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Perspektiven 2008

Was bringt das neue Jahr?

07.01.2008
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Perspektiven 2008

Was bringt das neue Jahr?

Nachdem sich die Politik in den vergangenen Jahren mit etlichen Reformen in der Arzneimittelversorgung ausgetobt hat, scheint sie sich in diesem Jahr anderen Themen zuwenden zu wollen. Dennoch bleibt die Branche in Bewegung, da sind sich die Experten einig. In fünf Interviews befragte die PZ Repräsentanten verschiedener Organisationen nach ihren Erwartungen für das neue Jahr.

 

Langweilig dürfte es in diesem Jahr nicht werden, das scheint sicher. Doch dürften sich viele Apotheker schnell ein wenig mehr Ruhe für ihre eigentliche Arbeit wünschen, denn Aufreger von 2007 bleiben ihnen auch 2008 erhalten.

 

Das gilt ganz besonders für die Rabattverträge der Krankenkassen. Die Folgen des Schlingerkurses der Bundesregierung zwischen Wettbewerb und staatlicher Regierung lassen sich immer noch nicht endgültig abschätzen. Als die PZ-Redakteure ab Mitte Dezember die Interviews führten, waren sich der Vorsitzende des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Großhandels, Thomas Trümper, ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf und der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbands, Hermann S. Keller, immerhin einig, dass sich das Chaos vom vergangenen Frühjahr wohl nicht wiederholen wird. Sie konnten damals aber noch nicht wissen, dass sich die Frage der Zuständigkeit für Rechtsstreite zwischen Krankenkassen und Pharmaherstellern auch mittelfristig nicht beantworten lässt.

 

Rabattverträge werden bleiben

 

Ein baldiges Ende der Rabattverträge halten die befragten Experten dennoch für unwahrscheinlich. Lediglich der Geschäftsführer des Branchenverbandes ProGenerika, Hermann Hofmann, hat grundsätzliche Zweifel an der Zukunftsfähigkeit der Rabattverträge. Die Apotheker favorisieren zwar weiterhin Zielpreisvereinbarungen, stellen sich aber auf eine Koexistenz mit den Rabattverträgen ein.

 

Die Rabattverträge sind Ausdruck eines Trends, der auch in diesem Jahr die Arzneimittelversorgung prägen wird: Arzneimittel sollen möglichst noch billiger werden. Naturgemäß sehen hier vor allem die Generikahersteller das Ende der Fahnenstange erreicht. Hofmann gibt sich dennoch keinen Illusionen hin, dass sich die Ertragssituation seiner Verbandsmitglieder in diesem Jahr verbessern wird.

 

Auch die Apotheker halten die eindimensionale Sicht auf die Arzneimittelkosten für falsch. Gemeinsam mit ABDA-Präsident Wolf kündigt die Präsidentin der Bundesapothekerkammer, Magdalene Linz, die Fortsetzung der Qualitätsoffensive an. Nur über die Qualität könne sich die heilberufliche Apotheke von der neuen Konkurrenz absetzen. Den Schwerpunkt ihrer Arbeit sehen die Vertreter der Apothekerschaft naturgemäß in der Arzneimittelversorgung. Gleichzeitig sollen sich die Apotheken aber auch noch stärker als bisher in der Prävention engagieren. Einig sind sich Wolf, Linz und Keller darin, dass die Qualität der Arbeit auch dokumentiert werden muss.

 

Diskrete Beratung als Gegenleistung

 

Die Politik scheint dies in weiten Teilen zu unterstützen. Das zeigt auch die Initiative des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministers Karl-Josef Laumann. Er will den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln über den Bundesrat wieder verbieten. Als Gegenleistung fordert er eine noch bessere und vor allem diskrete Beratung in den Apotheken. ABDA, BAK und DAV setzen sich dafür intensiv ein.

 

Die Arzneimittelpreise treiben auch den pharmazeutischen Großhandel um. Er will in diesem Jahr eine günstigere Honorierung seiner Leistungen erreichen. An preiswerten Medikamenten verdienen die Großhändler heute so gut wie nichts mehr. Vergleichsweise attraktive Margen bei hochpreisigen Arzneimitteln können dies nicht kompensieren, weil hier immer mehr Hersteller dieser Medikamente aus Kostengründen direkt an den Apotheker liefern wollen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist der Großhandel zu einigen Zugeständnissen bereit. Trümper zieht im Gespräch mit der PZ aber auch eine eindeutige Grenze: »Wir sind Händler und keine reinen Logistiker.«

 

Wie ein Damoklesschwert schwebt in diesem Jahr ein Verfahren am Europäischen Gerichtshof (EuGH) über den Apothekern. Die Luxemburger Richter müssen klären, ob das deutsche Fremd- und Mehrbesitzverbot europäischem Recht entspricht. Die ursprünglich vollmundigen Prognosen von Profiteuren einer Deregulierung sind in den vergangenen Monaten deutlich moderater geworden. Tatsächlich kann heute kein Jurist seriös vorhersagen, wie sich der EuGH in dieser Frage entscheiden wird. Eindeutig ist allerdings, dass die Mehrheit der Marktbeteiligten lieber am bewährten System festhalten möchte. Das bekräftigte auch Trümper, der in seinem Verband allerdings einen der offensivsten Kämpfer für eine Deregulierung als Mitglied zählen darf. Entsprechend vage bleibt der Phagro-Chef deshalb in dieser Frage mit Rücksicht auf das Stuttgarter Mitglied.

 

Womöglich wird die Entscheidung des EuGH noch über das Jahresende 2008 hinausziehen. Experten rechnen frühestens zum Jahresende mit einem Richterspruch, womöglich fällt die Entscheidung erst im ersten Halbjahr 2009. Und auch dann wird das Urteil nicht unbedingt direkt umgesetzt wird. Bei einer Deregulierung wird sich die Bundesregierung für ausreichende Übergangsfristen einsetzen. Zudem rechnen nur wenige Experten mit einer vollständigen Deregulierung.

 

Vom Gesetzgeber ist in diesem Jahr nicht allzu viel Ärger zu erwarten. 2008 wird es wohl in erster Linie darum gehen, die Reformorgien der vergangenen Jahre umzusetzen. Zur Jahresmitte soll der Spitzenverband Bund der Krankenkassen seine Arbeit aufnehmen. Er wird in Zukunft die Verträge für alle Krankenkassen aushandeln, auch die mit den Apothekern. DAV-Chef Keller hält Anlaufschwierigkeiten nicht für ausgeschlossen. Unklar ist noch, ob die bisherigen Verträge weitergeführt werden oder alle Vereinbarungen neu ausgehandelt werden müssen.

