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Virusinfektionen der Haut

Windpocken, Warzen und Weiteres

12.02.2013
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Virusinfektionen der Haut und Schleimhaut sind häufig, zeigen teilweise eine hohe Rezidivrate und können mitunter zu lebens­bedrohlichen Komplikationen führen. Dr. Ralf Hartmann vom Bundeswehrkrankenhaus Berlin informierte über Warzen, Gürtelrose und Windpocken.

Mehr als 100 verschiedene Subtypen von humanen Papillomviren (HPV) sind bekannt. Ursache der meisten Warzen ist eine Infektion mit einem HPV-Virus. Ein wichtige Ausnahme sind Dellwarzen, die durch ein Pockenvirus hervorgerufen werden. »Im Laufe seinen Lebens eine Warze zu bekommen, ist etwas ganz normales«, sagte Hartmann.

Wichtig sei es, Warzen möglichst frühzeitig zu behandeln. Zudem sei konsequentes Handeln notwendig. Hartmann: »Warzen sind hartnäckig. Wer gegen sie gewinnen will, muss noch hartnäckiger sein.« Der Mediziner empfahl, zur Behandlung keratoly­tische Substanzen einzusetzen.

 

Typbestimmung bei Lippenherpes

 

Wichtige Vertreter der humanen Herpesviren sind die Herpes-simplex-Viren HSV-1 und HSV-2 sowie das Varizella-zoster-Virus (VZV). Hartmann informierte, dass Lippenherpes zu 80 Prozent auf HSV-1 zurückzuführen und Herpes genitalis zu 80 Prozent dem Typ 2 zuzuschreiben ist. Doch Oralsex kann diese scharfe Abgrenzung verwischen. Eine genaue Typ­bestimmung ist vorteilhaft. Wie Hartmann erklärte, ist der antivirale Wirkstoff Brivudin zum Beispiel überhaupt nicht gegen HSV-2 wirksam, hat dafür aber eine Wirkung auf HSV-1 und VZV.

 

Der Erstkontakt mit VZV führt zum Erscheinungsbild der Windpocken. Das findet häufig schon im Kindesalter statt. Hartmann zufolge ist das auch besser so. Außer bei immungeschwächten Kindern sei die Prognose in jungen Jahren meist sehr gut und die Erkrankung müsse meistens nur symptomatisch behandelt werden. Im Gegensatz dazu seien die Verläufe bei Erwachsenen in der Regel insgesamt viel schwerer.

 

Die Reaktivierung der Virus-DNA führt zu Herpes zoster, der sogenannten Gürtelrose. »Je früher die Behandlung startet, desto besser die Prognose«, betonte Hartmann. Als großes Problem bezeichnete er die Post-Zoster-Neuralgie. Sie sei in der Gruppe der Über-70-Jährigen gar die häufigste Ursache für Suizide. Hartmann betonte, dass eine Lokaltherapie mit Aciclovir bei Herpes zoster meist wirkungslos ist. Vielmehr müssen systemische Virustatika wie Aciclovir, Valaciclovir, Famciclovir und Brivudin zum Einsatz kommen. Aus Sicht Hartmanns bietet das einfachere Einnahmekonzept von Brivudin einen Vorteil gegenüber den anderen Wirkstoffen. So müsse Aciclovir eine Woche lang fünfmal täglich in einem genauen Vier-Stunden-Abstand eingenommen werden. »Das geht oft schief«, so Hartmann.

 

Brivudin sollte wegen der Gefahr einer potenziell tödlich verlaufenden Wechselwirkung niemals mit 5-Fluoropyrimidinen kombiniert werden. Dazu zählen die antineoplastischen Wirkstoffe 5-Fluorouracil (5-FU) und seine Prodrugs Capecitabin, Floxuridin, Tegafur sowie das antimykotische Flucytosin. Die Wechselwirkungen treten auch bei der topischen Applikation von 5-Fluoropyrimidinen auf.

 

Interaktion mit 5-Fluorouracil

 

Brivudin hemmt die virale DNA-Polymerase, aber auch die Dihydropyrimidin-Dehydrogenase (DPD). DPD reguliert den Metabolismus physiologischer Nukleoside wie Thymidin. Es baut aber auch Pyrimidin-basierte Arzneimittel wie 5-FU zum weniger toxischen Dihydro-5-FU ab. Bei gleichzeitiger Gabe von Brivudin kann 5-FU kumulieren. Da Brivudin die DPD irreversibel hemmt, sind mindestens vier Wochen nach letzter Brivudin-Einnahme nötig, bis sich wieder ausreichend funktionsfähige DPD gebildet hat. Dementsprechend sollte dieser Zeitraum verstrichen sein, bevor eine Therapie mit 5-Fluoropyrimidinen begonnen wird. Hartmanns Rat an Heilberufler: »Fragen Sie jeden Patienten, der Brivudin einnehmen soll, ob er gerade eine Chemotherapie erhält oder erhalten hat.« Als eine weitere Vorsichtsmaßnahme sollte bei den betroffenen Patienten, die DPD- Enzymaktivität überprüft werden.

 

Kommt es doch dazu, dass Patienten unter Brivudin auch 5-Fluoropyrimidin-haltige Arzneimittel erhalten, sollten im Krankenhaus Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Zum Beispiel lindert Uridin die 5-FU-Toxizität. Zu den häufigsten Symptomen toxischer 5-FU-Spiegel zählen Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö und in schweren Fällen Stomatitis, Mukositis, toxische epidermale Nekrolyse, Neutropenie und Knochenmarkdepression.

 

Abschließend machte Hartmann auf zwei mögliche Innovationen aufmerksam. Zum Ende des Jahres könnte in Deutschland ein neuer Impfstoff gegen Gürtelrose auf den Markt gelangen. Mit Pritelivir befände sich zudem ein neuer Wirkstoff in klinischen Studien der Phasen II und III. Dabei handelt es sich um einen Hemmstoff von HSV, der eine neue Zielstruktur des Virus adressiert, den Helikase-Primase-Komplex. Hartmann zufolge könnte dieser Wirkstoff auch eine Therapieoption bei Lippenherpes werden.

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