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Martin Heinrich Klaproth

Apotheker und genialer Chemiker

21.12.2016
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Von Christoph Friedrich / Vor 200 Jahren, am 1. Januar 1817, starb in Berlin Martin Heinrich Klaproth (1743 bis 1817). Neben Carl Wilhelm Scheele (1742 bis 1786) gilt er als der bedeutendste deutsche Apotheker, wobei auch seine Verdienste vor allem auf dem Gebiet der Chemie lagen. Er entdeckte sechs chemische Elemente und 1802 führte er den Soda-Aufschluss im Platintiegel in die Chemie ein.

Klaproth wurde am 1. Dezember 1743 als Sohn eines Schneidermeisters in Wernigerode geboren. 1751 geriet die Familie nach einem Stadtbrand in wirtschaftliche Schwierigkeiten, dennoch konnte Martin Heinrich ab 1755 die Oberschule in Wernigerode besuchen, da er nach dem Wunsch des Vaters Theologie studieren sollte. Das nötige Geld verdiente er als Mitglied einer Kurrende, die gegen Bezahlung auf Festen und Beerdigungen sang. Vermutlich gab der Lehrer Johann Christian Meier (1732 bis 1815), der bereits naturwissenschaftliche Exkursionen durchführte, den Anstoß für seine Apothekerausbildung (1).

Mit 15 Jahren verließ Klaproth die Schule mit einer Bildung, die über dem Durchschnitt damaliger Apothekerlehrlinge lag und begann 1759 seine Lehrzeit in der Rats-Apotheke Quedlinburg. Obwohl seine Ausbildung bei dem aus einer Gelehrtenfamilie stammenden Friedrich Victor Bollmann (1712 bis 1789) erfolgte, war diese äußerst dürftig, wie er sich 50 Jahre später erinnerte: »Eines von meinem Lehrherrn genossenen Unterrichts kann ich mich nicht rühmen, sondern ich musste mich nach damaliger Sitte mit demjenigen begnügen, was ich von dem handwerksmässigen Verfahren meiner älteren Mitgenossen absah und durch sparsames Lesen eines oder des anderen veralteten Apothekerbuches, wozu aber überhaupt wenig Musse vergönnt war, mir zu eigen machen Gelegenheit fand.« (2)

 

Wie viele damalige Pharmazeuten sorgte Klaproth selbst für seine Ausbildung und war dabei so erfolgreich, dass er seine Lehrzeit statt in sechs Jahren bereits nach fünf Jahren abschließen konnte. 1766 übernahm er eine Gehilfenstelle in der Hof-Apotheke Hannover. Auch hier blieb er auf sich allein gestellt, konnte jedoch die Bibliothek des Hof-Apothekers August Hermann Brande (1708 bis 1783) nutzen, der sich zu dieser Zeit bei seinem Bruder in England aufhielt.

 

Erst in Berlin, wo Klaproth ab 1768 in der Apotheke »Zum Engel« bei Gabriel Heinrich Wendland (1730 bis 1796) wirkte, gab es erste Kontakte zu wissenschaftlich interessierten Apothekern wie Valentin Rose d. Ä. (1736 bis 1771) und Andreas Sigismund Marggraf (1709 bis 1782). Dagegen blieb Klaproths Tätigkeit in Danzig, wo er ab 1770 für ein halbes Jahr als Rezeptar in der Rats-Apotheke arbeitete, »für seine wissenschaftliche Entwicklung wohl ohne Bedeutung« (3,4).

 

Die Wende seines Lebens

 

Seine Rückkehr nach Berlin ermöglichte dann »die große Wende in seinem Leben« (4). Hier wirkte er nun in der Apotheke »Zum weißen Schwan«, die Valentin Rose d. Ä 1761 erworben hatte. Eine längere Zusammenarbeit verhinderte jedoch Roses Tod, der Klaproth aber noch auf dem Totenbette gebeten hatte, die Verwaltung der Offizin zu übernehmen (2). Er blieb dort bis 1780, führte die Apotheke vorbildlich und widmete sich der Erziehung und Ausbildung von Valentin Rose d. J. (1762 bis 1807), der sich zu einem hervorragenden Analytiker entwickelte (5).

 

1780 heiratete Klaproth Christiane Sophie Lehmann, eine Nichte Marggrafs und Tochter eines wohlhabenden Kaufmannes. Die Heirat ermöglichte den Erwerb der Apotheke »Zum Bären« für den Kaufpreis von 9500 Talern. Zuvor hatte er sein Apothekerexamen I. Klasse »mit ausgezeichnetem Ruhme« abgelegt (2). Seine Examensarbeit erschien 1782 in den »Allerneusten Mannigfaltigkeiten« (6).

