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Demenzreport

Zu viele Psychopharmaka zur Ruhigstellung

Psychopharmaka zur Entlastung der Angehörigen

Psychopharmaka zur Entlastung der Angehörigen

In der Praxis müsse man häufig abwägen, wandte die Bremer Geriaterin Heike Diederichs-Egidi ein. Pflegende Angehörige seien extrem belastet, vor allem wenn Demenzkranke nachts aktiv und unruhig sind oder aggressiv werden; viele litten an Rückenbeschwerden oder kardiovaskulären Erkrankungen. Als Hausärztin frage sie sich: »Wessen gesundheitliches Risiko schätze ich höher ein, das des Demenzkranken oder des Pflegenden?« Unter Umständen könnten Antipsychotika die Angehörigen dann kurzfristig entlasten. Zudem würden Angehörige deren Verordnung oft beim Neurologen einfordern. Doch ein längerfristiger Einsatz sei ebenso abzulehnen wie Benzodiazepine bei Älteren.

Individuell entscheidet die Ärztin auch bei Antidementiva. Reagieren Patienten auf Acetylcholinesterase-Hemmer mit starken Magen-Darm-Problemen, müsse man diese oft absetzen. »Wenn sie weniger essen oder öfter erbrechen, verlieren sie Gewicht und stürzen leichter. Das muss man sehr engmaschig bewerten und abwägen.«

Diederichs-Egidi warb für regelmäßige Medikamenten-Reviews, auch bei Heimbewohnern, und das Hinterfragen jeder Verordnung. Auch ein Delir oder eine Depression müssten differenzialdiagnostisch abgeklärt und gegebenenfalls spezifisch behandelt werden. Oft sei das Pflegepersonal nicht erfreut, wenn die Medikation eines stabil eingestellten Bewohners geändert wird. Die Ärztin verwies auf nicht medikamentöse Angebote wie Ergo- und Physiotherapie, Gymnastikprogramme und eine individuell angepasste, abwechslungsreiche Beschäftigung in Pflegeheimen. »Nicht jeder will tagein, tagaus Mensch-ärgere-Dich-nicht spielen.«

 

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