Pharmazeutische Zeitung online
Prävention

Lebensstil ist Gesundheitsstil

21.02.2012  17:20 Uhr

Von Brigitte M. Gensthaler / »Prävention ist Pflicht für alle.« Davon ist die frühere Bundesfamilienministerin Professor Dr. Ursula Lehr überzeugt. Viele sogenannte Alterskrankheiten entstehen in jüngeren Jahren und lassen sich hinauszögern. Das könnte die Pflegesituation entspannen.

Etwa 810 000 Beschäftige arbeiten heute in der Pflege – ebenso viele wie in der Autobranche. Experten schätzen den Bedarf an Pflegekräften im Jahr 2050 auf etwa 2,2 Millionen. »Die Pflege ist ein Jobmotor«, sagte Lehr bei einem Symposium des BKK-Landesverbands Bayern Mitte Februar in München. Doch künftig werden die Stellen kaum zu besetzen sein. Laut Statistik kommen auf einen Menschen über 75 Jahren zehn jüngere Personen. 2040 sollen es nur noch 4,4 sein.

 

Reha vor Pflege

 

Die Ex-Ministerin und jetzige Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren Organisationen (BAGSO) ist besorgt. Zwar werde viel diskutiert über die Anwerbung und Qualifizierung von Pflegekräften, über Entlastung pflegender Angehöriger und Entbürokratisierung, doch die Vorbeugung komme zu kurz. »Eine lebenslange, das Altern begleitende Prävention ist notwendig.« Prävention und Rehabilitation könnten die Pflegebedürftigkeit vieler Menschen senken und die Lebensqualität verbessern. »Auch wenn ein Mensch krank ist, hat er noch viele Elemente von Gesundheit, die es zu fördern gilt.«

In Alten- und Pflegeheimen werde auf Sekundär- und Tertiärprävention kaum geachtet, beklagte Lehr. Dabei sei Prävention, zum Beispiel mit Bewegungsprogrammen, auch bei sehr alten Menschen möglich und nützlich. Doch müssten die Programme auch Freude machen. »Wenn Sie im Altenheim Musik mit Bewegung anbieten, kommen deutlich mehr Senioren als zu Bewegung mit Musik«, sagt die Professorin.

 

Für eine Stärkung der Prävention, vor allem auch in Betrieben plädierte Johannes Singhammer, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, beim BKK-Tag. »Dazu ist kein Präventionsgesetz nötig.« In der zweiten Jahreshälfte sei eine Nationale Präventionskonferenz in Berlin geplant, die die einzelnen Maßnahmen koordinieren soll. Zudem müsse erheblich mehr Geld in die Prävention fließen. Das Finanzpolster des Gesundheitsfonds solle für Strukturmaßnahmen genutzt werden, sagte Singhammer und warnte davor, an der Finanzierung des Fonds zu rütteln.

 

Wie erfolgreich nicht-medikamentöse Sekundärprävention bei Alzheimer-Patienten sein kann, zeigte Professor Dr. Elmar Gräßel, Leiter des Bereichs Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Erlangen, anhand der MAKS-Studie. Die Abkürzung steht für »motorische, alltagspraktische, kognitive und spirituelle Aktivierungstherapie« (www.maks-aktiv.de).

 

In der multizentrischen kontrollierten Studie trainierten Menschen in Pflegeheimen, die an leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz litten, zwölf Monate lang sechsmal wöchentlich jeweils zwei Stunden in Kleingruppen. Dabei standen Kegeln, Basteln oder Handwerken ebenso auf dem Programm wie Singen und Erfahrungsaustausch, Imbiss herrichten oder kognitives Training. Die Kombination aller Komponenten, regelmäßige Abwechslung und die individuelle Förderung an der Leistungsgrenze seien die besonderen Elemente des MAKS-Trainings.

 

Der Erfolg war groß: »In der Therapiegruppe blieben die kognitiven und alltagspraktischen Fähigkeiten über zwölf Monate stabil, während sie in der Kontrollgruppe abnahmen.« Das soziale Verhalten besserte sich und die sogenannten herausfordernden Verhaltensweisen gingen laut Gräßel signifikant zurück. Zudem zeigte sich ein Trend zu weniger Stürzen.

 

Wurde nur eine Therapiekomponente, zum Beispiel Beschäftigungstherapie, angeboten, war die Wirksamkeit deutlich geringer. Im Klartext: Weniger sei besser als nichts, aber »ein wenig könnte zu wenig sein«. Regelmäßigkeit, Intensität und Multimodalität seien notwendig, damit die Prävention den größtmöglichen Nutzen bringt.

 

Gut für Hirn und Herz

 

Die präventiven Erfolge von nicht-medikamentösen Maßnahmen hält Gräßel für übertragbar auf andere Erkrankungen. »Lebensstil ist Gesundheitsstil«. Körperliche und geistige Aktivität, aktive Alltagsgestaltung, soziale Kontakte und Tabakverzicht seien nicht nur in der Primär- und Sekundärprävention von vaskulären und degenerativen Demenzen hilfreich, sondern beugten auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor. Körperliche Aktivität könne die Manifestation von Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes, Dyslipidämie, Rückenschmerzen und sogar Bandscheibenvorfällen verhindern oder verzögern. /

Mehr von Avoxa