Pharmazeutische Zeitung online
Friedlieb Ferdinand Runge

Coffein aus Goethes Kaffeebohnen

21.03.2017
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Von Christoph Friedrich / Friedlieb Ferdinand Runge (1794 bis 1867) zählt zu den wenigen doppelt promovierten und habilitierten Apothekern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Einige seiner Entdeckungen sichern ihm einen Platz in der Geschichte der Pharmazie und Chemie, so die des Alkaloids Coffein (1820), des Anilins und Phenols (1833).

Runge wurde am 8. Februar 1794 als drittes Kind eines Pastors in Billwerder bei Hamburg geboren. Er wuchs unter bescheidenen Verhältnissen auf, napoleonische Plünderer zwangen 1807 den Vater, Schulden zu machen. Nach dem Besuch der Elementarschule in Schiffbeck wählte Runge den Apothekerberuf, der es ihm ermöglichen sollte, schnell eigenes Geld zu verdienen (1). 1810 begann er seine pharmazeutische Lehrzeit bei seinem Onkel Adolph Christean Sager (1771 bis 1852) in der Rats-Apotheke Lübeck, die er in der Löwen-Apotheke fortsetzte. In dieser Zeit entdeckte er bereits die mydriatische Wirkung der Belladonna. Die Lücken seiner knappen Schulbildung suchte er mit eisernem Fleiß zu füllen, war es doch sein Ziel, zu studieren (2).

Im Oktober 1816 immatrikulierte sich Runge an der Universität Berlin für Medizin. Seine Lehrer waren hier unter anderem der Anatom Karl Asmund Rudolphi (1771 bis 1832), aber auch Christoph Wilhelm Hufeland (1762 bis 1836). 1818 setzte Runge sein Studium in Göttingen fort, wo er bei Friedrich Stromeyer (1776 bis 1835) Analytische Chemie hörte und ein chemisches Praktikum absolvieren konnte. Aber schon im Oktober des gleichen Jahres ging er nach Jena und war hier Schüler des Naturphilosophen Lorenz von Oken (1779 bis 1851) und des Apothekers und Professors der Chemie, Johann Wolfgang Döbereiner (1780 bis 1849). 1819 erwarb er hier den medizinischen Doktorgrad mit einer pflanzenchemischen Arbeit »De nova methoda veneficium belladonnae, daturae, nec non hyoscyami explorandi« (1).

 

»Schrecken der Giftmischer«

 

Durch Döbereiner erhielt er 1819 eine Einladung zu Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832), dem Döbereiner erzählt hatte, dass Runge mit Bilsenkrautsaft Katzenaugen verändern konnte (3). Runge berichtet in seinen »Hauswirthschaftlichen Briefen«, wie er nachmittags leicht beklommen in einem geborgten Frack und mit einer Katze im Arm Goethe besuchte, der ihn mit den Worten begrüßte: »Ach so, das ist also der künftige Schrecken der Giftmischer? Zeigen Sie doch!« Weiter schreibt Runge: »Ich bog nun den Katzenkopf so, daß die Tageslicht-Beleuchtung beide Augen gleichmäßig traf, und mit Erstaunen bemerkte Goethe den Unterschied an beiden Augen: neben der schmalen Spalte in dem einen Auge fiel das große runde Sehloch in dem anderen umso mehr auf, da vermöge einer etwas starken Gabe fast die ganze Regenbogenhaut sich zurückgezogen hatte und unsichtbar war.

 

›Womit haben Sie die Wirkung hervorgebracht?‹ fragte Goethe. – ›Mit Bilsenkraut, Excellenz! ich habe den unvermischten Saft des zerstampften Krauts in’s Auge gebracht, darum ist die Wirkung so stark!‹ Goethe erkundigte sich, ob der das Auge verändernde Stoff auch in anderen Nachtschattengewächsen vorkomme. Nachdem Runge noch erzählt hatte, dass er einen Apotheker vor dem Dienst in Napoleons Heer gerettet habe, indem er ihn für 24 Stunden mit Bilsenkrautsaft blind gemacht habe, entließ ihn Goethe – jedoch nicht, ohne ihm noch eine Schachtel Kaffeebohnen, die er von einem Griechen erhalten hatte, zur Untersuchung auszuhändigen (4). 1820 isolierte Runge daraus das Alkaloid Coffein (5).

