geben zwei Lager in der Apothekerschaft. Diejenigen, die sich vor allem als Heilberufler sehen und die Kaufleute. Ist das nicht zu einfach gedacht?

 

Engelen: Zurzeit wird sehr polarisierend diskutiert. Dabei liegen nach meiner Einschätzung Vertreter beider Lager – wenn man überhaupt von Lagern sprechen kann – in ihrer grundsätzlichen Meinung gar nicht so weit auseinander, wie dies den Anschein hat.

 

Ich vermute, dass die Schärfe, mit der Forderungen vorgetragen werden, aus dem Frust über das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) resultieren. Die Luft wird dünner für uns Apotheker und existenzielle Ängste machen sich breit. Ich kann das gut nachvollziehen. Es wäre aber nun falsch, wenn wir uns stärker als Kaufleute darstellen. Kaufmann können andere besser. Deshalb begeben wird uns hier auf dünnes Eis.

 

Wir sind Heilberufler. Ich bin fest davon überzeugt, dass die meisten Apotheker auch heute noch ihren Beruf lieben, weil sie die Pharmazie lieben und sehen, dass sie Menschen helfen können. Das ist ein starker Konsens in unserem Berufsstand.

 

PZ: Die Diskussion wird auch von außen interessiert verfolgt. Welche Reaktionen nehmen Sie wahr?

 

Engelen: Ich habe nicht das Gefühl, dass es uns gut tut, diesen Dialog nach draußen zu tragen. Natürlich ist die Diskussion intern nötig. Es ist aber falsch, solche Interna auf dem Marktplatz zu besprechen. Aus der Politik gibt es bereits Signale, dass man unseren Meinungsstreit mit Befremden verfolgt. Politiker verschiedener Parteien haben sich in den vergangenen Monaten klar positioniert, dass sie die Apotheker vor allem als Heilberufler sehen und allein diesem ein regulatorisch enger Rahmen für seine Arbeit gewährt werden kann.

 

Außerdem rufen wir mit einer stärker kaufmännischen Ausrichtung diejenigen auf den Plan, die in den Markt hinein und ihn kommerzialisieren wollen. Die sind jetzt im Land unterwegs und erzählen, dass die Apotheker die Deregulierung selbst wollen.

 

Unterstützt wird diese Entwicklung übrigens durch so fatale Konzepte wie Vorteil 24. Hier bauen einige Apotheker ein System auf, dass der Berufsstand bislang mit allen Mitteln bekämpft hat, weil es unserer Vorstellung von Arzneimittelversorgung widerspricht. Diese Strategie ist kurzsichtig. Am Ende wird nicht der Kaufmann im Apotheker gestärkt, stattdessen werden Handelskonzerne den Markt aufrollen und das Geschäft übernehmen. Deshalb ist die Diskussion um Pick-up aus der Apotheke brandgefährlich.

 

PZ: Aber ist die Politik nicht inkonsequent, wenn sie auf der einen Seite striktes heilberufliches Verhalten fordert, gleichzeitig den Apothekern aber mit dem AMNOG die ökonomische Basis dafür nimmt, ihrem Versorgungsauftrag für die Gesetzliche Krankenversicherung kostendeckend nachkommen zu können?

 

Engelen: Natürlich hat es die Politik zu verantworten, dass wir Apothekerinnen und Apotheker heute unser Kerngeschäft Arzneimittelversorgung mit anderen Tätigkeiten oder über Einkaufsrabatte subventionieren müssen. Unsere aktuelle wirtschaftliche Lage ist tatsächlich so, dass Apotheker immer schwerer als freie Heilberufler überleben können. Die Politik hat in den vergangenen Jahren fraglos große Fehler gemacht. Einsparungen haben das System so weit ausgehöhlt, das die Qualität der Versorgung in Gefahr gerät. Die aktuelle Regierung und ihre Vorgänger haben dies leider bewusst in Kauf genommen. Das war ganz eindeutig falsch.

 

Es wäre aber aus meiner Sicht auch vollkommen falsch, wenn wir uns auf diesen Irrweg einzustellen versuchen und durch immer stärkeres kaufmännisches Verhalten die strukturellen Fehler des Systems auszugleichen zu wollen. Am Ende der Entwicklung stünde dann nämlich der Apotheker als Kaufmann und der ist ersetzbar.

 

Die Politik muss erkennen, dass ein niederschwelliger Zugang für alle zum Gesundheitswesen nur dann möglich ist, wenn dem GKV-System ausreichende Mittel zur Verfügung stehen. Sie muss auch erkennen, dass die fortwährende Kürzung dieser Mittel unsozial ist und den sozialen Frieden gefährdet.

 

Unser Ziel muss es sein, mehr Honorare aus unserem Versorgungsauftrag zu erzielen. Ich denke dabei zum Beispiel an das Medikationsmanagement und die intensivere Zusammenarbeit mit den Ärzten, wie wir es derzeit mit der KBV diskutieren. Für solche Leistungen müssen wir eine angemessene Vergütung bekommen. Zukunftsfähig, das ist meine feste Überzeugung, ist der Apotheker nur als Heilberuf. /

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