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Diagnostica-Industrie

Schnelltesthersteller im Aufwind

17.01.2012
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Von Sarah Lena Grahn, Berlin / Steigende Umsätze, höhere Investitionen, mehr Jobs: Die Hersteller von Laborbedarf und Schnelltests in Deutschland starten optimistisch in das neue Jahr. Der GBA-Beschluss zur Blutzuckerselbstmessung ist offenbar kein Thema mehr. Sorgen bereiten der Industrie dagegen langwierige Verfahren zur Erstattung von Laborinnovationen.

Von Krisenstimmung keine Spur: Die Zahl der Diagnostica-Hersteller, die dem laufenden Geschäftsjahr eher skeptisch entgegensehen, ist im Vorjahresvergleich erneut gesunken, der Anteil der Optimisten deutlich gestiegen. Das berichtete der Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Diagnostica-Industrie (VDGH), Matthias Borst, in Berlin bei der Vorstellung der wirtschaftlichen Erwartungen der Branche für 2012.

 

Hersteller rechnen mit steigenden Einnahmen

 

Mehr als drei Viertel (78,3 Prozent) der Hersteller rechneten in diesem Jahr mit steigenden Einnahmen, 37 Prozent gingen sogar von einer stark wachsenden Umsatzentwicklung aus. Das zeige eine Umfrage des Verbands unter 46 Mitgliedsunternehmen.

Die Zuversicht der Branche spiegelt sich demnach auch in der Personal- und Investitionsplanung wider. Mehr als die Hälfte der Firmen (56,6 Prozent) wollten neue Arbeitsplätze schaffen, knapp ein Drittel (32,6 Prozent) gehe von einer gleichbleibenden Mitarbeiterzahl aus, sagte Borst. Derzeit beschäftigt die Branche 20 700 Mitarbeiter. Für Forschung wollen 56 Prozent der Firmen in diesem Jahr mehr Geld ausgeben als 2011. 36 Prozent peilen an, ihr Niveau zu halten.

 

Die positiven Erwartungen erklärte Borst mit einer »insgesamt zufriedenstellenden Entwicklung« im vergangenen Jahr. Auf Grundlage der ersten drei Quartale habe die Branche 2011 geschätzt rund 2,2 Milliarden Euro umgesetzt – im Jahresvergleich ein Plus von 2,1 Prozent.

 

Der Markt für Laborbedarf wuchs demnach um 1,4 Prozent auf knapp 1,4 Milliarden Euro und damit deutlich schneller als 2010. Stark aufholen konnten auch die Hersteller von Patientenselbsttests, die im Jahr zuvor wegen der anhaltenden Diskussion um die Erstattung von Blutzuckerteststreifen für nicht insulinpflichtige Diabetiker Einbußen hinnehmen mussten. 2011 konnten diese wieder wettgemacht werden: 835,7 Millionen Euro und damit 3,3 Prozent mehr als 2010 setzten die Unternehmen den Schätzungen zufolge um. Im Vorjahr waren die Einnahmen um 2,8 Prozent auf 800 Millionen Euro gesunken.

 

Aus Sicht des Verbandschefs geht die überraschende Wende im Schnelltest-Markt unter anderem auf zweistellige Wachstumsraten in der Krankenhausdiagnostik, der sogenannten Point-of-Care-Diagnostik, zurück.

 

Vorwegnahme negativer Effekte schon 2010

 

Ein weiterer Grund für das Plus sei eine Vorwegnahme negativer Effekte bereits im Jahr 2010: Angesichts des drohenden Beschlusses des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA), die Blutzuckerselbstmessung für nicht insulinpflichtige Typ-2-Diabetiker aus dem Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung zu streichen, hätten verunsicherte Ärzte die Verordnung von Blutzucker-Teststreifen massiv zurückgefahren, erläuterte Borst.

Obwohl der Beschluss des GBA erst seit Oktober 2011 greife, sei das Vorhaben der Industrie bereits im Jahr zuvor bitter aufgestoßen. Ob die Talsohle mit dem Umsatzwachstum in den ersten neun Monaten 2011 endgültig durchschritten sei, lasse sich aber erst sagen, wenn die Zahlen für das vierte Quartal vorlägen.

 

Mit Blick auf die Marktgröße lag die deutsche Diagnostica-Industrie im vergangenen Jahr europaweit vorn. Frankreich folgte mit einem Gesamtumsatz von knapp 1,8 Milliarden Euro abgeschlagen auf Platz zwei, Italien und Spanien folgten. Bei der Wachstumsdynamik allerdings landete Deutschland mit minus 0,1 Prozent im hinteren Mittelfeld. Großbritannien (plus 6,2 Prozent) und Frankreich (plus 4,2 Prozent) belegten Spitzenplätze. Griechenland, Portugal, Irland und Ungarn schnitten schlechter ab als Deutschland.

 

Langwierige Verfahren bremsen Firmen aus

 

Was die Unternehmen ausbremse, seien die oftmals langwierigen Aufnahmeverfahren zur Erstattung von Labor­innovationen in der gesetzlichen Krankenkasse, sagte Borst. »Diese Marktzugangsbehörde ist gerade für die in unserer Branche dominierenden kleinen und mittelgroßen Firmen oft existenzgefährdend, da sie während der Wartezeit ihre Investitionen in Forschung und Entwicklung nicht refinanzieren können.«

 

Eine zunehmende Bedeutung für die Branche gewinnt laut Borst die Personalisierte Medizin: Vorgeschaltete diagnostische Tests ermöglichen es, bereits vor Einnahme eines Medikaments zu erkennen, ob der Patient besonders gut darauf reagiert oder ob er es nicht verträgt. »Personalisierte Medizin kann also unnötige Medikation vermeiden und maßgeblich zu einem effizienteren Arzneimitteleinsatz beitragen«, sagte Borst. »Aus meiner Sicht ist das ein Zukunftsthema.« Das zeige sich bereits in der Umfrage: 31 Prozent der Diagnostica-Firmen erzielten heute schon Umsätze in diesem Bereich, mehr als die Hälfte der Unternehmen (52,2 Prozent) glaube, dass das Thema in den kommenden Jahren eine große Dynamik entfalten werde.

 

Verband vertritt 90 Firmen der Diagnostica-Industrie

 

Der Verband der Diagnostica-Industrie vertritt die Interessen von 90 Firmen mit einem Gesamtumsatz von 3,7 Milliarden Euro. Die Mitgliedsunternehmen stellen zum einen In-vitro-Diagnostica her, also Laborbedarf sowie Tests zur Eigenanwendung beim Patienten.

 

Zweites Standbein des Verbands sind 25 Firmen, die Life-Science-Research (LSR)-Produkte auf den Markt bringen – also maßgeschneiderte Analyse- und Nachweissysteme für Forschungsinstitute und -unternehmen. /

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