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Neonatologie
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Arzneimittel für Früh- und Neugeborene

Die medizinische Versorgung von Früh- und Neugeborenen zählt zu den komplexesten Aufgaben in der Pädiatrie. Frühzeitiger Therapiebeginn, rationale und sichere Arzneimitteltherapie sowie fundierte Beratung der Eltern und Pflegenden sind essenziell. Eine Herausforderung.
AutorKontaktJulia Haering-Zahn
AutorKontaktAntje Neubert
AutorKontaktMarlene Anna Wagner
Datum 05.10.2025  08:00 Uhr

Besonderheiten der Pharmakodynamik

Auch in der Pharmakodynamik unterscheiden sich Früh- und Neugeborene von älteren Kindern und Erwachsenen, was sich als verstärkte, abgeschwächte oder unvorhersehbare Arzneimittelwirkung zeigen kann. Gründe hierfür sind unter anderem eine veränderte Rezeptorempfindlichkeit, unreife Signalwege und Enzymaktivität in Ziel­zellen (3).

So reagieren Neugeborene empfindlicher auf atemdepressive Wirkungen von Opioiden, was auf entwicklungs­bedingte Unterschiede bei der Anzahl und Affinität der μ-Opioidrezeptoren zurückzuführen ist (3).

Ein weiteres Beispiel ist die eingeschränkte Wirksamkeit von β-adren­ergen Bronchodilatatoren bei Säuglingen und Kleinkindern mit obstruktiver Bronchiolitis (7). Als Ursachen werden eine altersbedingt geringere Dichte bronchialer β-Rezeptoren, die anatomisch engen Atemwege und die im Vergleich zu älteren Kindern reduzierte Schleimproduktion diskutiert (8).

Das Verständnis der pharmakodynamischen Besonderheiten im Kindesalter ist noch begrenzt. Das Haupt­augenmerk liegt auf der Entwicklung der Pharmakokinetik, die sich über entsprechende Modelle zunehmend gut vorhersagen lässt.

Therapeutisches Drug Monitoring

Aufgrund der sich rasch verändernden Stoffwechsellage, der unreifen Enzym­exprimierung und der großen interindividuellen Unterschiede spielt das Therapeutische Drug Monitoring (TDM) eine wichtige Rolle bei Früh- und Neugeborenen. TDM bezeichnet die indi­viduell angepasste Dosierung von ­Arzneistoffen unter Kontrolle der Wirkstoffkonzentration im Blut. Damit ­sollen eine maximale therapeutische ­Wirkung und gleichzeitig minimale UAW erreicht werden.

Indikationen für TDM bei Neugeborenen sind Behandlungen mit Antiepileptika, zum Beispiel Carbamazepin und Phenobarbital, bestimmten Antibiotika, zum Beispiel Aminoglykosiden und Vancomycin, und Immunsuppressiva wie Ciclosporin und Tacrolimus (9).

Erstuntersuchungen als Standard

Die 1971 eingeführten Kindervorsorgeuntersuchungen (U-Untersuchungen) sind eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen mit dem Ziel, Entwicklungsstörungen, chronische Krank­heiten oder gesundheitliche Risiken möglichst früh zu erkennen, um sie ­gezielt behandeln zu können. In neun Untersuchungen (U1 bis U9) im Alter von 0 bis 64 Monaten werden der ­Gesundheitszustand und die alters­gerechte Entwicklung der Kinder überprüft (10).

Beurteilungskriterium Bewertung
0 Punkte 1 Punkt 2 Punkte
A Atembewegungen keine (Apnoe) flach, langsam, unregelmäßig, Schnappatmung gut, regelmäßig, kräftiges Schreien
P Puls 0/min < 100/min > 100/min
G Grundtonus (Muskeltonus, Aktivität) schlaff, keine Bewegungen gering, wenig Bewegungen gut, aktive Bewegungen
A Aussehen (Hautfarbe) blau (zyanotisch), weiß, blass zentral rosig, Extremitäten blau rosige Extremitäten
R Reflexerregbarkeit (Reaktion auf Stimulation) keine Grimassieren, geringe Reaktion Schreien
Tabelle 1: APGAR-Score. 9 bis 10 Punkte: kein Handlungsbedarf, 7 bis 8 Punkte: Beobachtung, 5 bis 6 Punkte: Intervention (zum Beispiel Atemunterstützung, Stimulation), 0 bis 4 Punkte: Reanimationsmaßnahmen (11)

Unmittelbar nach der Geburt wird bei der Erstversorgung der APGAR-­Score erhoben. Im Mittelpunkt steht die Analyse der lebenswichtigen Funktionen (Tabelle 1). Hierfür werden 1, 5 und 10 Minuten nach der Geburt verschiedene äußere Kriterien beurteilt und mit Punkten bewertet. Der APGAR-Wert entspricht der Summe der erhaltenen Punkte und kann bestimmte Maßnahmen auslösen (11).

Die erste Untersuchung (U1) erfolgt in den Stunden nach der Geburt. Sie dient dazu, Geburtstraumata (zum Beispiel eine Klavikulafraktur) und angeborene Fehlbildungen wie eine Gaumenspalte oder Hernien festzustellen oder auszuschließen. Zudem werden die respiratorische Funktion (Atemfrequenz, Atemgeräusche), die Herz-Kreislauf-­Situation (Herztöne, Herzgeräusche) und der neurologische Status (Vigilanz, Spontanmotorik) überprüft (11).

Zwischen dem 3. und 10. Lebenstag steht die U2-Untersuchung an. Neben der Gabe einer Vitamin-K- und Vitamin-D-Prophylaxe wird das Neugeborene ausführlicher auf angeborene Erkrankungen untersucht (11, 12). Hierzu zählen unter anderem Hautveränderungen (zum Beispiel Zyanose als Hinweis auf Sauerstoffunterversorgung), Anomalien des Abdomens (Hernien) und der Genitale (Hodenhochstand) sowie Fehlbildungen von Knochen (Asymmetrien, Skoliose), Extremitäten und Kopf einschließlich Mund, Augen und Nase (10).

Eine 2024 veröffentlichte Evaluation der Kinder-Richtlinie ermittelte die Umsetzung der U1- bis U9-Untersuchungen. Grundlage waren Daten von mehr als 43.000 Untersuchungen und mehr als 5000 Elternbefragungen (13). Die Stuhlfarbkarte zur Erkennung einer Gallengangatresie (U2) wurde bislang ­selten genutzt, soll aber laut G-BA künftig verbindlich ins U-Heft aufgenommen werden. Die meisten Sehtests werden gemäß Richtlinie ausgeführt, wobei mit Autorefraktometern häufiger Auffälligkeiten erkannt werden (13). Bei 80 Prozent der U8 fanden Hörtests statt; bei 13 Prozent zeigten sich Auffälligkeiten. Sprach- und Sprechstörungen wurden bei der U9 bei bis zu 37,5 Prozent der Kinder festgestellt.

Die U-Untersuchungen leisten somit einen wichtigen ­Beitrag zur Früherkennung. Verbesserungsbedarf besteht unter anderem beim Einsatz technischer Hilfsmittel, der Zahn­gesundheitsaufklärung, der Nutzung der Stuhlfarb­karte sowie der sprachlichen Förderung.

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