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SARS-CoV-2

Wirkstoffe gegen Coronavirus bald hier einsetzbar?

Die aktuelle Coronavirus-Epidemie macht vielen Menschen Angst, weil es im Gegensatz zur Grippe keine spezifischen Impfstoffe und Medikamente gibt. Das könnte sich aber bald ändern, kündigte das RKI heute an.
Daniela Hüttemann
05.03.2020  17:04 Uhr

In China laufen derzeit einige Studien mit verschiedenen antiviralen Wirkstoffen, die experimentell bei Patienten mit der Lungenerkrankung Covid-19 eingesetzt werden. »Wir sind optimistisch, dass wir in den nächsten Wochen solche Medikamente auch in Deutschland einsetzen können«, sagte heute Professor Dr. Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), bei einer Pressekonferenz. Derzeit fänden intensive Forschungsbemühungen statt und die ersten verwertbaren Ergebnisse würden in einigen Wochen erwartet. Einem Bericht vom 28. Februar im Fachjournal »JAMA« zufolge laufen derzeit mehr als 100 klinische Studien mit neuen Komponenten gegen Coronaviren oder umgewidmeten Arzneistoffen, die ebenfalls gegen SARS-CoV-2 wirken könnten.

Das US-Pharmaunternehmen Gilead Sciences hatte am 27. Februar angekündigt, unter eigener Regie zwei Phase-III-Studie mit seinem ursprünglich gegen Ebola entwickelten Wirkstoff Remdesivir bei Erwachsenen mit schwerer Ausprägung von Covid-19 durchführen zu wollen.  Es soll sich um randomisierte, multizentrische Open-Label-Studien mit rund 1000 Patienten handeln, die vor allem in Asien, aber auch in Ländern mit hohen Fallzahlen durchgeführt werden sollen. Die Patienten werden entweder nur die supportive Standardbehandlung oder Remdesivir intravenös über fünf oder zehn Tage erhalten. Die Studien sollen im März starten. 

Remdesivir ist ein Nukleotid-Analogon mit einer Breitspektrum-antiviralen Aktivität sowohl in vitro als auch in Tierversuchen gegen Ebola- und Marburg-Viren sowie SARS- und MERS-CoV. Das Severe Acute Respiratory Syndrome sowie das Middle East Respiratory Syndrome werden beide von Coronaviren verursacht. Der neue Erreger SARS-CoV-2 gilt als Variante des SARS-Erregers von 2002. Remdesivir ist noch in keinem Land der Welt offiziell zugelassen.

Eine weitere placebokontrollierte Studie mit Remdesivir wird in den USA vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) angeleitet. Zusätzlich laufen bereits zwei klinische Studien mit Remdesivir in der am stärksten betroffenen chinesischen Provinz Hubei. Durchgeführt werden sie vom China-Japan Freundschaftshospital in Peking sowie dem Jin Yin-Tan-Hospital in Wuhan. Die Ergebnisse sollen laut Gilead im April vorliegen.  Für alle Studien mit Remdesivir hatte Gilead den Wirkstoff kostenlos zur Verfügung gestellt.

Mitte Februar hatte das »Wall Street Journal« berichtet, die Remdesivir-Studien in Wuhan seien nur langsam angelaufen, da es schwierig war, geeignete Probanden zu finden. Voraussetzung für die Teilnahme war der Inkubationszeitraum und dass die Patienten in den 30 Tagen zuvor keine anderen Medikamente in Eigenregie gegen die Erkrankung eingenommen haben, sowohl die vom chinesischen Staat empfohlenen traditionellen Präparate als auch Mittel, die in Online-Anekdoten empfohlen werden. Statt der angestrebten 700 Probanden konnten bis Mitte Februar nur 185 Patienten, größtenteils mit schwerer Symptomatik, aufgenommen werden.

Virostatika und Antikörper im Test

In China läuft seit Februar eine klinische Studie mit dem Wirkstoff Favilavir, auch Favipiravir genannt. Das Virostatikum hemmt die virale RNA-abhängige RNA-Polymerase und soll wie Remdesivir gegen verschiedene RNA-Viren wirken, darunter auch Ebolaviren. In Japan ist der Wirkstoff seit 2014 gegen Influenza zugelassen, ebenso kürzlich auch in China

Eine weitere Hoffnung liegt auf der bereits als HIV-Mittel zugelassenen Wirkstoffkombination Lopinavir/Ritonavir (Kaletra® von AbbVie). Es wurde bereits in mehreren Ländern versuchsweise eingesetzt, unter anderem in China, Thailand und Singapur. Am 3. März berichteten Forscher aus Singapur, dass von fünf schwer an Covid-19 Erkrankten, die mit Lopinavir/Ritonavir behandelt wurden, bei drei Patienten das Fieber innerhalb von drei Tagen zurückging in die künstliche Sauerstoffzufuhr reduziert werden konnte, bei den anderen zwei Patienten verschlechterte sich dagegen der Zustand.

Auch verschiedene Antikörper und Immuntherapeutika, sowohl experimentelle als auch bereits zugelassene, werden derzeit auf ihren Einsatz gegen das neue Coronavirus geprüft. Laut Verband der forschenden Pharmaunternehmen gehören dazu der eigentlich gegen HIV in der Entwicklung befindliche Antikörper Leronlimab von CytoDyn, zwei Antikörper von Regeneron, die ursprünglich gegen MERS entwickelt wurden oder der immunmodulatorische Wirkstoff Brilacidin von Innovation Pharmaceuticals, der eigentlich zur Therapie entzündlicher Darmerkrankungen und Entzündungen der Mundschleimhaut zur Marktreife gebracht werden soll.

Mittel gegen MS, Brustkrebs und Arthritis gegen Coronaviren

Auch einige alte Bekannte werden derzeit als Therapieoption gegen Coronaviren in Erwägung gezogen: Während das auch antiviral wirkende Malariamittel Chloroquin derzeit in der chinesischen Provinz Guangdong eingesetzt wird, wird das immunmodulierende MS-Medikament Fingolimod (Gilenya® von Novartis) derzeit an 30 Patienten im chinesischen Fujian getestet. 

Der VEGF-Inhibitor Bevacizumab (Avastin®), bekannt als Krebsmittel, wird in Jinan, ebenfalls China, bei Covid-19-Patienten mit akuten Lungenproblemen wie dem akuten respiratorischen Distress-Syndrom eingesetzt. Ebenfalls bei Lungenschäden durch den SARS-CoV-2-Erreger soll der IL-6-Antikörper Tocilizumab (RoActemra® von Roche) helfen, der normalerweise bei rheumatoider Arthritis und anderen Arthritis-Formen eingesetzt wird. Roche zufolge könnte RoActemra helfen, Entzündungen im Zusammenhang mit Interleukin 6 einzudämmen, meldete gestern der Nachrichtensender n-tv.

Etwas hinterher hinkt US-Pharmariese Pfizer. Einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge hat das Unternehmen angekündigt, einige antivirale Substanzen aus seiner Entwicklungspipeline identifiziert zu haben, die Coronaviren potenziell hemmen könnten. Es soll nun ein genaueres Screening stattfinden, dessen Ergebniss Ende März vorliegen soll. Pfizer hofft, mit aussichtsreichen Kandidaten zum Ende des Jahres klinische Studien starten zu können.

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