 

Es wäre verwunderlich, wenn die Mammutbehörde ohne Knirschen ins Rollen käme. Viel Zeit bleibt ihr in jedem Fall nicht, denn zum 1. Januar 2009 sollen alle Krankenkassen einen einheitlichen Beitragssatz erheben. Bis dahin müssen die letzten Schulden der Krankenkassen abgebaut sein. Nicht nur auf die Apotheker wartet in diesem Jahr viel Arbeit.

 

Die Interviews zu diesem Titelbeitrag haben Daniela Biermann, Dr. Uta Grossmann und Daniel Rücker geführt.

ABDA: Der Apotheker muss der Medikationsmanager sein

Die Qualitätsoffensive der Apothekerschaft trägt Früchte. ABDA-Präsident Heinz-Günter wolf ist sich sicher, dass dies zu einem positiven Bild der Apotheker in der Gesellschaft beiträgt. Das ist bei der Diskussion um den Fremdbesitz sehr wichtig.

 

PZ: Das wesentliche Thema aus ABDA-Sicht dürfte in diesem Jahr die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes zum Fremdbesitzverbot sein. Wie bereitet sich die ABDA darauf vor. Können Sie die Entscheidung beeinflussen?

Wolf: Zunächst: Das Thema ist nicht für die ABDA wichtig, sondern für die unabhängige Apotheke und die Versorgung der Deutschen mit Arzneimitteln. Wir können die Entscheidung nicht beeinflussen. Übrigens können das auch nicht diejenigen, die anscheinend längst wissen wollen, wie das Gericht entscheidet. Dass wir uns darauf intensiv vorbereiten, versteht sich von selbst.

 

PZ: Welches Ergebnis erwarten Sie?

Wolf: Das Subsidiaritätsprinzip wird auch beim Besitz von Apotheken weiter gelten. Ich gehe davon aus, dass das Gericht den Unterschied zwischen dem totalen Wettbewerb auf Kosten von Patienten und den Besonderheiten eines Versorgungsmarktes abwägen wird.

 

PZ: Und wenn das Verfahren anders ausgeht?

Wolf: Es gibt keinen Grund, pessimistisch zu sein. Sollte der EuGH anders entscheiden, dann gilt die Zusage der Bundesregierung, in einer Übergangszeit eine neue Regelung zu schaffen, die die flächendeckende Arzneimittelversorgung nicht gefährdet.

 

PZ: Ihr Hauptgegner bei dem Rechtsstreit vor dem EuGH ist Celesio/Gehe. In welcher Form beschäftigt sich die ABDA mit dem Großhändler?

Wolf: Warum sollten wir uns mit den Partikularinteressen eines Konzerns befassen? Celesio/Gehe verfolgen das Ziel, ihren Ertrag zu steigern. Das müssen sie als börsennotiertes Unternehmen auch. Deren Geschäftsinteresse steht unserer Auffassung einer optimalen Arzneimittelversorgung diametral entgegen.

 

PZ: Es gab den Vorwurf, die ABDA stelle sich der öffentlichen Debatte mit Celesio/Gehe nicht, zum Beispiel bei einer Veranstaltung der Grünen.

Wolf: Das ist falsch. Wir beteiligen uns nur nicht daran, das Thema künstlich in den Medien zu halten.

 

PZ: Welche Position die Bevölkerung in dieser Frage einnimmt, hängt nicht unwesentlich davon ab, wie die Gesellschaft die Apotheker sieht. Haben die Apotheker hier alles Machbare getan?

Wolf: Wir legen uns bestimmt nicht selbstzufrieden zurück. Aber der Slogan unserer Kampagne zum Jahreswechsel spricht für sich: »Alles schläft, einer wacht«. Wir haben viel gemacht und einiges erreicht. Das Bild des Apothekers als freier Heilberufler ist in weiten Teilen der Gesellschaft verankert, bei unseren Patienten ohnehin.

 

PZ: Wo gibt es noch Defizite?

Wolf: Was bereits gut ist, werden wir immer noch verbessern können und müssen. Das ist nicht immer nur eine Aufgabe für Kammern, Verbände oder die ABDA, sondern natürlich auch eine Herausforderung für die Apotheke und ihr Team. Natürlich können wir zum Beispiel mehr für den Nachweis und die Dokumentation der Qualität unserer Arbeit tun. Es wäre toll, wenn sich zum Beispiel noch mehr Apotheken zertifizieren.

 

PZ: An welchen Vorgaben orientiert sich die generelle Strategie der ABDA in diesem Jahr?

Wolf: Wir positionieren uns nach unserem Verständnis eines freien Heilberufes. Der Apotheker muss der Medikationsmanager im Gesundheitswesen sein. Er begleitet den Patienten, egal wo er ist, beim Hausarzt, beim Facharzt oder im Versorgungszentrum. Dies erwartet die Gesellschaft von uns, und dies ist deshalb auch der einzig richtige Weg. Den gehen wir weiter.

 

PZ: In diesem Jahr dürfte sich entscheiden, ob der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) mit seiner Initiative Erfolg hat, den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln wieder zu verbieten. Wie sehen Sie die Erfolgschancen?

Wolf: Gut.

 

PZ: Die FDP, in NRW der Koalitionspartner der CDU, hatte bislang einen anderen Ansatz. Sie wollte den Auslöser der Laumann-Initiative, nämlich das dm-Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster zu Rezeptsammelstellen in Drogeriemärkten, individuell lösen.

Wolf: Minister Laumann und die Landesregierung in Düsseldorf haben den Sachverhalt genau geprüft und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass nur ein Verbot des Versandhandels rechtssicher ist. Zum selben Ergebnis kommen auch andere Juristen. Ich gehe davon aus, dass die FDP dies erkennt.

 

PZ: Die Bundesregierung war bislang kein Freund der Laumann-Initiative.

Wolf: Das Bundesgesundheitsministerium äußert sich grundsätzlich nicht zu laufenden Rechtsstreitigkeiten.

