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Pflanzenpower

25.03.2014
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Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz, sang einst Marius Müller-Westernhagen. Ob er dabei an den therapeutischen Einsatz eines definierten Phytopharmakons gedacht haben mag? Wohl kaum. Ihm dürfte es genauso wie vielen anderen, die Pfefferminz, Salbei, Fenchel und Co. in Bonbon- oder Teeform genießen, einzig und allein um den Geschmack gegangen sein.

 

Bei pflanzlichen Arzneimitteln ist Geschmack allerdings eher ein untergeordneter Aspekt. Will man das riesige Potenzial von Arzneipflanzen therapeutisch nutzen, muss man viel Aufwand betreiben. Das zeigt unsere Reportage Phytohersteller: Zu Besuch bei Schwabe, für die wir während der Vorbereitung dieses Schwerpunkthefts zu Besuch bei einem namhaften Hersteller pflanzlicher Arzneimittel waren. Dass es sich dabei um eine deutsche Firma handelt, ist kein Zufall. Kaum eine andere Nation hält so große Stücke auf die Phyto­therapie wie Deutschland. Nach Zahlen des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller machten pflanzliche Präparate 2012 etwa 22 Prozent des Apothekenumsatzes mit nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln aus.

 

Umso mehr erstaunt, dass Phytopharmaka in medizinisch-wissenschaftlichen Leitlinien deutscher Fachgesellschaften bislang nahezu nicht vorkommen. Nur elf positive Hinweise finden sich in den insgesamt 123 S3- Leitlinien (Empfehlungen in Leitlinien: Phytotherapeutika sind die Ausnahme). Weil die Ergebnisse klinischer Studien mit Pflanzenpräparaten grundsätzlich nur für den getesteten Extrakt gelten, können sie nicht auf andere Extrakte derselben Pflanzenart übertragen werden. Zu sehr beeinflusst der Herstellungsprozess die Zusammensetzung des fertigen Produkts. Die Wissenschaftler müssten deshalb ein bestimmtes Präparat in die Leitlinie aufnehmen, ein bei chemischen Arzneimitteln sehr ungewöhnlicher Vorgang.

 

Was man über Arzneipflanzen beziehungsweise die aus ihnen gewonnenen pharmazeutischen Drogen weiß, ist in Monographien zusammengetragen. Verschiedene Institutionen wie etwa die Weltgesundheitsorganisation und die Europäische Arzneimittelagentur geben diese Sammlungen wissenschaftlicher Erkenntnisse zu Arzneipflanzen heraus (Pflanzliche Arzneimittel: Monographien als Richtschnur). Auch hier zeigt sich: Die Unterschiede in der Evidenz zu den einzelnen Pflanzen sind enorm. Wer es mit der Phytotherapie ernst meint und bei Minze, Salbei oder Thymian nicht nur an mediterranes Essen denkt, sollte daher auf Präparate setzen, die ihre Wirkung beweisen können – am besten mit eigenen Untersuchungen oder zumindest über eine monographie­konforme Zusammensetzung.

Von Ev Tebroke / Eröffnet – und schon wieder geschlossen: Gerade mal zwei Tage war der Apotheken-Automat von Doc Morris in Hüffenhardt in Betrieb. Dann machte das Regierungspräsidium Karlsruhe die Medikamenten-Abgabestelle mit angeschlossener Video-Beratung wieder dicht. Doc Morris hält an dem Projekt fest und gibt sich gewohnt kämpferisch.

Annette Mende 

Redakteurin Pharmazie

Die von Doc Morris initiierte Abgabe von Medikamenten über einen Automaten war nur von kurzer Dauer. Schon nach 48 Stunden musste der Versandhändler sein Arzneimittel-Abgabeterminal im baden-württembergischen Dorf Hüffenhardt wieder schließen. Nach Ansicht der zuständigen Arzneimittelaufsichtsbehörde verwischt die Automatenabgabe in unzulässiger Weise die Grenze zwischen dem Versandhandel und der Abgabe von Arzneimitteln in einer Präsenzapotheke. »Letztere unterliegt hinsichtlich der Räumlichkeiten, der Ausstattung und des Fachpersonals hohen gesetzlichen Anforderungen, die durch das Abgabeterminal umgangen werden«, teilte das Regierungspräsidium Karlsruhe auf Anfrage der PZ mit. Auch werde bei der Abgabe von verschreibungspflichtigen Medikamenten bei der Prüfung der Rezepte am Terminal gegen Formvorschriften der Apothekenbetriebsordnung verstoßen.

 

Ohne Nacht- und Notdienst

Die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg (LAK) begrüßt die »schnelle und eindeutige Entscheidung« des Regierungspräsidiums. Dies bestätige die Auffassung, dass das Konstrukt rechtlich nicht zulässig sei, sagte LAK-Präsident Günther Hanke gegenüber der PZ. Abgesehen davon wirft die Kammer Doc Morris »Rosinenpickerei zulasten der Patientenversorgung« vor. »Der persönliche Kontakt und die Anbindung an die Versorgungsstrukturen vor Ort spielen eine große Rolle. Auch die Gemeinwohlpflichten wie Notdienst und Rezepturherstellung laufen über die Präsenzapotheken«, betonte Hanke. Ein Automat sei da keine Hilfe. Nach Ansicht der Kammer ist die Arzneimittelversorgung in Hüffenhardt durch eine Rezeptsammelstelle ausreichend gesichert.

 

Mit seiner seit Langem geplanten Abgabestelle wollte Doc Morris nach eigenen Angaben eine »pharmazeutische Versorgungslücke schließen« und die akute Arzneimittelversorgung der Hüffenhardter übernehmen – nachdem 2015 die einzige Apotheke in der 2000-Seelen-Gemeinde aufgrund von Nachfolgeproblemen schließen musste. Kunden sollten ihre online bestellten Arzneimittel an einem Terminal in angemieteten Räumen in Hüffenhardt abholen können. Bei Fragen stand vor Ort ein Mitarbeiter zur Verfügung, aber kein Apotheker. Der Automat bietet Lagerplatz für rund 8000 Medikamentenpackungen plus Kühlmodul für 500 weitere Packungen. Die gesetzlich vorgeschriebene Beratung bei der Abgabe von Arzneimitteln sollte per Video-Beratung durch einen Apotheker von der Unternehmenszentrale im niederländischen Heerlen aus erfolgen.

 

Angemeldet hatte Doc Morris beim Regierungspräsidium lediglich ein Arzneimittellager. Das Regierungspräsidium hält das Verbot des Terminals nach eigenen Angaben für notwendig um die Arzneimittelsicherheit zu gewährleisten und eine breite Arzneimittelversorgung durch gut ausgestattete Präsenzapotheken sicherzustellen. Die Versorgung in Hüffenhardt sei durch eine Rezeptsammelstelle von zwei in den Nachbarorten ansässigen Apotheken gewährleistet, so die Behörde.

 

Doch Doc Morris hält an seinem Konzept fest: »Wir glauben weiterhin, dass man in Deutschland digitale Projekte zum Wohle aller umsetzen kann«, ließ Geschäftsführer Olaf Heinrich wissen. Wie ein Sprecher bestätigte, will Doc Morris die Sache nun auf gerichtlicher und politischer Ebene regeln. Auch die Apothekerkammer zeigt sich kämpferisch: »Wir bleiben im Austausch mit dem Regierungspräsidium und prüfen weitere rechtliche Schritte.« / 

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