 

Klaproth widmete sich intensiv der Umgestaltung seiner Offizin, die »unter seiner Leitung stets ein Muster einer vortrefflich und mit strenger Gewissenhaftigkeit verwalteten Apotheke« war (7). Der Erfolg seiner Arbeit zeigt sich auch darin, dass er 1800 diese zum Preis von 28 500 Talern weiterverkaufen konnte. Daneben widmete er sich wissenschaftlichen Untersuchungen, die seine weitere Karriere begründeten: 1782 ernannte man Klaproth zum Assessor am Ober-Collegium medicum sowie zum Apothekenrevisor und Mitglied der Prüfungskommission für Apotheker I. Klasse. Fünf Jahre später übernahm er an der Artillerieschule Berlin das Amt eines Chemieprofessors und 1788 berief ihn der König in die Akademie der Wissenschaften Berlin. Als Nachfolger Carl Achards (1753 bis 1821) avancierte er hier zum ordentlichen Chemiker, wobei Klaproth nach dem Verkauf seiner Apotheke in das Akademiegebäude zog und dort ein neues Laboratorium einrichtete (8).

Die Krönung seiner wissenschaftlichen Karriere war aber die Berufung 1810 zum ersten Ordinarius der Chemie an die im gleichen Jahr eröffnete Berliner Universität. Wilhelm von Humboldt (1767 bis 1835), der als Geheimer Staatsrat die Sektion für Kultus und öffentlichen Unterricht im Ministerium des Inneren leitete, hatte ihn dem König nachdrücklich empfohlen: »Er hat seine Wissenschaft durch wahre Entdeckungen bereichert und sich dadurch auch im Ausland einen Namen erworben, in dem sich nur wenige Gelehrte in E[uer] K[öniglichen] Majestät Staaten mit ihm vergleichen können. Ich würde geglaubt haben, eine meiner ersten Pflichten zu versäumen, wenn ich nicht gesucht hätte, einen solchen Mann auf eine Weise hier zu fixieren, die ihm eine sorgenfreie Beschäftigung mit seiner Wissenschaft verstattet.«(9)

 

Klaproth hielt wöchentlich vier Stunden Vorlesungen über die »Kunst der chemischen Analyse« und über Experimentalchemie und gab eine »Anleitung zur chemischen Analyse«, die er als Experimentalvorlesungen konzipiert hatte. Er war zum Zeitpunkt seiner Berufung aber bereits 67 Jahre alt, weshalb er, obwohl er einige bedeutende Schüler hatte, keine wissenschaftliche Schule bilden konnte.

 

Leistungen für die Pharmazie

 

Obwohl Klaproth nach dem Verkauf seiner Apotheke überwiegend als Chemiker arbeitete, hat er dennoch der Pharmazie in Preußen wichtige Impulse gegeben. So war er Mitverfasser der »Pharmacopoea Borussica«, des ersten preußischen Arzneibuches, das 1799 erschien und erstmals die Lavoisier’sche Terminologie zugrunde legte, das heißt die Salze nach ihren Ionen benannte. 1797 hatte der preußische König den Auftrag erteilt, ein neues Arzneibuch zu erarbeiten. Im Arzneibuch, an dessen Abfassung auch die Apotheker Valentin Rose d. J. und Sigismund Friedrich Hermbstaedt (1760 bis 1833) beteiligt waren, wurde das sogenannte Altlatein zur Arzneibuchsprache, das ja bis heute noch in der deutschen Apotheke Anwendung findet. In der Pharmacopoea Borussica finden sich bereits für einige Simplicia Prüfverfahren und Erläuterungen zur chemischen Zusammensetzung (10).

 

Klaproth war gleichfalls Mitverfasser der »Revidirten Apothekerordnung« von 1801. Seine frühen Veröffentlichungen beschäftigen sich auch mit pharmazeutischen Fragen, so beispielsweise mit Geheimmitteln wie den »Bestuscheffschen Nerventropfen«. Er entzauberte dieses Mittel, indem er feststellte, dass es sich dabei um eine mit Spiritus verdünnte Auflösung von Eisenchlorid in Äther handelte (11).

