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Borderline-Persönlichkeitsstörung

Zwischen extremen Emotionen

Einfluss von Kindheitstraumata

Für die Entstehung der BPS ist vermutlich ein Zusammenspiel von genetischen und Umweltfaktoren verantwortlich. Der erbliche Anteil wird je nach Studie mit 30 bis 70 Prozent beziffert. Bei etwa 60 Prozent der Betroffenen finden sich Anzeichen für ein Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) im Kindesalter, was möglicherweise auf eine gemeinsame genetische Komponente hinweist.

Zudem scheinen traumatische Erfahrungen in der Kindheit eine wichtige Rolle zu spielen. Mehr als die Hälfte der Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung berichtet von sexuellem und/oder körperlichem Missbrauch, mehr als 60 Prozent von emotionaler Vernachlässigung. Fast alle erlebten ihr soziales Umfeld als fremd, einschüchternd und demütigend.

Das biosoziale Modell von Marsha Linehan geht davon aus, dass zunächst eine genetische Disposition für Impulsivität und psychische Labilität vorliegt. Trifft ein Kind mit einer solchen Veranlagung auf eine nicht wertschätzende Umgebung, in der seine Gefühle nicht wahrgenommen und respektiert werden, scheint dies die Entstehung einer emotionalen Dysregulation zu fördern.

Belegt ist heute, dass sich das Gehirn von BPS-Patienten in manchen Bereichen von dem gesunder Menschen unterscheidet. Das betrifft sowohl die Struktur als auch die Aktivität. So zeigen bildgebende Verfahren beispielsweise eine Verkleinerung der Amygdala (Mandelkern) und des Hippocampus – also genau in Bereichen, die unter anderem für die Regulation von Emotionen, die Impulssteuerung und die Stressverarbeitung zuständig sind. Gleichzeitig ist die Amygdala schneller und stärker erregbar. Es konnte zudem nachgewiesen werden, dass bei Menschen mit BPS und anderen Persönlichkeitsstörungen die Aktivität des serotonergen Systems vermindert ist, während das cholinerge System und die Hypothalamus-Hypophysen-Stressachse empfindlicher reagieren.

All diese morphologischen und funktionellen Veränderungen könnten zu einer gestörten Emotionsregulation beitragen. Unklar ist allerdings, ob sie Ursache oder Folge der Erkrankung sind.

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