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Kontroverse Debatte
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Woher kommt SARS-CoV-2?

Erbittert wird über die Herkunft von SARS-CoV-2 gestritten. Vieles spricht dafür, dass SARS-CoV-2 auf dem »Huanan Seafood Wholesale Market« in Wuhan von einem Tier auf den Menschen übergesprungen ist. Aber wirkliche Beweise dafür, dass das Virus kein Laborartefakt ist, hat man nicht. Im Zentrum der Kontroverse steht das Wuhan Institute of Virology in der Nähe des Fischmarktes.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 24.04.2022  08:00 Uhr

Bat Woman: die Virologin Professor Shi Zhengli

Shi ist eine weltweit anerkannte Expertin, die im Jahr 2000 an der Université de Montpellier 2 in Frankreich promoviert hat. Seit knapp zwei Jahrzehnten leitet sie das Zentrum für neu auftretende Infektionskrankheiten am Wuhan Institute of Virology der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (CAS).

Zusammen mit ihrem Team hat sie mehr als 20.000 Proben aus Fledermauskolonien in ganz China gesammelt, darin nach Virusgenomen gesucht und diese direkt aus den Proben sequenziert, da man die Viren selbst in der Regel nicht isolieren kann. Nach eigenem Bekunden fühlt sich die Wissenschaftlerin »im Feld genauso wohl wie im Labor«. Diese umfassende Expertise hat der Virologin den Spitznamen »Bat Woman« eingebracht.

Nur etwa 10 Prozent der Proben enthalten Coronaviren und wiederum nur 10 Prozent davon sind eng mit SARS-CoV-1 verwandt. Dieses Virus verursachte die Krankheit SARS, an der zwischen 2002 und 2004 weltweit 8000 Menschen erkrankten und fast 800 starben. Forschungen an SARS-CoV-1 standen im Zentrum von Shis Arbeiten, bis das neue Coronavirus SARS-CoV-2 die ganze Aufmerksamkeit auf sich zog.

Die Isolierung lebender Coronaviren aus Fledermausproben ist notorisch schwierig. Laut Professor Stephen Goldstein, einem Coronavirus-Experten an der University of Utah in Salt Lake City, war das Wuhan-Labor bis Januar 2021 das einzige, dem dieses Kunststück in einzelnen Fällen gelungen war. Und die »Person mit dem grünen Daumen« war Associate Professor Yang Xinglou. Er ist im Team der verantwortliche Wissenschaftler für Arbeiten in den BSL-4-Laboratorien; dies sind Laboreinheiten der höchsten biologischen Sicherheitsstufe. Hier hatte Yang am 5. Januar 2020 erstmals erfolgreich SARS-CoV-2 aus einer Patientenprobe isoliert.

Ein Blick zurück: Mit einer Probe, die Yang aus einer Fledermaushöhle in der Nähe von Kunming, der Hauptstadt der südlichen Provinz Yunnan, eingesammelt hatte, gelang es in den 2010er-Jahren, die Affennierenzelllinie Vero E6 zu infizieren. Diese weist hohe Konzentrationen von ACE2-Rezeptoren auf ihrer Oberfläche auf. Damit standen praktisch unlimitierte Mengen des Virus für die genauere Charakterisierung zur Verfügung. Das isolierte Virus war zu etwa 95 Prozent identisch mit SARS-CoV-1. Das Team nannte es »WIV1«, ein Akronym für das erste Isolat am Wuhan Institute of Virology. Ihre Studie, die 2013 in »Nature« (3) veröffentlicht wurde, lieferte starke Hinweise dafür, dass SARS-CoV-1 von Fledermäusen stammt.

In all den Jahren gelang es Yang nur dreimal, Fledermaus-Coronaviren zu isolieren (4). Alle zeigten eine enge Verwandtschaft zu SARS-CoV-1. Aber keines dieser Viren – ebenso wenig wie drei Viren, die die Wissenschaftler anhand ihrer Genomsequenzen synthetisierten – kommen als Quelle für SARS-CoV-2 infrage: Die Sequenzen sind einfach zu unterschiedlich.

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