 

PZ: Das Bild der Apotheker in der Gesellschaft wird auch davon geprägt, wie Apotheken wahrgenommen werden. Seit dem Markteintritt von DocMorris-Partnerapotheken ist ein deutlicher Trend zu beobachten, dass Kooperationen einen einheitlichen Markenauftritt anstreben. Ist dies sinnvoll?

Wolf: Fallen wir nicht auf das mediale Geklapper rein: Zunächst einmal bestand der Trend bereits vor DocMorris. Trotzdem: Grundsätzlich befürchte ich die McDonaldisierung der öffentlichen Apotheke. Die Bevölkerung will etwas anderes, nämlich den von mächtigen Konzernen unabhängigen freien Heilberufler in seiner Apotheke, also Individualität. Ein uniformer Auftritt widerspricht dem. Das einzige gemeinsame Erkennungszeichen ist das rote Apotheken-A. Und das gilt übrigens heute immer noch: zigtausend Mal in Deutschland.

 

PZ: Um das Hausapothekenmodell ist es zurzeit recht still. Bedeutet dies, dass es nicht so gut läuft oder dass es keine Probleme gibt?

Wolf: Es ist nicht still, es läuft gut, das Modell funktioniert. Nach drei Jahren überarbeiten wir unser Konzept und entwickeln es weiter. Wenn wir diesen Prozess abgeschlossen haben, werden wir das kommunizieren.

 

PZ: Können Sie schon etwas dazu sagen, inwieweit die Prävention in dem neuen Konzept eine Rolle spielt?

Wolf: Primärprävention war schon immer Teil des Integrationsvertrages. Die Bedeutung der Prävention wird grundsätzlich größer.

 

PZ: Seit einigen Monaten tritt die ABDA regelmäßig bei Parteitagen der Bundestagsparteien auf. Was versprechen Sie sich davon?

Wolf: Wir präsentieren die Apotheke und deren Inhalte dort, wo sogenannte Entscheider unterwegs sind. Das sind längst nicht nur Parteitage. Und das ist sehr sinnvoll.

Für uns ergeben sich auf solchen Veranstaltungen immer wieder Möglichkeiten, mit den Spitzenpolitikern, aber eben auch mit den lokalen und regionalen Politikern Gespräche zu führen und sie für unsere Themen zu sensibilisieren. Das ist für uns sehr hilfreich. Und das zeigt übrigens auch, dass wir aktiv sind und Debatten führen - dort, wo sie geführt werden sollten.

Bundesapothekerkammer: Beratung muss an erster Stelle stehen

Wenn die inhabergeführten Apotheken mittelfristig eine Deregulierung der Arzneiversorgung vermeiden wollen, müssen sie besser sein als alle potenziellen Konkurrenten. Die Präsidentin der Bundesapothekerkammer (BAK), Magdalene Linz, ist davon überzeugt, dass für dieses Ziel die BAK-Qualitätsoffensive noch intensiviert werden muss.

 

PZ: Welche Themen werden die Arbeit der Bundesapothekerkammer im kommenden Jahr bestimmen?

Linz: In erster Linie geht es für uns darum, als Heilberuf weiter glaubwürdig zu sein, dazu dient die Fortsetzung der Qualitätsoffensive. An zweiter Stelle sehe ich die Apothekenbetriebsordnung. Der Entwurf wird wahrscheinlich im ersten Quartal 2008 vorgestellt. Dann folgen die Bewertung von Arzneimitteln und die Versorgungsforschung sowie die Prävention.

 

PZ: Das wichtigste Instrument für die Qualitätssicherung sind die Pseudo-Customer-Programme. Sind Sie mit deren Verlauf zufrieden?

Linz: Ja, vor allem die wiederholten unangemeldeten Tests sind sehr effektiv. Sie führen zu einer klar besseren Beratungsqualität. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung aus Sachsen ganz deutlich. Erfreulich ist dabei, dass vor allem diejenigen, die beim ersten Mal schlecht abgeschnitten haben, sich im weiteren Verlauf am deutlichsten verbessern.

 

PZ: Ist und bleibt die Beratung das zentrale Thema der Qualitätsoffensive?

Linz: Eindeutig ja. Mit der Beratung treten wir am stärksten an die Öffentlichkeit. Hier erleben die Patienten die Qualität unserer Arbeit unmittelbar. Sie wird deshalb auch von Politik und Medien am stärksten beobachtet. Die Beratung muss bei uns an erster Stelle stehen.

Wichtig sind aber auch die Ringversuche, mit denen wir die Qualität von Rezepturen verbessern. Auch hier kommen wir deutlich voran. Apotheken, in denen Rezepturen mehrfach überprüft wurden, verbessern sich auf diesem Gebiet deutlich.

 

PZ: Wenn die Medien Recht haben, gibt es in den Apotheken dennoch einiges zu verbessern. Zeichnen sie ein richtiges Bild?

Linz: Nein. Die Beratung ist sicherlich besser als sie gemacht wird. Natürlich haben alle Medien eine Neigung zu Negativmeldungen. Deshalb stellen sie unsere Leistungen eher zu schlecht da. Richtig ist aber auch, dass es insgesamt noch Verbesserungsbedarf gibt.

 

PZ: Was sollte das Ziel sein?

Linz: In den Köpfen aller Apothekenmitarbeiter muss verankert werden, dass jeder Patient einen Anspruch auf Beratung hat. Das ist nicht zu viel verlangt. Eine gute Beratung muss nicht länger als zwei Minuten dauern. So viel Zeit muss für den einzelnen zur Verfügung stehen. Es darf aber keinen Beratungszwang geben.

 

PZ: Wie nimmt die Politik die Qualitätsoffensive wahr? Kommt dort das Engagement der Apotheker an?

Linz: Auf jeden Fall. Die Signale aus der Politik sind absolut positiv, angefangen von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt über den nordrhein-westfälischen Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann. Es ist für mich ganz klar, dass wir uns nur über die Qualität unserer Arbeit profilieren können.

Wie wichtig das Thema Qualität ist, sehen Sie übrigens auch daran, dass auch diejenigen, die früher nur auf billig gemacht haben, nun stärker Dienstleistungen anbieten und mehr Qualität versprechen. Das gilt auch für DocMorris. Mit unserer Qualitätsoffensive können wir also nicht so falsch liegen.

 

PZ: Der Name Laumann ist das richtige Stichwort für einen weiteren Teil der Qualitätsoffensive: Die diskrete Beratung. Ist dies heute schon in jeder Apotheke selbstverständlich?

