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Arzneistoffentwicklung
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Wirksame Mittel gegen Arthrose gesucht

Arthrose ist nicht nur reiner Gelenkverschleiß – es ist eine entzündlich-degenerative Erkrankung. Diese Erkenntnis ist wichtig, um Arthrose besser zu behandeln und gezielt neue Medikamente zu entwickeln. Vorerst bleiben jedoch gesunde Ernährung und Bewegung das Mittel der Wahl.
AutorKontaktDaniela Hüttemann
Datum 29.04.2026  16:20 Uhr

»Wir haben lange gedacht, Arthrose ist nur Verschleiß, also eine mechanische Erkrankung – heute wissen wir es besser«, erklärte Professor Dr. Babak Moradi, Direktor des Lehrstuhls Orthopädie am UKSH, vergangenes Wochenende beim Fortbildungskongress der Apothekerkammer Schleswig-Holstein in Neumünster. »Arthrose ist eine entzündlich-degenerative, enzymgetriebene Erkrankung, bei der inflammatorische Zellen Zytokine und Wachstumsfaktoren freisetzen, die den Knorpel schädigen – diese Erkenntnis ist die Voraussetzung, um in Zukunft medikamentöse Therapien zu entwickeln.« Unsere Gelenke seien lebende Organe, die sich regenerieren können. 

Allerdings sei die Arthrose eine sehr vielfältige Erkrankung, die verschiedene Gelenke in unterschiedlichen Ausprägungsgraden betrifft, und bei der eine Vielzahl von Strukturen, Zelltypen und Geweben involviert sind. Zudem spielen viele Faktoren eine Rolle, wie sich Knorpel von Defekten erholt. »Daher wird es nicht die eine Arthrose-Pille geben«, so Moradi.

Arzneistoffe in der Pipeline: Schwieriger Nachweis eines klinischen Nutzens

Trotzdem geht der Orthopäde davon aus, dass in Zukunft krankheitsmodifizierende Arzneistoffe (Disease Modifying Osteoarthritis Drugs, DMOAD) auf den Markt kommen werden, schließlich gebe es eine Vielzahl von Signalwegen als potenzielle Targets. Daran forscht er auch selbst mit Gewebeproben aus dem OP und hat erst vor Kurzem mit anderen Wissenschaftlern in »Arthritis & Rheumatology« dazu publiziert (DOI: 10.1002/art.70157). So könnte die Hemmung von Matrixmetalloproteasen die Entzündung modulieren.

Die Entwicklung neuartiger Arthrose-Medikamente scheint jedoch schwierig. 2019 wurden Phase-II-Ergebnisse der FORWARD-Studie zu Sprifermin im Fachjournal »JAMA« veröffentlicht (DOI: 10.1001/jama.2019.14735).

»Sprifermin ist ein rekombinanter humaner Fibroblasten-Wachstumsfaktor 18«, erklärte Moradi. »Er induziert eine Proliferation des Knorpels und stimuliert die Synthese der extrazellulären Matrix.« Die Knorpeldicke nahm nach mehrfacher Injektion alle sechs beziehungsweise zwölf Monate ins betroffene Gelenk zu, jedoch wurde kein konsistent klinischer Nutzen wie eine Schmerzreduktion in der Gesamtpopulation festgestellt. Eine Post-hoc-Subgruppen-Analyse geht davon aus, dass schwer betroffene Patienten profitieren könnten (DOI: 10.1016/j.ard.2025.05.239).

2022 lizenzierte Merck die Rechte an das Unternehmen TrialSpark/High Line Bio aus, das mittlerweile unter dem Namen Formation Bio firmiert. Dort wird das Molekül aktuell in der Pipeline mit Status Phase II angezeigt, eine Phase-III-Studie ist bislang nicht öffentlich registriert.

In »Nature Medicine« erschienen 2022 die Phase-I-Daten für den Wirkstoff LNA043 von Novartis, ein Angiopoietin-like-3-Derivat (ANGPTL3-Agonist). Er soll die Knorpelregeneration fördern und tatsächlich habe das Knorpelvolumen über 28 Wochen in einer Phase-I-Studie zugenommen, berichtete Moradi.

Eine folgende Phase-IIb-Studie wurde allerdings frühzeitig abgebrochen, weil die angestrebten Endpunkte nicht erreicht wurden, der Arzneistoff also keine Wirkung gezeigt hat, ergab eine Recherche der PZ. Auch eine Studie in Kombination mit dem Entzündungshemmer Canakinumab wurde vorzeitig beendet. Derzeit laufen keine klinischen Studien mit LNA043. Darüber hinaus gibt es weitere mögliche Targets und Moleküle in der Entwicklung.

