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Heimbewohner

Mögliche Alternativen zu  Psychopharmaka

Die Gabe von Psychopharmaka an Bewohner von Alten- und Pflegeheimen ist weit verbreitet. Welche nicht-medikamentösen Möglichkeiten gibt es, um Agitation und nächtliche Unruhe zu reduzieren und die psychische Stimmung zu verbessern? Dieser Frage ging eine Studie im Masterstudiengang Consumer Health Care nach.
Renate Wittig
14.11.2019
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In der Untersuchung ging es darum, den Ist-Zustand an Psychopharmaka-Verordnungen von pflegebedürftigen Senioren in Deutschland ab einem ­Alter von 65 Jahren zu erfassen und zu analysieren (1). Dazu wurden die Verordnungen von weiblichen und männ­lichen AOK-Versicherten in den Jahren 2010 bis einschließlich 2015 (sechs Jahre) betrachtet. Im Einzelnen wurde nach geschlechtsspezifischen Besonderheiten und Verordnungen in verschiedenen Pflegestufen differenziert.

Die meisten Psychopharmaka-Verordnungen erfolgten für Versicherte aller Altersklassen in der Pflegestufe 0 (2010 bis einschließlich 2014). Das überraschte, da Pflegebedürftige in dieser Pflegestufe noch am ehesten von alternativen Therapieverfahren profitieren könnten. Bei den Frauen gab es die meisten Psychopharmaka-Verordnungen in der Altersklasse der 75- bis 80-Jährigen, bei den Männern in der Altersklasse der 70- bis 75-Jährigen.

Benzodiazepin-Derivate (eingesetzt als Anxiolytika, Hypnotika und Sedativa) wurden bei Frauen am häufigsten in der Gruppe der 75- bis 80-Jährigen und bei Männern in der Altersklasse von 70 bis 75 Jahren verordnet (Verordnungszeitraum von 2010 bis einschließlich 2015). Bedenklich erscheint dieses Verordnungsverhalten gerade deshalb, weil in Studien belegt wurde, dass bei einer mehr als dreimonatigen Einnahme von Benzodiazepinen das Risiko, an einer Alzheimer-Demenz zu erkranken, um rund 50 Prozent erhöht ist (2, 3, 4). Der höchste Antidepressiva-Verbrauch fand sich in der Altersklasse der 75- bis 80-jährigen Frauen und der 70- bis 75-jährigen Männer (2010 bis einschließlich 2015).

Angesichts möglicher negativer Effekte von Psychopharmaka bei pflegedürftigen Menschen sollte immer nach nicht-medikamentösen Alternativen gesucht werden. In der genannten Masterarbeit wurde die Studienlage zu diversen ­Alternativmaßnahmen gesichtet (1).

Es gibt Studien zur Mobilisierung von Bewohnern in vollstationären Pflegeeinrichtungen mithilfe von kognitivem und physischem Training. Dabei ist eine Studie besonders bemerkenswert, die beide Trainingsinhalte kombinierte (5). Die Kombination von kognitiver und körperlicher Aktivierung sollte insbesondere die psychomotorischen und kognitiven Funktionen multimorbider Bewohner fördern. Für demenziell erkrankte Menschen wurde ein speziell erarbeitetes Aktivierungsprogramm mit biografischer Ausrichtung angewandt. Die Studie war kontrolliert und sollte prüfen, ob eine Kombination von körperlichem und geistigem Training die motorische und kognitive Leistung verbessern kann. Einbezogen wurden circa 300 Bewohner im Alter von 70 bis 99 Jahren, die in eine Interventions- und eine Kontrollgruppe eingeteilt wurden (5).

Sturzhäufigkeit gesenkt

Das Ergebnis: Die Sturzhäufigkeit innerhalb eines Jahres konnte in der Interventionsgruppe um 70 Prozent und die Anzahl der Sturzpatienten um mehr als 50 Prozent reduziert werden (6). ­Ergebnisse des SimA-(Selbständig im Alter)-Aktivierungsprogramms belegen zudem, dass die Trainingsübungen zur Kraftverbesserung, Beweglichkeits- und Ausdauerförderung die körperliche Leistungsfähigkeit der Teilnehmer signifikant verbesserten.

Das Pflegepersonal bestätigte eine Steigerung der kognitiven Aktiviertheit und Wachheit der Studienteilnehmer sowie positive Auswirkungen auf das Alltagsverhalten während der Studiendauer. Dies zeigte sich zum Beispiel beim selbständigen Ankleiden, der Mobilität und der Essensaufnahme. Ferner wurde eine signifikant bessere psychische Stimmung in der Interventions- gegenüber der Kontrollgruppe beobachtet.

Auch bei demenziell erkrankten Pflegeheimbewohnern war eine kognitive Aktivierung möglich. Die erhöhte kognitive Leistungsfähigkeit zeigte sich vor allem in einer schnelleren Informationsverarbeitung und besseren allgemeinen Anregbarkeit.

Während der Dauer dieser SimA-Aktivierungsprogramme verbesserten sich ebenfalls das Stationsmilieu sowie die Arbeitseinstellung und Arbeitszufriedenheit des Personals (6). Diese Studie belegt, dass Programme mit kombinierten Trainingsinhalten am besten geeignet sind, die Entstehung und Entwicklung einer Demenz zurückzudrängen und die Selbständigkeit der Senioren in Pflegeeinrichtungen, bezogen auf die Aktivitäten des täglichen ­Lebens, zu erhalten.

