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Zielpreisvereinbarungen

BAH kritisiert Apotheker

08.04.2008  17:31 Uhr

Zielpreisvereinbarungen

BAH kritisiert Apotheker

Von Daniel Rücker

 

Nach dem zumindest vorläufigen Aus für die AOK-Rabattverträge rücken Zielpreise stärker in den Mittelpunkt des Interesses. Dem Vorsitzenden des Bundesverbandes der Arzneimittelhersteller (BAH) gefällt dies gar nicht.

 

Unmittelbar nachdem das Landessozialgericht in Stuttgart die AOK-Rabattverträge kassiert hatte, nahmen der Deutsche Apothekerverband und die Ortskrankenkassen Gespräche über Zielpreisvereinbarungen auf. Der AOK ging es darum, möglichst schnell einen Teil der geplanten und nun verlorenen Einsparungen doch noch zu erzielen. Nach Berechnungen der ABDA könnten die Kassen bis zu 400 Millionen Euro sparen, wenn sie sich mit den Apothekern auf Zielpreise einigen.

 

Dass die Industrie dieses Konzept nicht uneingeschränkt liebt, ist bekannt, dass der BAH-Vorsitzende Hans-Georg Hoffmann die aktuellen Gespräche über Zielpreisvereinbarungen zwischen Apothekerverbänden und den Krankenkassen aber derart heftig kritisiert, erstaunte dann doch. »Hier sollen Verträge zulasten Dritter, nämlich der Industrie gemacht werden«, zitierte am vergangenen Freitag das »Handelsblatt« Hoffmann. Die Apotheker verdienten sich mit den Zielpreisvereinbarungen »eine goldene Nase«. Ihre Beratungsleistung sei dann »überbezahlt«, sagt Hoffmann. Ein Sprecher des BAH bestätigte die Aussagen Hoffmanns gegenüber dem Handelsblatt.

 

Gegenüber der PZ äußerte sich Hoffmann etwas moderater. Ein mögliches zusätzliches Honorar der Apotheker über Zielpreisvereinbarungen berge die Gefahr »einer unsachlichen Beeinflussung des Apothekers bei der Arzneimittelauswahl«, so Hoffmann. Die Honorierung sei aber nicht der Hauptkritikpunkt von Zielpreisvereinbarungen. Zudem räumte Hoffmann gegenüber der PZ ein, dass es noch nicht absehbar sei, ob sich die Krankenkassen auf eine zusätzliche Honorierung einließen. Nach Angaben des Vorsitzenden des Deutschen Apothekerverbands, Hermann S. Keller, gibt es bislang keine Vereinbarungen über eine Honorierung der Apotheker über die Arzneimittelpreisverordnung hinaus (siehe dazu Interview: Vermutungen und Unterstellungen).

 

Als wesentlich gefährlicher für die Industrie bezeichnete der BAH-Vorsitzende einen »Kellertreppeneffekt«. Hoffmann: »Es gibt in der wechselseitigen Anpassung von Zielpreisen und Festbeträgen einen sich gewissermaßen beschleunigenden Effekt, denn die Einführung eines Zielpreismodells hat ja auch Auswirkungen auf die Anpassung der Festbeträge. Werden aufgrund der Zielpreisvereinbarungen die Preise angepasst, so führt dies automatisch zu immer niedrigeren Berechnungsgrundlagen für die Festbeträge. Umgekehrt führen die niedrigeren Festbeträge zwangsläufig zu einer Absenkung der Zielpreise ­ die Preisspirale dreht sich auf diese Weise ins Bodenlose.«

 

Beim Zielpreismodell vereinbaren Krankenkassen und Apothekerverbände für jede Wirkstoffpackung einen Zielpreis. Dieser liegt unter dem Festbetrag, es stehen aber immer mindestens fünf Präparate zur Auswahl. Die Krankenkasse vergütet den Apothekern immer den Zielpreis unabhängig von dem tatsächlichen Preis des ausgewählten Medikaments. Der BAH fürchtet, dass die Kombination von Zielpreisen und Festbeträgen einen ruinösen Wettbewerb zwischen den Generikaherstellern auslöst.

 

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) kann sich unter bestimmten Bedingungen mit Zielpreisen anfreunden. Die zentrale Frage sei, ob Zielpreisvereinbarungen zu einem Wettbewerb mit gleich langen Spießen zwischen den Pharmaunternehmen führten, sagte der Pressesprecher des Verbandes, Wolfgang Straßmeir, der PZ auf Nachfrage. Zielpreise dürften nicht in den Wettbewerb eingreifen.

 

Der BPI hält es allerdings für denkbar, dass die Vereinbarungen zwischen Apothekern und Krankenkassen ähnlich wie Rabattverträge den Preisdruck im Arzneimittelmarkt erhöhen könnten. Dies würde die mittelständische Industrie weitaus stärker treffen als die großen Pharmakonzerne, sagte Straßmeir. Der Verbandssprecher lehnt Zielpreise jedoch nicht grundsätzlich ab. Der BPI stehe zum Wettbewerb im Arzneimittelmarkt. Wenn dieser nicht gefährdet werde, dann spreche auch nichts gegen das Modell.

 

Beim Deutschen Apothekerverband (DAV) wundert man sich über die Kritik des BAH. Der DAV-Vorsitzende Keller stellt klar: »Die Mutmaßungen von Herrn Hoffmann sind falsch und irreführend. Der BAH sollte seine grundlegende Blockadepolitik aufgeben und sich konstruktiv an der Diskussion im Arzneimittelbereich beteiligen.«

 

Partnerschaft keine Eintagsfliege

 

Überraschend ist die harsche Kritik Hoffmanns auch, nachdem er noch bei der BAH-Jahreshauptversammlung ausdrücklich den Schulterschluss mit den Apothekern gesucht hatte. Dem BAH geht es dabei um eine gemeinschaftliche Aktion von Apothekern und Industrie zur Stärkung des Image von OTC-Arzneimitteln.

 

Das eine hat aus Hoffmanns Sicht jedoch nichts mit dem anderen zu tun: »Eine Partnerschaft ist keine Eintagsfliege. Eine unterschiedliche Meinung in einer wenn auch nicht unbedeutenden Frage beendet eine Partnerschaft auch nicht, jedenfalls sehe und bewerte ich das so. Der Schulterschluss mit den Apothekern bezüglich der Image-Stärkung der OTC-Arzneimittel steht deshalb auch gar nicht zur Diskussion. Zwischen dem Thema Zielpreisvereinbarungen und OTC besteht nach Auffassung des BAH keinerlei Interaktion, und so wie es im OTC-Bereich Übereinstimmung gibt, bestehen im Hinblick auf Zielpreisvereinbarungen eben unterschiedliche Auffassungen.«

 

Nach Hoffmanns Angaben kennt der Deutsche Apothekerverband die Position des BAH zu den geplanten Zielpreisvereinbarungen bereits. Für aggressiv hält der Verbands-Chef seine Kritik gegenüber den Apothekern nicht. Es sei jedoch wenig sinnvoll, »diplomatische Formulierungsverränkungen zu machen, mit dem Risiko, dass man nicht oder sogar missverstanden wird.«

 

Missverständlich hat sich Hoffmann mit Sicherheit nicht ausgedrückt. Es stellt sich dennoch die Frage, ob diese harte Form der Kritik über eine große Tageszeitung tatsächlich einem, guten Verhältnis zwischen Apothekern und BAH sonderlich dienlich ist.

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