Eckpfeiler der Therapie: Abnehmen, Ernährung und Bewegung

Auch wenn Moradi optimistisch ist, wird es wohl in absehbarer Zukunft bei den bislang verfügbaren Therapiemöglichkeiten bleiben. »Mit einer ganzheitlichen Therapie können wir schon viel erreichen – eine OP machen wir nur, wenn die Arthrose schon weit fortgeschritten ist und es nicht anders geht«, so Moradi. Er zitierte aber auch Hippokrates: »Bevor wir über Heilung sprechen, müssen wir darüber reden, ob der Patient bereit ist, das aufzugeben, was ihn krank gemacht.«

Entscheidend sind eine gesunde, antientzündliche Ernährung ohne industriell verarbeitete Lebensmittel, eine Gewichtsabnahme und vor allem viel Bewegung und Muskelaufbau. Bei Übergewicht gehe es nicht nur um die höhere Last, die die Gelenke zu tragen haben, sondern auch um die zusätzlichen Zytokine, die das Fettgewebe freisetzt.

Umgekehrt kräftigt Sport die umliegende Muskulatur, sorgt dafür, dass der Knorpel mit Nährstoffen versorgt wird, und wirkt antiinflammatorisch. Laut Moradi sei der Effekt von Sport vergleichbar und zum Teil sogar größer als von nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) und halte länger an. Empfehlenswert seien Sportarten ohne hohes Verletzungsrisiko.

»Lebensgewohnheiten zu ändern, ist schwierig, hat aber nachweisbar den größten Effekt. Hier müssen wir noch viel Überzeugungsarbeit leisten, denn die Leute wollen lieber Pillen und OPs«, so Moradis Erfahrung.

NSAR als Mittel der Wahl, keine Empfehlung für Paracetamol und Metamizol

Medikamentös könne man bei Kniegelenkarthrose (Gonarthrose) mit topischen NSAR oder Capsaicin starten. Sie haben kaum Nebenwirkungen (bis auf Hautirritationen bei Capsaicin-Präparaten) und können die Symptome lindern. Bei NSAR gebe es einen erheblichen Placeboeffekt.

Am besten untersucht in Bezug auf die Schmerztherapie bei Arthrose seien NSAR. Alle senken den Schmerz, ohne laut Moradi jedoch langfristig wirksam zu sein. »Sie sollten am besten so kurz und niedrig dosiert wie möglich gegeben werden, idealerweise nur sechs Wochen lang.« Maximaldosen, Nebenwirkungen und Kontraindikationen müssen beachtet werden.

Paracetamol werde nicht empfohlen, da es zwar moderat gegen Schmerzen, aber nicht antientzündlich wirkt. Metamizol sei nicht geeignet. Opioide sollten auch bei starken Schmerzen nicht standardmäßig eingesetzt werden. Möglich sei eine Überbrückung der Zeit bis zu einer anstehenden OP mit niedrigpotenten Opioiden als Ultima Ratio.

Eine intraartikuläre Therapie mit Glucocorticoiden (»Cortison-Spritzen« ins Gelenk) habe anfangs einen Effekt, aber keinen langfristigen Vorteil gegenüber Placebo bei regelmäßiger Gabe. »Das ist sogar eher knorpelschädigend und sollte maximal dreimal erfolgen«, riet der Orthopäde. Am ehesten profitierten Patienten mit einem Erguss im Knie, Schmerzspitzen und wenn bislang nur eine geringe strukturelle Schädigung vorliege. Für Hyaluron-Spritzen gebe es keine offizielle Empfehlung mehr.

Nahrungsergänzungsmittel ohne Evidenz

Chondroitin und Glucosamin können den Verlauf einer Arthrose nicht verlangsamen. Manche Patienten berichten über eine Symptomlinderung. »Man kann es nehmen, da es wenige Nebenwirkungen hat, es ändert aber nicht den Verlauf der Erkrankung – das geht nur mit einer Lifestyle-Änderung«, verdeutlichte Moradi.

Nahrungsergänzungsmittel seien ein großes Thema für Arthrose-Patienten, doch auch hier rät Moradi erst einmal zu einer gesunden, ausgewogenen Ernährung. »Wer sich schon gut ernährt, wird nicht zusätzlich profitieren, aber Patienten, die das nicht können, schon«, so Moradi in Bezug auf Omega-3-Fettsäuren.

Auf Nachfrage bestätigte Moradi, das GLP-1-Rezeptoragonisten zwar das Gewicht und systemische Entzündungen reduzieren, dass aber viele Patienten unter der Therapie weniger, aber nicht gesünder äßen. Dies könne zu Mangelernährung und Muskelabbau führen. »Dann wird die Arthrose nicht unbedingt besser.«

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