Linz: Immer mehr Kollegen nehmen diesen Ball auf. Gerade beim Umbau einer Apotheke oder einer Neueröffnung. Hier wird häufig die Möglichkeit für eine diskrete Beratung geschaffen, etwa mit Sitzplätzen oder Einzeltischen. Es gibt aber leider noch einzelne Kollegen, die dies nicht einsehen und öffentlich die diskrete Beratung infrage stellen. Das ist absolut kontraproduktiv. Diskrete Beratung steht seit mehr als zehn Jahren in der Apothekenbetriebsordnung. Patientenvertreter nehmen Diskretion in der Apotheke übrigens auch sehr ernst und halten sie noch für verbesserungswürdig.

 

PZ: Die Apothekenbetriebsordnung wird zurzeit im Bundesgesundheitsministerium komplett neu geschrieben. Erwarten Sie, dass es neue konkrete Vorgaben für eine diskrete Beratung geben wird?

Linz: Der Entwurf liegt uns noch nicht vor. Wir rechnen jetzt erst im Frühjahr damit. Deshalb kann ich nur Vermutungen anstellen. Da sich die neue Betriebsordnung sehr eingehend mit der Qualität in der Beratung befassen wird, halte ich es zumindest für denkbar, dass der Gesetzgeber seine Vorstellungen zur diskreten Beratung konkret fassen wird.

 

PZ: Ist dies richtig?

Linz: Ich denke, die Kollegen brauchen einen weiten Spielraum, da sich die räumlichen Gegebenheiten in den Apotheken deutlich voneinander unterscheiden. Ich möchte aber nicht ausschließen, dass die Vorgaben enger sind, als wir uns dies wünschen.

 

PZ: Im Herbst hatte es einige Irritationen wegen des Entwurfes zur Apothekenbetriebsordnung gegeben. Es wurde befürchtet, die Mindestgröße, die Labor- und Rezepturpflicht würden in Kann-Regelungen umgewandelt. Dies hätte der Qualität der Versorgung geschadet und außerdem die Hürden für einen Markteintritt externer Interessenten nach einer möglichen Liberalisierung deutlich gesenkt. Sind diese Spekulationen vom Tisch?

Linz: Ja. Ich gehe davon aus, dass es verpflichtende Regelungen geben wird. Das gilt übrigens auch für die Qualitätssicherung in der Beratung.

 

PZ: Wenn es der Qualität dient, müsste Ihnen das recht sein.

Linz: Ja, es darf aber unsere Arbeit nicht noch bürokratischer machen.

 

PZ: Können Sie sich vorstellen, dass die Überprüfung der Qualität verpflichtend wird und sich jede Apotheke an Beratungs-Checks und Ringversuchen beteiligen muss?

Linz: Ich halte das sogar für wahrscheinlich.

 

PZ: Als weitere Aufgabe dieses Jahres haben Sie die Bewertung von Arzneimitteln genannt. Was müssen wir uns darunter vorstellen?

Linz: Wir müssen die Apotheke in die Lage versetzen, gute von weniger guten Arzneimitteln unterscheiden zu können. Da denken wir über unabhängige Institutionen nach, die uns dabei helfen. Das könnte zum Beispiel eine Stiftung sein. Einen entsprechenden Antrag hat es bereits beim Deutschen Apothekertag gegeben.

Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Kammern Fortbildungen anbieten, die es den Apothekern erleichtern, Arzneimittel selbst zu bewerten. Solche Fähigkeiten erhöhen auch den Mehrwert der Apotheke. Außerdem müssen wir uns öffentlich stärker in den Institutionen der Arzneimittelsicherheit engagieren. Ich denke dabei an die von Ulla Schmidt auf den Weg gebrachten Arzneimittelsicherheitssysteme, zum Beispiel das Forum für Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS). Das gilt übrigens auch für die Versorgungsforschung. Hier könnte ich mir eine Erweiterung der Apothekensoftware vorstellen, die dokumentiert, wie der Apotheker täglich zu einer besseren Arzneimittelversorgung beiträgt, etwa wenn er Doppelversordnungen, Medikationsfehler oder Interaktionen entdeckt. Die Dokumentation müsste ohne viel Mehraufwand im Hintergrund diese Fälle erfassen, ohne den Apothekenalltag zu belasten. In Nordrhein und Bayern gibt es bereits kleinere Modellversuche dazu.

 

PZ: Prävention ist eines der großen Themen von Ulla Schmidt. Wie können sich die Apotheker hier stärker engagieren?

Linz: Es gibt zwei Ansätze. Zum einen in der Primärprävention, etwa bei bundesweiten Screening-Aktionen zur Diabetikererkennung. Das geht niederschwellig in allen Apotheken. Darüber hinaus werden wir uns aber sicher auch in der Sekundärprävention stärker engagieren müssen. Das wird nicht in allen Apotheken funktionieren, muss es auch nicht. Wir sollten uns aber als Berufsstand auch in diesem Feld engagieren.

Wir müssen von der Politik und den Krankenkassen als wichtiger Partner in der Prävention wahrgenommen werden. Ansonsten fallen wir durchs Netz. Das sieht man bereits beim Präventionsgesetz, in dem wir bislang überhaupt nicht erwähnt werden. Klar ist aber auch, dass so umfangreiche Aufgaben, wie sie in der Sekundärprävention anfallen, nicht kostenlos erbracht werden können. Hier muss es Möglichkeiten der Abrechnung geben.

 

PZ: Wenn sich Apotheker in der Prävention engagieren, dann werden die Ärzte schnell skeptisch. Setzen Sie bei Ihrem Vorgehen immer auf den Konsens mit den Ärzten oder gibt es einen Punkt, an dem die Apotheker auf die Befindlichkeit der Ärzte keine Rücksicht mehr nehmen können?

Linz: In der Primärprävention sehe ich keine Probleme. Hier haben die Ärzte erkannt, dass wir das niederschwelligste Angebot bieten, dass zahlreiche Diabetiker oder Hypertoniker gar nicht erkannt würden, wenn wir sie nicht entdeckten.

In der Sekundärprävention sieht es schon anders aus. Natürlich sind wir auch hier um einen Konsens mit den Ärzten bemüht. Es gibt aber auch Grenzen in der Harmonie. Wir werden sicherlich das tun, was wir für richtig halten und nicht bei jedem Schritt die Ärzte fragen, ob wir dies denn auch dürfen.

