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Zu viel Prolactin ist ungesund

31.01.2011
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Wie eng die Hypophysenhormone miteinander zusammenhängen, zeigt Prolactin. Chemisch ist es nahe verwandt mit dem langen Peptidhormon Somatotropin, bei der Regulation des Stillens wirkt es eng mit dem Nonapeptid Oxytocin zusammen.

Als erstes Anzeichen einer Schwangerschaft bemerken viele Frauen eine Veränderung der Brust: Sie vergrößert sich und spannt. Ab dem zweiten Trimenon können erste Tropfen Vormilch austreten. Diese physiologischen Veränderungen werden maßgeblich von dem effektorischen Hormon Prolactin (Lactotropes Hormon) gesteuert, das nach der Befruchtung vermehrt im Hypophysenvorderlappen gebildet wird (Tabelle 2). Zusammen mit Estrogen und Progesteron stimuliert es das Wachstum der Milchgänge und der Brustdrüse. Nach der Geburt fällt der während der Schwangerschaft erhöhte Gestagenspiegel rasch ab, während Prolactin erhöht bleibt: das Signal für die Milchbildung (Laktopoese). Für die Milchausschüttung durch Kontraktion der glatten Muskelfaserzellen ist Oxytocin verantwortlich. Das Saugen des Babys an der Brust regt die Sekretion beider Hormone an.

 

Das 199 Aminosäuren lange Prolactin-Hormon hat einen kleinen, aber potenten Gegenspieler: Dopamin. Das Molekül fungiert im Hypothalamus als Prolactin-Release-Inhibiting-Hormon. Daher werden Dopaminagonisten auch zum Abstillen eingesetzt.

 

Bei hohen Prolactin-Blutspiegeln, zum Beispiel in der Stillzeit, steigen die Dopaminspiegel. Dies blockiert die pulsatile Ausschüttung von Gonadoliberinen aus dem Hypothalamus und damit die Freisetzung der Gonadotropine LH und FSH aus der Hypophyse. In der Folge bleibt der Eisprung aus und die Frau kann – in der Regel – nicht schwanger werden.

 

Was in der Stillzeit erwünscht ist, kann zu anderen Zeiten dem Kinderwunsch entgegenstehen. Bei anhaltenden Zyklusstörungen, Infertilität, Libidoverlust und Milchfluss außerhalb der Stillzeit sollte der Arzt die Prolactinwerte bestimmen. Neben einer Schilddrüsenunterfunktion, neurogenen Erkrankungen und Stress können auch Medikamente wie Amisulpirid und Risperidon, Phenytoin und Carbamazepin die Prolactinkonzentration in die Höhe treiben.

 

Bei stark erhöhten Werten wird der Arzt auch nach Tumoren fahnden, die unkontrolliert Hormone sezernieren. Etwa zehn Prozent aller Hirntumoren betreffen die Hypophyse. Am häufigsten sind Prolactinome, die aber gut auf Medikamente ansprechen. Eine Behandlung mit Dopamin­agonisten (die vorwiegend als Anti-Parkinson-Mittel eingesetzt werden) lässt die Hormonwerte bei neun von zehn Patienten rasch abfallen; meist schrumpft auch das Adenom deutlich. Als Agonisten stehen Bromocriptin, Cabergolin, Metergolin und Quinagolid zur Verfügung.

 

Bromocriptin wird derzeit bei einer anderen, seltenen Erkrankung geprüft. Forscher der Medizinischen Hochschule Hannover testen das Medikament bei Frauen mit Schwangerschafts-assoziiertem peripartalen Herzversagen (PPCM). Diese Erkrankung ist kaum bekannt, kann aber zum Tod der jungen Mutter führen. Doch Symptome wie Atemnot, dicke Beine, starker Husten und schlechter Schlaf werden bei bis dahin herzgesunden Frauen nur selten als PPCM diagnostiziert, schreiben die Wissenschaftler von der MHH. Als möglichen Auslöser haben sie ein Prolactin-Spaltprodukt identifiziert: Dieses soll die Blutgefäße am Herzmuskel schädigen und damit die Pumpfunktion beeinträchtigen. Bei gefährdeten Frauen soll Bromocriptin in der Studie die Prolactinfreisetzung und damit die Herzschwäche aufhalten.

Tabelle 2: Effektorische Hormone aus der Hypophyse und ihre Hauptwirkungen

Hormon (Synonym, Abkürzung) Chemische Struktur Abgabe von Hauptwirkungen
Vasopressin (Adiuretin, ADH) Nonapeptid Neurohypophyse Wasserretention
Oxytocin Nonapeptid Neurohypophyse Uteruskontraktion, Milchausstoß
Prolactin (LTH) Protein Adenohypophyse Brustwachstum, Milchproduktion
Somatotropin
(Wachstumshormon, STH, GH)
Protein Adenohypophyse Knochen- und Muskelwachstum, Proteinsynthese, Lipolyse, Hemmung der Glucoseaufnahme
Melanotropin (MSH) Polypeptid Adenohypophyse Hautpigmentierung

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