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Schlafstörungen

Schlafhygiene vor Sedativa

15.01.2013
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Von Brigitte M. Gensthaler, Würzburg / Antidepressiva und Neuroleptika spielen eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Schlafstörungen. Doch bevor Medikamente eingesetzt werden, sollten Art und Auslöser der Störung ausgemacht und die Schlafhygiene verbessert werden. Oft tritt die ersehnte nächtliche Ruhe dann wieder ein.

Zwei Drittel aller Schlafstörungen sind sekundär, also die Folge anderer Erkrankungen. Delir, Demenz, Depression, Sucht und Angst können den Schlaf ebenso sehr beeinträchtigen wie Herz, Kreislauf-, Tumor-, Infektions- oder Schmerzerkrankungen, informierte Professor Dr. Hans Förstl, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Technischen Universität München, auf der dezentralen Fortbildung der Bayerischen Landesapothekerkammer zu Angsterkrankungen und Schlafstörungen. Ärzte und Apotheker sollten daran denken, dass Medikamente wie Betablocker, Corticosteroide, Theophyllin und Levothyroxin sowie Genussmittel wie Coffein die Nachtruhe rauben können. Gleiches gilt für den Benzodiazepin-Entzug.

Lässt sich keine Ursache finden, liegt eine primäre Schlafstörung vor. Etwa 10 Prozent der Erwachsenen klagen über anhaltende Schlaflosigkeit, die sie im Alltag deutlich beeinträchtigt (In- oder Hyposomnie). Im Schlaflabor zeige sich anstelle der normalen Schlafarchitektur mit REM- und Tiefschlafphasen ein »zerhacktes« Schlafprofil, sagte Förstl.

 

Nur zum Schlafen ins Bett

 

Der Neurologe warnte eindringlich vor dem zu raschen Einsatz von Sedativa bei Insomnie. Die entscheidende, kurz- und langfristig wirksame Maßnahme sei eine gute Schlafhygiene. Wer nicht schlafen kann, müsse unbedingt aufstehen. »Das Bett ist nur zum Schlafen da.« Bei ausreichender Müdigkeit dürfe der Betroffene vor 6 Uhr morgens jederzeit zurück ins Bett. Tagesschlaf ist aber tabu.

 

Nach Förstls Erfahrung reichen oft wenige konsequent gestaltete Nächte, um dem Schlaf wieder eine gute Struktur und Qualität zu geben. Ausnahme: Der Betroffene ist abhängig von Benzodiazepinen, Z-Substanzen (Zolpidem, Zopiclon, Zaleplon), Alkohol oder Drogen.

 

Benzodiazepine wirken bei Insomnie rasch und zuverlässig, bergen aber viele Probleme von Abhängigkeit bis zur Zerstörung der physiologischen Schlafstruktur, warnte Apotheker Dr. Hans-Dieter Schweiger, ehemaliger Leiter der Apotheke des Isar-Amper-Klinikums München-Ost. Gefährlich für ältere Menschen: nächtliche Verwirrtheitszustände, Benommenheit und Stürze aufgrund der Muskelrelaxation. Z-Substanzen haben eine eher kurze Wirkdauer und beeinträchtigen die Tagesform daher weniger. Bei abruptem Absetzen können sie ebenfalls Entzugssymptome auslösen.

 

Achtung anticholinerge Nebenwirkungen

 

Antidepressiva wirken aufgrund ihrer antagonistischen Wirkung an bestimmten Serotonin- und Histamin-H1-Rezeptoren sowie über Blockade von α1-adrenergen Rezeptoren schlaf­anstoßend. Der sedierende Effekt tritt – im Gegensatz zur antidepressiven Wirkung – schon bei der ersten Einnahme ein. Trizyklika wie Amitriptylin, Doxepin und Trimipramin können jedoch erhebliche anticholinerge Nebenwirkungen auslösen. Diese sind vor allem für Senioren gefährlich. Warnzeichen sind vermehrtes Herzklopfen, trockener Mund, verschwommenes Sehen, Verstopfung oder Störungen beim Wasserlassen, informierte Schweiger. Als zentrale anticholinerge Effekte können sich Gedächtnisstörungen, Verwirrtheit und Delir manifestieren. Als sedierendes Antidepressivum sei Mirtazapin bei Älteren besser geeignet.

 

Auch die nicht-rezeptpflichtigen H1-Antihistaminika Diphenhydramin und Doxylamin können anticholinerg wirken, mahnte der Apotheker. Sie sollten daher nicht an Personen über 65 Jahre abgegeben werden.

 

Viele Neuroleptika, vor allem solche mit geringer antipsychotischer Potenz, fördern den Schlaf. Auch sie wirken antagonistisch an Serotonin- und H1-Rezeptoren und blockieren α-adrenerge Rezeptoren. Zu den schlafanstoßenden Neuroleptika, die nicht oder kaum anticholinerg wirken, zählen die Butyrophenone Melperon und Pipamperon sowie das Atypikum Quetiapin. Allerdings sind Antipsychotika generell in die Kritik geraten, weil sie die Mortalität älterer Menschen erhöhen können.

 

Neuroleptika können – auch in niedriger Dosis – extrapyramidal-motorische Nebenwirkungen (EPMS) und Spätdyskinesien (ständige unwillkürliche Bewegungen im Mund und Gesicht) auslösen. EPMS zählen laut Schweiger zu den schwersten Nebenwirkungen der Neuroleptika, für die das Alter einen wichtigen Risikofaktor darstellt. Melperon, Pipamperon und Quetiapin haben ein geringeres Potenzial für EMPS. /

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