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Rabattverträge

Große Sparkraft, viel Zusatzarbeit

16.08.2011
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Von Martina Janning / Durch Rabattverträge mit Arzneimittel hat die Gesetzliche Krankenversicherung im vergangenen Jahr über eine Million Euro gespart. Am meisten profitierte die AOK. Die Bahn BKK bezweifelt die Höhe der möglichen Einsparungen.

Rabattverträge über Arzneimittel haben den Krankenkassen im Jahr 2010 rund 1,3 Milliarden Euro Ersparnis gebracht. Das geht aus den endgültigen Rechnungsergebnissen 2010 für die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) hervor, die das Bundesgesundheitsministerium (BMG) Ende Juni veröffentlicht hat.

Demnach haben der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) rund 601 Millionen Euro eingespart und der Verbund der Ersatzkassen (VDEK) knapp 427 Millionen Euro. Die Betriebskrankenkassen (BKK) zahlten gut 171 Millionen Euro und die Innungskrankenkassen (IKK) rund 49 Millionen Euro weniger.

 

Rabattverträge ersparen Versicherten Zusatzbeiträge

 

Die Zahlen zeigten, »dass die Arzneimittelrabattverträge längst zu einer tragenden Säule der GKV geworden sind«, sagte AOK-Vertreter Dr. Christopher Hermann vorige Woche in Stuttgart. Hermann ist Verhandlungsführer für die bundesweiten AOK-Arzneimittelverträge und stellvertretender AOK-Vorstandsvorsitzender in Baden-Württemberg. Im Herbst soll Hermann Vorstandsvorsitzender der AOK Baden Württemberg werden.

 

Das Gros der AOK-Rabattverträge betrifft patentfreie Wirkstoffe. Sie machten mit rund 520 Millionen Euro den Hauptanteil am Einsparvolumen des vergangenen Jahres aus. Die Rabattverträge erlaubten es der AOK, ihre Ausgaben bei gleichbleibender Qualität für die Patienten zu senken. Außerdem hätten die Rabattverträge vielen Versicherten 2010 den Zusatzbeitrag erspart, erklärte Hermann.

 

Der AOK-Vize verwies darauf, dass die Veröffentlichung des Ministeriums der oft geäußerten Kritik an der Intransparenz von Rabattverträgen widerspreche. Die Finanzergebnisse des Rabattgeschehens seien keineswegs geheim, sagte Hermann. Der BMG-Bericht erfasst die Ergebnisse aller Arzneimittelverträge, die einzelne Krankenkassen oder deren Verbände mit pharmazeutischen Unternehmen schließen. In der aktuellen detaillierten Form liegt er zum ersten Mal vor.

 

Hermann wandte sich zudem erneut gegen das Argument, Rabattverträge bürdeten Versicherten verstärkt Medikamentenwechsel auf. Das Gegenteil sei der Fall. Die Ausschreibungspraxis der AOK mit einem exklusiven Vertragspartner pro Wirkstoff sorge dafür, dass AOK-Versicherte seltener als vor den Rabattverträgen einen Austausch ihrer Arzneimittel hinnehmen müssen. Hermann: »Eine vergleichende Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK hat ergeben, dass sich der Anteil der Patienten mit einem Medikamentenwechsel nach Einführung der zwei Jahre geltenden Verträge um ein Drittel auf etwas mehr als 20 Prozent reduziert hat.«

 

Apotheker haben viel Arbeit mit AOK-Rabatten

 

Apotheker können den Rabattverträgen der AOK allerdings wenig abgewinnen. Die rheinland-pfälzischen Apotheker kritisieren, dass die seit Juni geltenden AOK-Rabatte viel zusätzliche Arbeit verursachen. Ein großer Teil der Rabattarzneimittel sei nicht oder nur eingeschränkt lieferbar, teilt der Landesapothekerverbandes (LAV) Rheinland-Pfalz mit. Deshalb müssten nicht vorhandene Arzneimittel nachbestellt und Patienten der mögliche Austausch ihrer Medikamente erklärt werden. Das verunsichere insbesondere ältere Menschen (lesen Sie dazu Rheinland-Pfalz: Verärgerte Apotheker, PZ 32/2011) Dies sei ein trauriges Beispiel dafür, wie Einsparbestrebungen der Kassen zu einer Gefährdung der Therapiesicherheit und der Compliance führen können, kritisierte die deutsche Gesellschaft für bürgerorientiertes Versorgungsmanagement.

 

Zweifel am Sinn von Rabattverträgen hat die Bahn BKK geäußert. Sie hält es für »keineswegs bewiesen, dass die Substitution von Arzneimitteln keine nachteiligen Auswirkungen auf die Behandlung der Patienten hat und dadurch zwangsläufig zu wirtschaftlichen Ergebnissen führt«, sagte die Sprecherin der Bahn BKK der Pharmazeutischen Zeitung.

 

Die Vergabekammer beim Bundeskartellamt hatte die aktuelle Ausschreibung der Bahn BKK gestoppt, weil sie das Vergabeverfahren für rechtswidrig hält. Die Kasse wollte Verträge mit unbegrenzt vielen Herstellern und mit festgelegten Rabatten schließen. Das Oberlandesgericht Düsseldorf (OLG) wird den Fall wahrscheinlich Ende November verhandeln. Solange liegen die Rabattverträge der Bahn BKK auf Eis.

 

Die Krankenkasse hatte sich bewusst dagegen entschieden, wie sonst üblich mit einem oder drei Rabattpartnern Verträge zu schließen. Denn nach Ansicht der Bahn BKK ist es nicht Aufgabe einer Krankenkasse, »den Versicherten vorzugeben, welche Arzneimittel sie erhalten. Schon gar nicht, wenn sich diese Entscheidung allein an wirtschaftlichen Interessen ausrichtet«, sagte die Bahn-BKK-Sprecherin. /

Aktuelle Rabatte

Im ersten Quartal 2011 gaben die Kassen durch Rabattverträge laut den vorläufigen Ergebnissen des BMG rund 304 Millionen Euro weniger für Arzneimittel aus. Am meisten sparte die AOK-Gruppe mit etwas mehr als 117 Millionen Euro, gefolgt vom VDEK mit rund 119 Millionen Euro. Die BKKen verzeichneten eine Ersparnis von rund 38 Millionen Euro. Die IKKen gaben fast 12 Millionen Euro weniger für Arzneimittel aus.

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