Deutscher Apothekerverband: Die Nebelzone wird bleiben

Die Rabattverträge haben den Deutschen Apothekerverband (DAV) im vergangenen Jahr stark beschäftigt. Das wird sich in diesem Jahr nicht ändern, glaubt der Vorsitzende Hermann S. Keller. Das große Chaos zu Jahresbeginn dürfte zwar ausbleiben, die Transparenz der Arzneimittelausgaben geht dagegen jedoch langfristig verloren.

 

PZ: Am 1. Januar starten die neuen AOK-Rabattverträge. Können sich die Probleme aus dem Vorjahr wiederholen.

Keller: Es wird weniger Probleme geben. Wir haben jetzt erst einmal 22 neue Wirkstoffe. Im Gegensatz zu den Verträgen der ersten Runde hat die AOK diesmal mindestens drei Hersteller pro Wirkstoff. Zudem sind die großen Generikahersteller mit dabei. Die Lieferfähigkeit dürfte damit weitgehend sichergestellt sein.

Was bleibt, ist natürlich der Mehraufwand in der Apotheke bei der Umstellung der Patienten, der bisher den Apotheken nicht vergütet wird. Hier sind wir in Gesprächen mit der AOK. Wir konnten eine vernünftige Übergangsregelung für den Abverkauf der Restposten aus der ersten Tranche aushandeln.

 

PZ: Heute gibt es vor allem zwei Arten von Rabattverträgen. Die einen beziehen sich auf Wirkstoffe, die anderen auf das gesamte Sortiment eines Herstellers. Wird sich eine der beiden Varianten durchsetzen?

Keller: Das ist eine Frage der Philosophie. Dr. Hermann von der AOK setzt auf Wirkstoffverträge, die meisten anderen Kassen auf Sortimentsverträge. Wir wissen nicht, welche Kasse wie viel spart. Deshalb können wir auch nicht sagen, welche Variante vorteilhafter ist. Für die Apotheken sind Sortimentsverträge einfacher zu handhaben.

 

PZ: Mehr Transparenz bei den Rabattverträgen ist eine nicht ganz neue Forderung der Apotheker. Sehen Sie hier Licht am Ende des Tunnels?

Keller: Nicht wirklich. Das Bundesministerium hat uns mitgeteilt, die Ersparnisse aus den Rabattverträgen würden nicht extra verbucht. Sie laufen unter dem Posten »Einnahmen der Krankenkassen« mit. Das ist schade, denn nun sind die tatsächlichen Arzneimittelausgaben der Krankenkassen nicht mehr zu ermitteln.

 

PZ: Wie gehen ABDA und DAV damit um?

Keller: Wir weisen bei jeder Veröffentlichung der Arzneimittelausgaben darauf hin, dass diese Angaben die tatsächlichen Kosten nicht korrekt wiedergeben. Wenn die Kassen von Ausgabensteigerungen sprechen, dann machen wir deutlich, dass erst noch die Rabatte abgezogen werden müssen. Die Nebelzone wird bleiben.

 

PZ: Es hat den Anschein, dass die Kassen mit ihren Rabattverträgen zufrieden sind. Wie beurteilen Sie die Chancen der Apotheker, die Zielpreisvereinbarungen voranzubringen?

Keller: Hier mahlen die Mühlen langsam, aber sie mahlen immerhin weiter. Auch Dr. Hermann hat mittlerweile zur Kenntnis genommen, dass es Alternativen zu den Rabattverträgen gibt und diese sofort umgesetzt werden könnten.

In einigen Bundesländern sind wir mit den Zielpreisen gut vorangekommen. In Rheinland-Pfalz verhandeln wir zurzeit die zweite Runde. Wir haben im Arzneimittel-Rahmenvertrag festgeschrieben, dass landesweite Zielpreisvereinbarungen gegenüber Rabattverträgen Vorrang haben. Das ist ein großer Schritt. Wir bieten nun auch allen AOKs offensiv an, auf Zielpreise umzusteigen, wenn sie mit ihren ausgeschriebenen Wirkstoffen Schiffbruch erleiden.

 

PZ: Wie wird sich die Hilfsmittelversorgung in diesem Jahr entwickeln? Die Kassen können und sollen diese nun auch per Ausschreibung regeln. Haben die Apotheker dann noch eine Chance?

Keller: Zuerst müssen wir einmal festhalten, dass 2008 die Apotheken mit Abgabeberechtigung weiter an der Hilfsmittelversorgung teilnehmen. Es stimmt, dass die Kassen nun die Versorgung auch ausschreiben dürfen. Erste Testausschreibungen hat es bereits gegeben. Einige sind auch schon gestoppt worden, weil sie nicht funktionieren.

Wie es jetzt weitergeht, muss man abwarten. Wir sind davon überzeugt, dass die Apotheken für die Hilfsmittelversorgung notwendig sind. Nur die Apotheker können Flächendeckung garantieren. Die Kassen werden dies erkennen, wenn sie auf ihre Ausschreibungen keine vernünftigen Angebote bekommen.

 

PZ: Sollen sich die Apotheker an den Ausschreibungen beteiligen?

Keller: Das ist schwierig. Die Ausschreibung ist juristisch komplex. Es muss eine Bietergemeinschaft gegründet werden, die daran teilnimmt. Die Angebote müssen zudem für einzelne Produkte (=Lose) abgegeben werden. Dabei kann es passieren, dass man für eine unattraktive Produktgruppe den Zuschlag bekommt, für die attraktivere dagegen nicht. Das kann schnell ein ökonomisches Problem werden.

 

PZ: Können Sie sich vorstellen, dass Apotheker gemeinsam mit Sanitätshäusern eine Bietergemeinschaft bilden?

Keller: Völlig ausgeschlossen ist dies nicht, aber ich denke, eine solche Kooperation dürfte eine absolute Ausnahme sein.

 

PZ: Kooperation ist ein Thema, dass wir auch noch unter einem anderen Aspekt ansprechen wollten. Wie ist denn das Verhältnis der Apothekerverbände zu den Apothekerkooperationen?