 

Junggesellenleben und Habilitation

 

Ende 1819 kehrte er nach Berlin zurück, um Privatdozent an der Universität zu werden. Er wohnte hier gemeinsam mit dem Apotheker und späteren Physikprofessor Johann Christian Poggendorf (1796 bis 1877). Über ihr Zusammenleben berichtet der Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 bis 1874): »Beide führten eine echte Junggesellenwirthschaft. Die Stube war bei den allerlei chemischen Versuchen fürchterlich zugerichtet: auf dem Fußboden, an den Wänden, an den Fensterscheiben zeigten sich Spuren von allerlei Farben und schmutzigen Überresten« (6). Trotz eingeschränkter Lebensverhältnisse widmete sich Runge den Studien für eine philosophische Doktorarbeit, in der er sich mit dem Farbstoff Indigo und dessen Verbindungen mit Metallsalzen und Metalloxyden beschäftigte. 1821 wurde er von der Philosophischen Fakultät mit einer Arbeit »De pigmento indico eiusque conubiis cum metallorum non nullorum oxydis« promoviert.

Außerdem legte er seine Schrift »Neueste phytochemische Entdeckungen zur Begründung einer wissenschaftlichen Phytochemie« bei. Der Berliner Professor Sigismund Friedrich Hermbstaedt (1760 bis 1833) bemerkte in seinem Gutachten: »Aus seinen eingereichten Schriften spricht Okens Geist; schöne Worte, aber selten haltbare Beweise: denn alles, was Herr Dr. Runge als neu beweisen will, ist nur als möglich bewiesen, möchte aber wohl tunlich mit der empirischen Erfahrung in Übereinstimmung zu bringen seyn«. Dennoch attestiert er Runge, dass dieser bei aller Spekulation den Sinn für das Rationale finden werde (7). Hermb-staedt sollte Recht behalten, denn Runge löste sich mehr und mehr vom naturphilosophischen Denken seines Lehrers Oken. Aufgrund der Prüfung und der Lehrproben konnte Runge sich habilitieren und hielt nun Vorlesungen über technische- und Pflanzenchemie. 1823 unternahm er eine Studienreise nach Paris, damals das Zentrum der chemischen Forschung. Nach seiner Rückkehr ging er nach Breslau. Aber auch hier hielt er sich nicht lange auf, sondern begleitete den Sohn des Kattunfabrikanten Carl Milde, bei dem er arbeitete, auf eine Bildungsreise durch Deutschland bis in die Schweiz, nach Frankreich, England und Holland, die er aus eigenen Mitteln nie hätte bestreiten können.

 

Professor und Industrie-Chemiker

 

1828 avancierte Runge zum außerordentlichen Professor der Philosophischen Fakultät an der Universität Breslau, allerdings ohne feste Besoldung. Hier hielt er Vorlesungen und widmete sich seinen wissenschaftlichen Studien. Sein Ziel war es, chemische Untersuchungen mit direktem praktischem Nutzen durchzuführen. Um sich noch stärker der praktischen Anwendung der Chemie widmen zu können, verließ Runge 1831 die Universität. Er übernahm 1832 die technische Leitung einer chemischen Fabrik in Oranienburg, die der Königlich-Preußischen Seehandlung gehörte und vom preußischen Staat finanziert wurde (8). Bereits im Sommer 1833 hatte er durch Destillation des Steinkohlenteers Anilin hergestellt. Darüber berichtete er 1834 in Poggendorffs Annalen der Physik (9). Runge widmete sich in der Fabrik der Erarbeitung und Verbesserung chemischer Verfahren und verpflichtete sich, seine Erkenntnisse ausschließlich dem Unternehmen zur Verfügung zu stellen.