Ein ausgewerteter Health Technology Assessment-(HTA)-Bericht stellt dar, dass Ergotherapie zur kognitiven Stimulation von Menschen mit leichten und mittleren Formen der Demenz effektiv ist (7). Aber auch bei schweren Formen der Demenz konnte eine Wirkung nachgewiesen werden. Nicht zu unterschätzen ist das Ergebnis einer in dem HTA-Bericht enthaltenen Studie. Durch gezielte Anwendung der Ergotherapie konnte eine Heimeinweisung um 1,5 Jahre verzögert werden.

In einem anderen HTA-Bericht wurden nicht-pharmakologische Interventionen zur Reduktion von Agitation bei Demenzkranken in der Langzeitpflege untersucht. Hier zeigte sich, dass Therapien und Interventionen, die gezielt und individuell auf den Demenzkranken abgestimmt waren, den größten Effekt zeigten (8). Dazu gehörten die personenzentrierte Kommunikation und sensorische Interventionen.

Durch sensorische Interventionen wie Massagen oder den sogenannten Therapeutic Touch, eine pseudowissenschaftliche alternativmedizinische Behandlungsmethode, wurden alle Level der Agitation signifikant verbessert. In personenzentrierter Kommunika­tion geschultes Pflegepersonal konnte die Agitation allgemein als auch speziell Symptome schwerer Agitation effektiv reduzieren. Dabei waren spontane Verbesserungen in der Symptomatik, aber auch nachhaltige positive Langzeiteffekte über sechs Monate ­erkennbar.

Pflegemodell nach Böhm

Besonders positiv herauszustellen ist das Pflegemodell in einer vollstationären Pflegeeinrichtung für Menschen mit Demenz in Malente in Ostholstein (9). Der Umgang mit den Demenzkranken erfolgt nach dem psychobiografischen Pflegemodell nach Erwin Böhm. Das Ziel ist die Stabilisierung und Reaktivierung der erkrankten Menschen. Insbesondere sollen ihre Selbständigkeit und Entscheidungskraft gestärkt und gefördert werden. Das Ziel ist ­immer, das Wohlbefinden des Demenzkranken zu erhöhen und sein Einleben in einer vollstationären Einrichtung zu erleichtern und zu erhalten. Der Bewohner soll sich ernst, wichtig und angenommen fühlen. Als »Nebeneffekt» wird die Arbeitszufriedenheit des Pflegepersonals gesteigert (10).

Zu einer Besonderheit der Seniorenresidenz zählt die Integration von ergotherapeutischen Maßnahmen in den Alltag. Die geschulten Ergotherapeutinnen sind fester Bestandteil des Pflegeteams. Sie stellen mit ihren Übungen den Senioren Aufgaben, die sie sowohl physisch als auch psychisch fordern und fördern, ohne sie zu überfordern.

Eine weitere Besonderheit der Residenz, die entscheidend zu einer höheren Lebensqualität beiträgt, ist das Nachtcafé. Dieses speziell für Demenzkranke entwickelte Abendbeschäftigungsprogramm findet an 365 Nächten im Jahr statt und kann von allen Bewohnern genutzt werden, die unter Ein- und Durchschlafschwierigkeiten leiden. Das Nachtcafé hat nachweisbar einen großen therapeutischen Nutzen. Dadurch konnten Psychopharmaka reduziert oder sedierende Substanzen, die das Ein- und Durchschlafen ermöglichen sollen, ganz abgesetzt werden.

Dank dieses Programms können Demenzkranke ihren individuellen Bedürfnissen folgen. Sie können so lange wach bleiben, wie es ihr Körper ihnen signalisiert. Die Besonderheit liegt in der Normalität, mit der dieses Programm implementiert ist.

Clowns im Seniorenheim

In verschiedenen Studien wurde der Einfluss von Clown-Programmen auf Heimbewohner unterschiedlichen Alters und das Pflegepersonal untersucht (11). Die Clown-Interventionen wirkten sich nachweislich positiv auf ältere Personen und Patienten mit Demenz in stationären Pflegeeinrichtungen aus. Das emotionale Wohlbefinden stieg und die Agitation nahm ab.

Die Clowns setzen auf der emotionalen Ebene an, lösen dort positive Erlebnisse und Gefühle aus und helfen, Ängste und Sorgen zu lindern. Zudem üben sie paradoxe Interventionen aus und thematisieren beispielsweise das Gefühl des Versagens, das zum Alltag von Demenzkranken gehört. Durch Vorleben des Versagens als normales Geschehen wird die Angst vor dem ­eigenen Versagen gemildert. Die Bewohner können sich entspannen und fühlen sich wohler. Studien belegten zudem, dass sich die bessere Stimmung der Pflegeheimbewohner nach der Clown-Intervention positiv auf das Pflegepersonal auswirkt.

Diese exemplarisch ausgewählten Studien zeigen, dass alternative Therapiemethoden den Einsatz von Psychopharmaka in Senioreneinrichtungen durchaus auf ein sinnvolles Maß reduzieren können. Dies gilt auch für die mit ihrer Anwendung verbundenen Risiken. 

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