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Neue Interaktionsklassifikation

ABDA-Datenbank als Wegweiser im Wechselwirkungsdschungel

06.01.2009  13:54 Uhr

Neue Interaktionsklassifikation der ABDA-Datenbank

schwerwiegende Folgen wahrscheinlich, kontraindiziert

vorsichtshalber kontraindiziert

Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig

in bestimmten Fällen Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig

vorsichtshalber überwachen

in der Regel keine Maßnahmen erforderlich

 

Schwerwiegende Folgen wahrscheinlich, kontraindiziert: Diese Klassifikation kommt bei circa 6 Prozent der Monographien vor. Sie wird vergeben, wenn die beiden Arzneimittel nicht gleichzeitig gegeben werden dürfen, weil schwerwiegende Folgen wie bleibende Gesundheitsschäden oder lebensbedrohliche Effekte dokumentiert sind. In aller Regel ist auch in den jeweiligen Fachinformationen die Behandlung mit dem jeweils anderen Arzneimittel als Gegenanzeige aufgeführt, beispielsweise bei Simvastatin (zum Beispiel Zocor®) und Itraconazol (zum Beispiel Sempera®). Das heißt: Je nach Lage des Falles muss die Apotheke zum Verzicht auf das oder die Arzneimittel raten, eine Alternative empfehlen beziehungsweise Kontakt mit dem Arzt aufnehmen, um eine geeignete Alternative zu ermitteln. Die gleichzeitige Behandlung wäre eine nicht bestimmungsgemäße Anwendung, die eine Herstellerhaftung nach dem Arzneimittelgesetz ausschließt. Dennoch kann sich ein Arzt im Rahmen seiner Therapiefreiheit hierfür entscheiden.

 

Vorsichtshalber kontraindiziert: Diese Klassifikation wurde bei etwa 11 Prozent der Monographien vergeben. Sie wurde aufgenommen, weil mehr und mehr Anbieter die Behandlung mit Arzneimitteln als Kontraindikation anführen, wenn aufgrund der pharmakokinetischen Eigenschaften eines Stoffes eine Wechselwirkung denkbar ist. Von den pharmakokinetischen Eigenschaften eines Stoffes, zum Beispiel als CYP1A2-Substrat, wie im Fall von Melatonin (Circadin®) wird auf eine Wechselwirkung mit einem CYP1A2-Inhibitor wie Fluvoxamin (zum Beispiel Fevarin®) geschlossen. Diese Wechselwirkungen können sich bei genauer Untersuchung durchaus noch als weniger bedeutsam erweisen, dennoch gilt die gleichzeitige Behandlung mit den beiden Stoffen laut Fachinformationen als kontraindiziert. Auch hier muss die Apotheke zum Verzicht auf das oder die Arzneimittel raten, eine Alternative empfehlen beziehungsweise Rücksprache mit dem Arzt halten, um eine geeignete Alternative zu ermitteln. Eine eventuelle Entscheidung des Arztes im Rahmen seiner Therapiefreiheit, die Arzneimittel trotzdem gleichzeitig anzuwenden, erfordert eine sehr sorgfältige Überwachung des Patienten.

 

Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig: Mit dieser Klassifikation wurden 46 Prozent der Monographien versehen. Bei der Mehrzahl der klinisch relevanten Interaktionen kann zwar gleichzeitig mit den interagierenden Arzneistoffen behandelt werden, aber es muss auf entsprechende Parameter, zum Beispiel Blutglucose, Blutdruck oder bestimmte Nebenwirkungen geachtet und bei Bedarf die Dosierung der Arzneistoffe angepasst werden. So müssen bei gleichzeitiger Behandlung mit vielen weiteren Arzneimitteln die Blutgerinnungsparameter von Marcumar-Patienten besonders sorgfältig überwacht werden. Die Anpassung kann aber auch darin bestehen, dass die Einnahme der betroffenen Arzneimittel zeitlich getrennt wird.

 

In bestimmten Fällen Überwachung beziehungsweise Anpassung nötig: Diese Klassifikation, mit der derzeit nur etwa 4 Prozent der Monographien versehen sind, wurde vergeben, wenn definierte Risikofaktoren bekannt sind, die bestimmte Patienten für eine Wechselwirkung prädisponieren. Nur diese müssen daher besonders überwacht werden. So sind von einer erhöhten Phenytoin-Toxizität nur Patienten betroffen, die Fluvastatin in höherer Dosierung erhalten, sodass nur bei diesen die Phenytoin-Dosis nach Bedarf gesenkt werden muss. Für die Zukunft ist zu hoffen, dass weitere Risikofaktoren identifiziert werden. Dazu gehören auch genetische Unterschiede (Polymorphismen) bei den Arzneistoff-metabolisierenden Enzymen.

 

Vorsichtshalber überwachen: Bei den solcherart klassifizierten Monographien (31 Prozent des Bestandes) handelt es sich um Interaktionen, die theoretisch möglich, aber bislang nicht dokumentiert und bei denen keine schweren Auswirkungen zu erwarten sind. Es kann sich auch um Wechselwirkungen handeln, die nur bei wenigen Patienten beobachtet werden, ohne dass Risikofaktoren bekannt sind.

 

In der Regel keine Maßnahmen erforderlich: Diese Interaktionen (2 Prozent des Bestandes) sind dokumentiert und können geringfügige Auswirkungen haben. Sie fallen normalerweise durch das Raster der ABDATA-Aufnahmekriterien. Wenn sie aber in Lehrbüchern und Fachinformationen erwähnt werden, nehmen wir sie auf, obwohl besondere Maßnahmen nicht erforderlich sind. Hierzu zählt beispielsweise die verminderte Wirkung von Phenprocoumon (zum Beispiel Marcumar®) bei gleichzeitiger Behandlung mit systemischen Glucocorticoiden.

 

Kein Ersatz für Kompetenz

 

Ein Klassifikationssystem ist angesichts der unüberschaubaren Zahl der möglichen Wechselwirkungen unbedingt erforderlich. Jede Art der Klassifikation bleibt aber ein Hilfsmittel. Die Texte der Interaktions-Monographien in der ABDA-Datenbank liefern weitere wichtige Informationen, die es erlauben, das Risiko eines Patienten abzuschätzen und individuell angepasste Maßnahmen zu ergreifen. Per Knopfdruck wird dies niemals möglich sein: Hierfür ist und bleibt die Kompetenz von Arzt und Apotheker erforderlich.

 

Berichten Sie uns über Ihre Erfahrungen mit der neuen Klassifikation. Für ABDATA Pharma-Daten-Service ist der Kontakt mit den Anwendern unerlässlich. Nur im Dialog mit der Praxis kann die ABDA-Datenbank weiter optimiert und den Bedürfnissen der Kollegen in der Apotheke angepasst werden.

Literatur

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American Pharmaceutical Association: Evaluations of Drug Interactions (1973)

Fulda, T. R. et al.: Disagreement among drug compendia on inclusion and ratings of drug-drug interactions. Curr. Ther. Res. Clin. Exp. 61 (2000) 540-548

Ko, Y. et al.; Practitioners´ view on computerized drug-drug interaction alerts in the VA system. J. Med. Inform. Assoc. 14 (2007) 56-64

Hansten, P.D. et al., ORCA: Operational Classification of Drug Interactions, J. Am. Pharm. Assoc. 41 (2001) 161-165

 

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