 

Unter den von G. E. Dann erwähnten 32 bedeutenden Schülern finden sich auch einige Apotheker wie die beiden Söhne Valentin Roses d. J., der Mineraloge Gustav (1798 bis 1873) und der spätere Professor der Chemie an der Berliner Alma mater, Heinrich (1795 bis 1864). Zu seinen Schülern zählten der Apotheker und spätere preußische Medizinalrat Johann Heinrich Ludwig Staberoh (1785 bis 1858), Carl Ludwig Willdenow (1765 bis 1812), der später als Botanikprofessor in Berlin wirkte (12), der Genfer Apotheker Jacques Peschier (1769 bis 1832) (13), der Leiter des chemischen Laboratoriums der Bayerischen Akademie der Wissenschaften Adolph Ferdinand Gehlen (1775 bis 1815) sowie Johann Christian Schrader (1762 bis 1826), der in Berlin als Medizinalassessor auch Apotheken visitierte. Über diese Schüler gab es auch einen besonderen Einfluss auf die damalige Phar­mazie.

 

Schließlich gehörte Klaproth 1782 zunächst als zweiter Assessor und ab 1797 als erster Assessor dem Ober-Collegium medicum an, das die Visitationen der Apotheken durchführte und auch für die Examen der Apotheker I. Klasse verantwortlich war. Nach Vereinigung des Ober-Collegium medicum und des Collegium Sanitatis zum Ober-Collegium medicum et Sanitatis avancierte er zum ersten Assessor und »Rat und wirklichem Mitglied« der Behörde. Nach Auflösung des Ober-Collegiums trat an dessen Stelle die »Wissenschaftliche Deputation für das Medizinalwesen« beim Ministerium des Inneren, der Klaproth ebenfalls als Ober-Medizinal-Rat angehörte. 30 Jahre prägte Klaproth somit die Entwicklung des Apothekenwesens in Preußen, das eine Vorbildfunktion für andere deutsche Staaten besaß (14). /

Quellen und Literatur

 

  1. G. E. Dann: Martin Heinrich Klaproth (1743–1817). Ein deutscher Apotheker und Chemiker. Sein Weg und seine Leistung. Berlin 1958, S. 13.
  2. E. G. Fischer: Denkschrift auf Klaproth. In: Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin 1818/19. Berlin 1820, S. 11–26, hier 12f.
  3. B. Engel: Martin Heinrich Klaproth (1743–1817). In: M. Engel: Von der Phlogistik zur modernen Chemie. Vorträge des Symposiums aus Anlass des 250. Geburtstages von Martin Heinrich Klaproth. Berlin 1994, S. 1–20.
  4. Dann [wie Anm. 1], S. 29.
  5. Ch. Friedrich: Valentin Rose. Analytiker und Arzneibuchautor. In: Pharmazeutische Zeitung 152 (2007), S. 2952–2955.
  6. M. H. Klaproth: Abhandlungen von den Phosphoren nebst einem Anhange, von der besten Art und Weise, destillirte Wässer zu bereiten. In: Allerneuste Mannigfaltigkeiten 1 (1782), S. 5–16 u. 33–48.
  7. Dann [wie Anm. 1], S. 37 und Fischer [wie Anm. 2], S. 11–26.
  8. H. Laitko: Klaproth als ordentlicher Chemiker an der Königl. Preußischen Akademie der Wissenschaften. In: M. Engel: Von der Phlogistik zur modernen Chemie. Vorträge des Symposiums aus Anlass des 250. Geburtstages von Martin Heinrich Klaproth. Berlin 1994, S. 119–167.
  9. Dann [wie Anm. 1], S. 47.
  10. Ch. Friedrich / W.-D. Müller-Jahncke: Geschichte der Pharmazie. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart (Geschichte der Pharmazie / R. Schmitz 2). Eschborn 2005, S. 573f.
  11. M. H. Klaproth: Geschichte der Bestuscheffschen Nerventinctur und der Lamottischen Goldtropfen, nebst chemischen Versuchen einer besseren Bereitungsart derselben. In: Neue Beiträge zur Natur- und Arzneigelahrtheit. Bd. 1. Berlin 1782, S. 137–158.
  12. Ch. Friedrich: Carl Ludwig Willdenow. Apotheker und Botaniker. In: Pharmazeutische Zeitung 157 (2012), H. 51, S. 4536f.
  13. K.-R. Reichenbach: Jacques Peschier (1769–1832). Ein Genfer Apotheker und Chemiker. Sein Lebensweg und seine Leistung unter besonderer Berücksichtigung bisher unveröffentlichter Dokumente. Stuttgart 2001 (Greifswalder Schriften zur Geschichte der Pharmazie und Sozialpharmazie; 3).
  14. Dann [wie Anm. 1], S. 68–70.

Verfasser

Professor Dr. Christoph Friedrich

Institut für Geschichte der Pharmazie

 Roter Graben 10

35032 Marburg

 E-Mail: ch.friedrich@staff.uni-marburg.de

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