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Mehrkostenregelung

Kassen sehen Vorteilnahme durch Apotheken

11.01.2011  18:33 Uhr

Von Stephanie Schersch / Die Diskussion um die Mehrkostenregelung reißt nicht ab. Kassenvertreter werfen den Apothekern vor, den Patienten unrechtmäßig den vollen Preis für das Wunscharzneimittel in Rechnung zu stellen. Damit würden sie von der Neuregelung deutlich profitieren.

Seit Jahresbeginn können Patienten in der Apotheke auf Wunsch ein anderes als das rabattierte Arzneimittel bekommen. Sie zahlen in der Apotheke dann zunächst den vollen Preis für ihr Wunschpräparat und rechnen anschließend mit ihrer Krankenkasse ab. Die erstattet genau jenen Betrag, den sie für das Rabattarzneimittel gezahlt hätte. Für Hersteller- und Apothekenabschlag wurde noch keine Lösung gefunden. Die Kassen wollen diese Mehrkosten nicht tragen. Damit bleiben die Abschläge bislang bei den Patienten hängen.

Der Vorstandsvize der AOK Baden-Württemberg, Christopher Hermann, schiebt den Schwarzen Peter nun den Apothekern zu. Sie würden den vollen Apothekenverkaufspreis für Wunscharznei­mittel verlangen, »obwohl der Gesetzgeber dies so in der Gesetzesbegründung ausdrücklich aus­geschlossen hat«. Den Grund für diese Ab­rech­nungspraxis hat Hermann schnell ausgemacht. Hersteller- und Kassenabschlag blieben in der Apotheke, das wiederum bedeute einen »auf­wandslosen Mehrgewinn« für den Apotheker. Auch die Hersteller würden durch Einsparungen am Herstellerabschlag profitieren, so Hermann weiter. Damit werde deutlich, »wer allein ein In­teresse an einer möglichst häufigen Inanspruch­nahme der Wunscharzneimittelregelung habe«.

 

Der Vorsitzende des Deutschen Apothekerver­bands, Fritz Becker, zeigte sich angesichts der Äußerungen aus Stuttgart empört. Er warf Hermann vor, das Gesetz falsch auszulegen. »Wenn Herr Hermann die neue Regelung als im Grundsatz sinnlos bezeichnet, mag das sein gutes Recht sein. Aber er kann und darf dies nicht auf dem Rücken von uns Apothekern und den Patienten austragen.« Becker forderte Hermann und alle Kassen dazu auf, die Rabattverträge offenzulegen und damit den Weg für eine transparente Lösung zu öffnen. »Alles andere ist und bleibt Augenwischerei.«

 

BMG fordert Richtigstellung

 

Hermann ist nicht der einzige Kassenvertreter, der den Apothekern vorwirft, unrechtmäßig von der Mehrkostenregelung zu profitieren. Ähnlich hatte sich zuvor bereits Thomas Ballast geäußert, Chef des Ersatzkassenverbandes VDEK. »Der eigentliche Profiteur des Mehrkostenverfahrens ist die abgebende Apotheke, da die Wunschmedikation wie ein Privatrezept behandelt wird und somit bei der Berechnung weder der Apothekenrabatt noch Herstellerrabatte abgezogen werden«, sagte er.

 

Diese Äußerung rief schnell das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) auf den Plan. Weder Apotheken noch pharmazeutische Unternehmer würden im Rahmen der Mehrkostenregelung begünstigt, stellte das Ministerium klar und forderte eine Richtigstellung. Vielmehr müssten die Apotheken den Apothekenabschlag und die gesetzlichen Herstellerabschläge auch gewähren, wenn der Versicherte sein Wunscharzneimittel per Vorkasse zahlt.

 

Das BMG verweist dabei auch auf die Begründung zum Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG). Darin heißt es, dass im Fall der Kostenerstattung weder der Versicherte noch die Kasse mit dem Herstellerabschlag belastet werden dürfen. Die Verhandlungspartner müssten hierfür im Rahmenvertrag eine entsprechende Regelung vereinbaren.

 

DAV und GKV-Spitzenverband hatten bereits im Dezember über die Umsetzung der Mehrkostenregelung beraten. Eine Einigung wurde bislang nicht erzielt. Nun steht ein weiteres Treffen Mitte des Monats an. / 

Kommentar: Unerträglich

Die Krankenkassen haben die Mehrkostenregelung nie gewollt. Wenn Patienten gegen Aufzahlung ihr Wunscharzneimittel bekommen, dann ist das Gift für die Rabattverträge. Es werden weniger Rabattarzneimittel abgegeben. Bei der Abrechnung fällt es schwer, den vom Hersteller versprochenen Preisnachlass geheim zu halten. So weit ist das nachvollziehbar.

 

Unerträglich und gar nicht nachvollziehbar ist die Strategie der Kassen, den Apothekern vorab die Schuld für das von ihnen selbst geplante Scheitern der Mehrkostenregelung zuzuschustern. Dabei schämen sich die Körperschaften des öffentlichen Rechts nicht, ihre eigenen Versicherten mit gezielten Falschinformationen zu versorgen. Apotheker und die Pharma­industrie profitierten keinesfalls davon, wenn Patienten für ihr Wunscharzneimittel aufzahlten. Das Bundesgesundheitsministerium hat dies postwendend klargestellt. Und: Die Patienten sind wegen der Probleme durch Packungsgrößenverordnung und sich ändernde Zuzahlungen ausreichend verunsichert. Die Kassen dürfen ihre Versicherten nicht weiter strapazieren, indem sie ihnen das Vertrauen in die Leistungserbringer nehmen.

 

Daniel Rücker

PZ-Chefredakteur

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