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Kontroverse Debatte
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Woher kommt SARS-CoV-2?

Erbittert wird über die Herkunft von SARS-CoV-2 gestritten. Vieles spricht dafür, dass SARS-CoV-2 auf dem »Huanan Seafood Wholesale Market« in Wuhan von einem Tier auf den Menschen übergesprungen ist. Aber wirkliche Beweise dafür, dass das Virus kein Laborartefakt ist, hat man nicht. Im Zentrum der Kontroverse steht das Wuhan Institute of Virology in der Nähe des Fischmarktes.
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 24.04.2022  08:00 Uhr

Umstrittene USA-Drittmittel für die Forschung am WIV?

Es verbreiteten sich Gerüchte in chinesischen sozialen Medien, in Beiträgen rechtsgerichteter Nachrichtenmedien und sogar durch den republikanischen US-Senator Tom Cotton, dass SARS-CoV-2 aus den WIV-Laboratorien unfreiwillig freigesetzt worden oder dass das Virus gar ein Produkt biotechnischer Manipulationen sei. Daraufhin organisierte Dr. Peter Daszak, Präsident der Nichtregierungsorganisation (NGO) EcoHealth Alliance und prominentes Mitglied der WHO-Delegation, einen Aufruf von Wissenschaftlern, der in »The Lancet« publiziert wurde (10). Mitzeichner war auch Drosten.

Für Daszak ging die Initiative nach hinten los. Einerseits hatte der Aufruf Andeutungen über einen Laborunfall als Ursache von Covid-19 als »Verschwörungstheorie« gebrandmarkt. Andererseits musste er später zugeben, dass er selbst kontrovers diskutierte Experimente aus seinen Drittmittelgeldern mitfinanziert hatte, ohne seinen Interessenkonflikt offenzulegen.

Im Zentrum der sachlichen Kritik im Hinblick auf die von Daszak mitfinanzierten Versuche stehen Gain-of-Function-(GoF-)Experimente (Kasten). Dies ist ein keineswegs unüblicher Versuchsansatz über viele biotechnologische Disziplinen hinweg, der bis dato in der breiten Öffentlichkeit kaum Beachtung fand. Das hat sich mittlerweile geändert.

Erst durch eine Anfrage auf Basis des Freedom of Information Act (FOIA) an das NIH kam im September letzten Jahres ans Licht, dass Shi in einer Kooperation mit EcoHealth am WIV GoF-Experimente ausgeführt hatte. Zwar hatte keines der eingesetzten Viren eine enge Beziehung zu SARS-CoV-2. Allerdings glauben einige Befürworter der Labor-Escape-Hypothese, dass die Virologin, möglicherweise mit Daszaks Wissen, andere brisantere Experimente mit chimären Viren verheimlichte.

In einem der offengelegten Dokumente wurde ein zusätzliches Experiment beschrieben, bei dem Shi in das Genom des Middle East Respiratory Syndrome-(MERS-)Virus Oberflächenproteine von Fledermaus-Coronavirus inseriert hatte.

Es entbrannten heftige Debatten darüber, ob es sich hierbei um GoF-Experimente handelte. Professor Richard Ebright, ein Biochemiker an der Rutgers University in New Brunswick, der sich seit Langem gegen GoF-Forschung einsetzt, twitterte, dass dieses Experiment »eindeutig« die Definition von GoF erfülle. Damit war die Labor-Escape-Hypothese in den USA angekommen.

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