 

Obwohl er für seine geleisteten Dienste eine Gratifikation erhielt, kam eine Festanstellung nicht zustande. 1850 wurde die Fabrik verkauft und Runge mit einer Pension von 400 Talern entlassen. Nach dem Tode des Besitzers der Fabrik 1855 weigerte sich dessen Witwe, die Rente weiter zu zahlen (10). Runge beschäftigte sich mit der Herstellung von künstlichem Dünger und verfasste weiterhin Bücher (11), insbesondere seine berühmten »Hauswirthschaftlichen Briefe«, in denen er den Hausfrauen manchen klugen Rat gab, wie man den Geruch der Heringslake von Bestecken beseitigen könne, wie man Fleisch und Gemüse einmacht oder Obstwein herstellt.

 

Seine Hauptarbeitsgebiete waren die Pflanzen- und Teerfarbenchemie. Aber auch in der Anorganischen Chemie entwickelte Runge ein Verfahren zur Darstellung von Soda und Pottasche, das sich nur wenig von dem von Leblanc unterschied. Als sich in Deutschland 1831 eine Choleraepidemie ausbreitete, empfahl er Chlor zur Desinfektion der Häuser und Wohnungen. Hände, Gesicht und Haare sollten mit einer Chlor-Soda-Flüssigkeit befeuchtet werden. 1833 hatte er Phenol (Karbolsäure) entdeckt, einen Stoff, den Joseph Lister (1827 bis 1912) 1867 als Desinfektionsmittel propagierte. Trotz seiner zahlreichen Entdeckungen verstand Runge es nicht, diese für sich auch wirtschaftlich zu nutzen. Vor 150 Jahren, am 27. März 1867, verstarb er vereinsamt in Oranienburg (12). /

 

Quellen und Literatur

 

  1. B. Anft, Friedlieb Ferdinand Runge, sein Leben und sein Werk. Berlin 1937.
  2. J. Niendorf, 150 Jahre Löwen-Apotheke in Lübeck. Lübeck 1962.
  3. Ch. Friedrich, Eine Tradition der besonderen Art: Goethe und sein Verhältnis zur Pharmazie und zu Pharmazeuten. In: Ch. Friedrich [Hrsg.], Pharmazie in Frankfurt am Main. Vorträge des Pharmaziehistorischen Vorsymposiums der DPhG-Jahrestagung am 23. September 2014 in Frankfurt am Main. Marburg 2015 (Stätten pharmazeutischer Praxis, Lehre und Forschung; 14), S. 115–141, hier 126f.
  4. F. F. Runge, Hauswirthschaftliche Briefe. Drittes Dutzend Berlin 1866, S. 162f.
  5. Anft [wie Anm. 1], S. 11.
  6. A. F. Hoffmann von Fallersleben, Mein Leben. Aufzeichnungen und Erinnerungen. Hannover 1868, Bd. 1, S. 338f.
  7. Anft [wie Anm. 1], S. 15.
  8. O. Zekert, Friedlieb Ferdinand Runge. In: Berühmte Apotheker. Bd. 1, Stuttgart 1955, S. 140–144, hier 143f.
  9. F. F. Runge, Ueber einige Produkte der Steinkohlendestillation. In Poggendorffs Annalen der Physik 31 (1834), S. 65–78, 513–524.
  10. Anft [wie Anm. 1], S. 29–41.
  11. F. F. Runge, Der Bildungstrieb der Stoffe, veranschaulicht in selbständig gewachsenen Bildern. Oranienburg 1855.
  12. Anft [wie Anm. 1], S. 46–48.

Verfasser

Professor Dr. Christoph Friedrich

Institut für Geschichte der Pharmazie

Roter Graben 10

35032 Marburg.

E-Mail: ch.friedrich@staff.uni-marburg.de

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