Keller: Das Nebeneinander zwischen Kooperationen und Verbänden funktioniert in der Regel. Die Aufgaben sind ja auch ganz unterschiedlich. Die Kooperationen kümmern sich um betriebswirtschaftliche Themen, etwa die Optimierung der Freiwahl, den Einkauf oder gemeinsame Marketingaktionen. Das können die Verbände neben allen politischen Aufgaben nicht optimal leisten. Insofern kann die Mitgliedschaft in einer Kooperation sinnvoll sein.

Jeder Apotheker muss sich natürlich fragen, was er von der Kooperation bekommt und wie viel er dafür bezahlen muss. Hier scheint mir das Verhältnis von Kosten und Nutzen nicht immer zu stimmen. Dies muss aber jeder Apotheker für sich entscheiden.

 

PZ: Was halten Sie davon, wenn Apothekerkooperationen wie Parmapharm und der MVDA, Verträge mit Krankenkassen machen?

Keller: Das SGB V sieht vor, dass Krankenkassen mit einzelnen Leistungserbringern Verträge abschließen dürfen. Bislang geht es dabei um mehr Service für den Patienten und um Kopien unseres BEK Hausarztvertrages.

 

PZ: Die AOK Baden-Württemberg hat jetzt die hausärztliche Versorgung an den Kassenärztlichen Vereinigungen vorbei ausgeschrieben. Ist dies auch für die Arzneimittelversorgung denkbar?

Keller: Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass die Ausschreibung funktionieren wird. Das ist für alle Neuland. Wir werden bei dieser Aktion genau beobachten, was dabei herauskommt. Denn im Prinzip kommt alles Neue auf Ärzteebene später auch auf die Apotheker zu. Im Moment sehe ich dabei noch keine große Gefahr

 

PZ: In diesem Jahr startet zum 1. Juni der Spitzenverband Bund. Was bedeutet dies für die Apothekerverbände?

Keller: Das wird eine große Herausforderung für uns. Wir haben dann auf Bundesebene nur noch einen Verhandlungspartner. Es sind neue Gesichter dabei, aber auch viele bekannte. Wir werden sehen, ob nun alle Verträge neu verhandelt werden müssen oder die alten übernommen werden. In jedem Fall ist dies eine große Aufgabe für uns.

 

PZ: Was steht noch an in diesem Jahr?

Keller: Im Jahr 2009 wird der Kassenrabatt neu festgelegt. Wir werden in 2008 die Lage sondieren und die ersten Gespräche mit den Krankenkassen führen. Wir werden die Zahlen genau analysieren und mit den entsprechenden Forderungen in die Verhandlungen gehen.

 

PZ: Rechnen Sie mit Aktivitäten der Bundesregierung bei der Arzneimittelversorgung?

Keller: Wir gehen davon aus, dass sich vor der Bundestagswahl nichts mehr tut und das wir hier Ruhe haben, um uns mit den anderen Herausforderungen zu beschäftigen.

Pharmazeutischer Großhandel: Wir sind ein leistungsfähiger Partner

Den Start der neuen AOK-Rabattverträge sieht der Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels (Phagro) gelassen. Sorgen bereitet jedoch die Direktbelieferung. Der Verbands-Vorsitzende und Anzag-Chef Dr. Thomas Trümper sieht die Unabhängigkeit von Großhandel und Apotheken gefährdet.

 

PZ: Im Januar sollen die neuen AOK-Rabattverträge in Kraft treten. Wird es diesmal besser laufen?

Trümper: Im Oktober 2007 hat der AOK-Verhandlungsführer, Dr. Christopher Hermann, auf Einladung des Phagro eine Pharma-Großhandlung besucht und war sehr überrascht, als er sah, was eigentlich Arzneimitteldistribution heißt. Ich denke, er hat verstanden, wie aufwendig und komplex diese Prozesse sind und warum wir auf eine frühzeitige Einbeziehung bei den Rabattverträgen Wert legen.

 

PZ: Was bedeutet das?

Trümper: Hermann hat Wort gehalten und uns über die Inhalte der neuen Rabattverträge frühzeitig informiert. So können wir uns in der Beschaffung und Lagerhaltung besser auf das einstellen, was kommt. Bei den ersten Rabattverträgen konnte sich kein Großhändler entsprechend bevorraten, da die Hersteller uns keine Informationen gegeben haben. Dagegen hatten wir erwartet, dass wir den Vorrat langsam aufbauen können und die Hersteller uns wirtschaftlich entgegenkommen, beispielsweise durch verzögerte Zahlungstermine. Wir haben ein partnerschaftliches Miteinander erwartet, das wir bei keinem der AOK-Vertragspartner gefunden haben.

 

PZ: Kam es deshalb zu Lieferschwierigkeiten?

Trümper: Wir waren unsicher, welche Mengen wir bevorraten müssen, die wir wirtschaftlich vertreten können. Das hat dazu geführt, dass wir innerhalb der ersten Woche ausverkauft waren. Die Hersteller haben zwar gesagt, sie wären lieferfähig, aber die Liefermengen waren im Großhandel nicht vorhanden. Wenn man sieht, was wir für Warenmengen bewegen, wird der Unterschied klar. Das sieht auch jetzt Hermann ein. Die Aussage, der Hersteller kann liefern, heißt noch lange nicht, dass die Ware in der Apotheke verfügbar ist.

 

PZ: Gibt es diesmal eine Bedarfsplanung oder hält der Großhandel sich an Erfahrungswerte?

Trümper: Es gibt keine Bedarfsplanung, aber die AOK hat sehr früh darüber informiert, mit wem sie über welche Artikel Verträge abgeschlossen hat. So können wir uns frühzeitig darauf einstellen. Außerdem haben wir Hermann darum gebeten, die Hersteller darauf hinzuweisen, dass sie uns entgegenkommen müssen. Es läuft diesmal etwas besser.

 

PZ: Noch ist für 61 Medikamente unklar, ob die AOK sie rechtzeitig genehmigt bekommt. Wie lang braucht der Großhandel von der anstehenden Gerichtsentscheidung bis die Waren in den Apotheken verfügbar sind?

Trümper: Das hängt von der Lieferfähigkeit des Herstellers ab und wie hoch seine Produktion ist. Ein Vorlauf von sechs bis acht Wochen wäre für uns realistisch und ich glaube, unser Gesundheitssystem wird nicht untergehen, wenn die Verträge zwei oder drei Monate später in Kraft treten. Besser ist es doch, den Markt vernünftig aufzubauen und dann auch lieferfähig zu sein. Dem Patienten und den Apotheken erspart das viel Ärger.

