Pharmazeutische Zeitung online
Interview

»Wir müssen die Entwicklung beobachten«

25.01.2011  18:04 Uhr

Von Stephanie Schersch / Packungsgrößen, Mehrkostenregelung, Großhandelsabschlag – die Apotheker bekommen die Auswirkungen des AMNOG deutlich zu spüren. Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion räumt ein, dass einige Regelungen zu Problemen führen. Akuten Handlungsbedarf sieht Jens Spahn (CDU) aber nicht.

PZ: Die neuen Packungsgrößen sorgen in den Apotheken für regelrechtes Chaos. DAV und GKV-Spitzenverband beraten bereits über ein Verfahren, wie sie mit Abweichungen von den Normgrößen umgehen können. Welchen Lösungsvorschlag hat die Politik?

Spahn: Zuerst müssen wir die Entwicklung ruhig und aufmerksam beobachten. Denn zunächst gilt bis Mitte dieses Jahres eine Abverkaufsfrist, sodass erstmal alle Packungen in den bisher gültigen Größen abgegeben werden können. Auch in der neuen Packungsgrößen­verordnung bleiben die Maßzahlen unverändert. Verringert werden lediglich die Spannbreiten für die Abweichungen der Maßzahlen. In Zukunft gilt für N1 eine Abweichung von 20 Prozent, für N2 von 10 Prozent und für N3 von minus 5 Prozent. Dadurch wird eine unnötige Vervielfachung der Packungsgrößen verhindert, zu der es vermutlich sonst gekommen wäre, um die Austauschbarkeit im Rahmen von Rabattverträgen zu unterlaufen. Deshalb bestand hier Handlungsbedarf. Außerdem wurde bereits im Gesetzge­bungsverfahren zugesagt, dass auch die Messzahlen für die Packungsgrößen überprüft werden und notwendige Änderungen zum 1. März 2011 vorgenommen werden sollen. Eine Abfrage dazu bei den Herstellerverbänden wurde bereits durchgeführt. Sollten unabhängig davon noch Änderungen notwendig sein, werden wir natürlich auch dort nachbessern. Im Moment sehe ich diesen Bedarf jedoch nicht. Wir sind jedoch immer für Argumente offen und werden uns keinem Dialog über Probleme verschließen. Erste Gespräche dazu haben wir bereits geführt, um uns ein eigenes Bild zu machen.

 

PZ: Pharmazeutischer Großhandel und Apotheker sollen der GKV eigentlich jeweils 200 Millionen Euro einsparen. Die Großhändler reichen die Kürzung ihrer Spannen aber in vollem Umfang an die Apotheker weiter. Wie will die Koalition verhindern, dass die Apotheker nun den vollen Sparbeitrag von 400 Millionen Euro alleine stemmen müssen?

 

Spahn: Apotheken erhalten nach der Arzneimittelpreisverordnung eine eigene leistungsgerechte Vergütung. Der Großhandel kann daneben zusätzlich seinen Zuschlag teilweise als Rabatt an die Apotheken weiterreichen. Damit haben pharmazeutische Großhändler die Möglichkeit, sich im Wettbewerb vonei-nander abzugrenzen sowie den Apothekern bei rationalem Bestellverhalten Einkaufsvorteile zu gewähren. Apotheken haben so auch weiterhin durch ihr Bestellverhalten maßgeblichen Einfluss auf die Gewährung von Rabatten durch den Großhandel. Vor diesem Hintergrund bleibt abzuwarten, wie die Ergebnisse der für Anfang 2011 angekündigten Neuverhandlungen vieler Pharmagroßhändler mit den Apotheken tatsächlich aussehen. Zur Verhandlungsstrategie der Großhändler scheint zu gehören, ein Szenario aufzubauen, in dem keine Rabatte mehr gewährt werden. Dass dieses Realität werden soll, kann ich mir nicht vorstellen. Aber wie bei all unseren Maßnahmen werden wir auch hier die Entwicklung im Auge behalten.

 

PZ: Auch die Mehrkostenregelung führt zu Problemen. Hersteller und Apotheker sollen den Kassen ihre Rabatte auch bei Vorkasse-Arzneimitteln gewähren. Bislang ist jedoch unklar, wie die Abrechnung der Abschläge aussehen soll. Wie stellen Sie sich das vor?

 

Spahn: Wir haben gesetzlich vorgegeben, dass die Patienten zunächst bar zahlen und die Krankenkassen dann die Kosten in Höhe des Medikaments aus dem Rabattvertrag erstatten. Die Details der Abrechnung der Kostenerstattung sind von den Krankenkassen in ihren Satzungen zu regeln. Die Selbstverwaltung auf der Bundesebene, sprich GKV-Spitzenverband und der Deutsche Apothekerverband, haben weitere Einzelheiten im Rahmenvertrag nach § 129 SGB V zu regeln. Dass hier noch nichts passiert ist, obwohl die Regelung seit der 1. Lesung im Juli 2010 absehbar war, ist in der Tat misslich. Die gesetzlichen Rabatte, wie der Apothekenrabatt, der Großhandelsabschlag oder die Rabatte nach § 130a SGB V sind dabei übrigens nicht in Abzug zu bringen. Hier unterstütze ich die Rechtsauffassung des Bundesgesundheitsministeriums, das sich dementsprechend bereits positioniert hat.

 

PZ: Eigentlich soll die Mehrkostenregelung dem Patienten nutzen. Doch in vielen Fällen erhält er nicht einmal 50 Prozent seiner Kosten von der Kasse zurück, wenn er ein Wunscharzneimittel wählt. War der Koalition das Problem bei Einführung der Regelung bewusst?

 

Spahn: Ziel der Regelung ist nicht, den Patienten ihr Wunschmedikament zu finanzieren. Dann hätten wir die Rabattverträge gar nicht erst einführen müssen. Wir wollen, dass die Versicherten, wenn sie sich für ein anderes Medikament entscheiden als es die jeweilige Kasse vereinbart hat, den Betrag angerechnet bekommen, der auch nach dem Rabattvertrag von der Kasse zu zahlen wäre. Das ist gerecht, sorgt für mehr Wahlfreiheit und verhindert, dass es zu steigenden Ausgaben der GKV kommt. Und dass die Erstattung teilweise wohl so gering ausfällt, würde ich eher als Erfolg der günstigen Preise innerhalb der Rabattverträge sehen. / 

Mehr von Avoxa