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Neonatologie
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Arzneimittel für Früh- und Neugeborene

Die medizinische Versorgung von Früh- und Neugeborenen zählt zu den komplexesten Aufgaben in der Pädiatrie. Frühzeitiger Therapiebeginn, rationale und sichere Arzneimitteltherapie sowie fundierte Beratung der Eltern und Pflegenden sind essenziell. Eine Herausforderung.
AutorKontaktJulia Haering-Zahn
AutorKontaktAntje Neubert
AutorKontaktMarlene Anna Wagner
Datum 05.10.2025  08:00 Uhr

Virale Infektionen

Auch virale Infektionen sind gefürchtet in der Neonatologie. Frühgeborene sind besonders gefährdet, da die transplazentare Übertragung von IgG-Antikörpern erst gegen Ende der Schwangerschaft ihren Höhepunkt erreicht (53). Virale Infektionen werden nach dem Zeitpunkt der Übertragung in ­pränatale, perinatale und postnatale Infektionen eingeteilt.

Bei pränatalen Infektionen kommt es zur Virusübertragung von der Mutter auf den Fetus während der Schwangerschaft (kongenital) (53). Mit einer Prävalenz von etwa 1 Prozent ist die kongenitale Infektion mit dem Cytomegalievirus (CMV) weltweit am häufigsten (54). Eine intrauterin übertragene CMV-Infektion verläuft beim Fetus meistens asymptomatisch, kann jedoch auch zu Mikrozephalie, niedrigem Geburtsgewicht, Hepatomegalie oder neurologischen Störungen führen. Eine postnatale CMV-Infektion über die Muttermilch der erkrankten Mutter ist ebenfalls möglich, wenn auch seltener. Die Behandlung einer fetalen CMV-Infek­tion wird nicht empfohlen (55). Zur symptomatischen Behandlung der Neugeborenen stehen die Nukleosid­analoga Ganciclovir und Valganciclovir (beide off Label) zur Verfügung (31, 53, 55, 56).

Perinatale Infektionen werden während des Geburtsvorgangs von der Mutter auf das Neugeborene übertragen (53). Eine Infektion mit Herpes-simplex-Viren (HSV) beim Neugeborenen löst klassische Symptome wie Haut­läsionen und neurologische Störungen, aber auch unspezifische Symptome wie Fieber und Schwäche aus (57). Der Therapiestandard besteht aus hoch ­dosiertem Aciclovir (60 mg/kg KG, zugelassen), je nach Symptomatik über 14 bis 21 Tage (58, 59).

Die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung des humanen Immundefizienz-Virus (HIV) von einer HIV-positiven Mutter auf ihr Kind während Schwangerschaft, Geburt oder Stillzeit liegt ohne Intervention bei etwa 13 Prozent (60). Eine HIV-Transmissions­prophylaxe kann das perinatale Risiko reduzieren. Abhängig von der Viruslast der Mutter erhält das Kind eine intrapartale (­während der Geburt) oder postpartale (nach der Geburt) Expositionsprophylaxe, zum Beispiel mit Zidovudin oder Nevirapin (61).

Postnatale Infektionen werden nach der Geburt im stationären oder ambulanten Setting erworben. Gefürchtet bei Neugeborenen ist das humane re­spiratorische Syncytial-Virus (RSV). Die Atemwegserkrankung äußert sich mit Schnupfen, Husten und Fieber. Bei schweren Verläufen können zusätzlich Lethargie, Atemnot und Lungenentzündungen auftreten (62).

Um dies zu vermeiden, empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) seit Juni 2024 die Gabe von monoklonalen Antikörpern für alle Neugebo­renen und Säuglinge, unabhängig von Risikofaktoren (63). Seit 2023 ist hierfür der Wirkstoff Nirsevimab auf dem Markt. Die empfohlene Einmaldosis beträgt 50 mg i.m. bei Kindern mit ­einem Körpergewicht unter 5000 g und 100 mg i.m. bei einem höheren Körpergewicht (64). Die Prophylaxe sollte möglichst vor Beginn der ersten RSV-Saison des Kindes gegeben werden (64, 65). Die Auswertung von ­Meldedaten ergibt erste Hinweise auf eine deutliche Reduktion der RSV-Krankheitslast und RSV-assoziierten Hospitalisierungsrate bei Säuglingen seit Einführung der RSV-Prophylaxe in Deutschland (66).

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