 

PZ: Die AOK lässt jedoch verlauten, dass sie wie angekündigt anfangen will.

Trümper: Solche Aussagen sind eher politisch motiviert. Wir verstehen diesen Zeitdruck nicht. Nach unserem sehr guten Gespräch mit der AOK sieht sie uns mittlerweile als Helfer in der Versorgung und die Verantwortlichen wissen, dass eine gute Versorgung eine gute Vorbereitung braucht. Es liegt nicht in unserem Interesse, die Rabattverträge zu boykottieren. Wir sind Händler und unser Geschäft ist es zu verkaufen. Wenn unsere Kunden, also die Apotheker, sich beschweren, dass wir nicht liefern können, versuchen wir alles, um Ware zu bekommen.

 

PZ: Das Direktgeschäft der Hersteller mit den Apotheken nimmt weiter zu. Vor allem bei teuren Medikamenten wird der Großhandel immer häufiger umgangen. Wie wollen Sie darauf reagieren?

Trümper: Das ist eine bedrohliche Entwicklung. Unser Distributionssystem basiert auf einer Mischkalkulation. Der Markt wird vom Umsatz teurer Artikel bestimmt. Deren Spanne finanziert die preiswerten Artikel mit. Das ist so impliziert in der Arzneimittelpreisverordnung. Der Direktvertrieb entzieht dem pharmazeutischen Großhandel die lukrativen Margen. Wir sind nicht mehr in der Lage, die preiswerten Artikel auszuliefern. Bemühungen wie Senkung der Festbeträge, Zuzahlungsbefreiungen und auch die AOK-Rabattverträge laufen ins Leere, da die Industrie diese Politik boykottieren wird. Es besteht dringender politischer Handlungsbedarf, die Arzneimittelpreisverordnung zu ändern. Wir haben Signale aus dem Bundesgesundheitsministerium, dass ein gewisses Verständnis vorhanden ist und man uns entgegenkommt.

 

PZ: Welche Änderungen stellt sich der Großhandel vor?

Trümper: Da der Hersteller nur den einheitlichen Abgabepreis berechnen darf, unabhängig davon, ob er an den Großhandel oder direkt an die Apotheke liefert, ist ein Ungleichgewicht entstanden. Im selbst festgelegten Preis kann der Hersteller Logistikkosten einrechnen. Diese braucht er beim Verkauf an den Großhandel nicht, doch wir müssen sie noch aufschlagen. Dieses System ist nicht stimmig. Die Arzneimittelpreisverordnung muss künftig so aufgebaut werden, dass der Großhandels-Verkaufspreis dem Abgabepreis des Herstellers wieder gleichgestellt wird.

 

PZ: Denken Sie, dass der Direktvertrieb weiter zunehmen wird?

Trümper: Der Direktvertrieb funktioniert solange, wie die Industrie nur einzelne Packungen distribuiert. Im größeren Maßstab ist sie nicht in der Lage, den Service des pharmazeutischen Großhandels zu bieten. Dem Hersteller fehlt der logistische Hintergrund. Und diesen aufzubauen wäre nicht sinnvoll. Der Großhandel übernimmt eine Bündel- oder Trichterfunktion. Wir haben im Laufe der Jahrzehnte ein System entwickelt, in dem ein Minimum an Transaktionen stattfindet. Jedes Herausziehen eines Produkts erhöht die Anzahl der Transaktionen und verteuert das System insgesamt.

 

PZ: Können sich die Großhändler vorstellen, als reiner Logistiker aufzutreten?

Trümper: Wir sind in erster Linie Händler. Im Handel liegt ein gesunder Wettbewerb, der dem Apotheker und dem Markt zugute kommt. Die Apotheke ist darauf angewiesen, dass der Großhandel schnell nachliefert.

Der Phagro hat einigen Herstellern ein Modell vorgeschlagen, bei dem der Kaufprozess etwas verzögert ist: Der Hersteller bleibt Eigentümer der Ware, bis die Apotheke sie beim Großhändler bestellt. Der Hersteller erhält auf diesem Wege Transparenz, dass seine Ware in Deutschland verbleibt. Wenn er Eigentümer bleibt, bis die Ware in der Apotheke ist, würde der Großhändler zum reinen Logistiker degradiert. Dabei besteht eine große Gefahr für die Apotheken und die Politik, dass sie abhängig von der Großindustrie werden.

 

PZ: Stichwort Fremd- und Mehrbesitz: Belastet die unterschiedliche Sicht mancher Großhändler das Verhältnis im Phagro?

Trümper: Nein, wir haben uns klar ausgesprochen. Das betroffene Mitglied hat sich klar zu den Zielen des Phagro bekannt. Wir wollen die selbstständige Apotheke unterstützen.

 

PZ: Im Moment bewegt sich der Markt. Manche Apotheker profitieren zurzeit davon. Kann das noch längere Zeit so weitergehen?

Trümper: Die Konditionstreiberei ist für den Einzelnen sicherlich positiv. Doch zerstört sie die Leistungsfähigkeit des Großhandels. Wir sind an einen Punkt gekommen, an dem wir mit dem, was wir erwirtschaften, den Service nicht mehr halten können. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder muss der Großhandel seine Leistungen einschränken. Dann ist ungewiss, woher die Apotheke die preiswerten Produkte bekommt. Oder die heutigen Konditionen können nicht mehr gehalten werden.

 

PZ: Denken Sie, dass die Apotheker dafür Verständnis haben?

Trümper: Viele Apotheker versuchen, gute Konditionen auszuhandeln, sehen aber auch, dass der Großhandel sein Auskommen haben muss, um leistungsfähiger Partner zu bleiben. Es gibt viele sehr verständnisvolle Apotheker.

 

PZ: Falls das Fremd- und Mehrbesitzverbot fällt, wollen einige Drogisten ihren eigenen Großhandel aufbauen. Sehen Sie diese mögliche Konkurrenz als echte Bedrohung?

Trümper: Sollte das Fremdbesitzverbot fallen, besteht in diesen Organisationsformen sicherlich eine Gefahr für den Apothekenmarkt und auch für den Großhandel. Wenn Drogisten sich aber richtig mit dem Markt beschäftigen, werden sie sehen, dass eine eigene Logistik sie wahrscheinlich mehr Geld kostet, als wenn sie sich am freien Markt bedienen. Wir sehen das am Beispiel der USA. Dort beziehen viele Ketten ihre Ware beim pharmazeutischen Großhandel.

 

PZ: Bekämen Sie nicht ein Loyalitätsproblem mit den Apothekern, wenn Sie Ketten belieferten?

Trümper: Wenn der Großhändler seine eigene Kette aufbauen würde, dann ja. Deswegen sprechen wir uns deutlich für den selbstständigen Apotheker aus. Das Loyalitätsproblem ist aber nicht gegeben, wenn wir eine Kette beliefern. Heute beliefert der pharmazeutische Großhandel zum Beispiel auch Versandapotheken. Denn jeder hat das Recht, beliefert zu werden. Als Großhändler dürfen wir uns nicht verschließen, sonst kann derjenige die Belieferung erzwingen.

Pro Generika: Unternehmen im Zangengriff

Hermann Hofmann blickt mit angespannter Erwartung ins neue Jahr. Er ist erster Geschäftsführer von Pro Generika. Der in Berlin ansässige Verband hat 18 Mitglieder. Das sind 90 Prozent der Hersteller, die ausdrücklich als Generikaunternehmen auftreten.

 

PZ: Herr Hofmann, konnten Sie in der Silvesternacht fröhlich feiern oder graut Ihnen vor dem, was da 2008 auf Sie zukommt?

Hofmann: Persönlich habe ich freudvoll gefeiert, beruflich dagegen schaue ich mit einer gewissen gespannten und angespannten Erwartung ins neue Jahr.

 

PZ: Eine von Pro Generika in Auftrag gegebene Studie vom Juni 2005 analysiert den Generikamarkt in Deutschland. Eine der Kernaussagen: Deutschland ist mit fünf Milliarden Euro Umsatz zweitgrößter Generikamarkt weltweit. Fünf deutsche Hersteller gehören zu den international führenden zehn Generikaunternehmen. Treffen diese Aussagen heute, über zwei Jahre später, noch zu?

Hofmann: Ja, im Grundsatz schon. Dabei muss man aber sehen, dass das Wachstum dieser Unternehmen in anderen Märkten generiert wird, nicht unbedingt im deutschen Heimatmarkt.

 

PZ: Ihre Prognose, bitte: Wie wird sich der deutsche Generikamarkt 2008 verändern?

Hofmann: Wir haben größere Unsicherheiten als je zuvor, weil die Rahmenbedingungen unklar und unsicher sind. Positiv ist zunächst, dass wir Hersteller haben, die extrem leistungsfähig sind und auch sehr komplexe Arzneimittel als Generika auf den Markt bringen können, insbesondere im Bereich der biotechnologisch hergestellten Produkte. Großes Wachstumspotenzial für die Unternehmen; hohe Einsparpotenziale für die Kassen - soweit die Theorie. Die Praxis sieht leider so aus, dass die Unternehmen zu überlegen beginnen, ob sie diese Produkte in Deutschland überhaupt noch vermarkten sollen, denn die Erlössituation ist leider negativ. Im Jahr nach dem am 1. Mai 2006 in Kraft getretenen Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz (AVWG) erlebten wir Preissenkungen von 31 Prozent. Durch die Rabattverträge hat sich die Lage zusätzlich verschlechtert. In der Generikaindustrie warnen derzeit viele vor dem Beispiel Großbritannien: Dort werden viele Arzneimittel als Generika nicht mehr angeboten.

 

PZ: Sie weisen gern darauf hin, dass Arzneimittel ohne Generika-Konkurrenz ein Drittel der verordneten Packungen ausmachen, aber zwei Drittel der Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen. Was muss der Gesetzgeber tun, damit die Generikahersteller nicht mehr benachteiligt werden?

Hofmann: Die große Koalition hat sich ja mit einem fast paranoid anmutenden Eifer auf das Generikasegment gestürzt. Die Generikahersteller haben den Krankenkassen 2007 fünf Milliarden Euro gespart, und trotzdem steigen die Arzneimittelausgaben. Wir haben eine Reihe von nebeneinander herlaufenden, sich zum Teil widersprechenden Regelungen wie Festbeträge, Zwangsrabatte und Rabattverträge, die alle zusammen ein diabolisches System ergeben, das einen Abwärtssog verursacht. Das muss beseitigt werden. Der Gesetzgeber müsste endlich einmal den Mut haben, klar zu entscheiden, ob er weiter Kostendämpfungsinstrumente forcieren oder auf Wettbewerb setzen will. Der Zangengriff von beidem, Überregulierung und Vertragswettbewerb, schnürt den Unternehmen die Luft ab.

 

PZ: Spielen Sie doch für uns einmal Wahrsager: Wie werden sich die Arzneimittelpreise 2008 entwickeln?

Hofmann: Es gibt keine Hinweise darauf, dass der harte Preiswettbewerb im Generikamarkt gemildert wird. Wir haben seit Jahresbeginn neue Festbeträge. Und möglicherweise steht uns zusätzlich eine gravierende Anpassung bestehender Festbeträge nach unten ins Haus. Ich rechne damit, dass der Absatz sich auch im neuen Jahr positiv, die Erlössituation aber weiter negativ entwickelt, weil das Preisniveau weiter sinkt.

 

PZ: Ihre Vorhersage zum Thema Mehrwertsteuer. Wird es 2008 eine politische Mehrheit für eine Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Arzneimittel auf sieben Prozent geben?

Hofmann: Die Mehrwertsteuer wird wider alle Vernunft nicht abgesenkt werden. Wir unterstützen die Forderung nach wie vor, aber Sie wissen ja: Wenn der Finanzminister ins Spiel kommt, wird es schwierig bis unmöglich.

 

PZ: Sind Rabattverträge ein zukunftsfähiges Modell?

Hofmann: So, wie sie jetzt gehandhabt werden: Nein. Wir sind mit diesen Vertragsmodellen in einer Übergangsphase. Momentan steht der Aufwand für die Krankenkassen, und im Übrigen auch der in den Apotheken, in keinem Verhältnis zum Ertrag. Und die Vorgaben der Gerichte erhöhen den Aufwand der Kassen weiter. Ich bin sehr für dezentrale, vertragliche Lösungen und die Industrie ist auch bereit, ihre Kostenverantwortung wahrzunehmen, aber da müssen wir zusammen mit den Kassen nach neuen Wegen suchen.

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