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Ernährung

Wie sinnvoll ist Low Carb bei Diabetes?

Eine kohlenhydratreduzierte Ernährungsweise kann bei Diabetes eine sinnvolle Option sein. Sie birgt aber auch Risiken und ist nicht alternativlos. Patienten sollten daher individuell beraten werden, fordern Experten.
Christina Hohmann-Jeddi
14.11.2019
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Eine Ernährung mit möglichst geringem Kohlenhydratanteil, auch Low Carb genannt, ist zunehmend beliebt bei Abnehmwilligen, auch bei Diabetikern. Diese Ernährungsform ist grundsätzlich auch für Menschen mit Typ-2-Diabetes oder Prädiabetes zur Gewichtsabnahme geeignet. Darauf weist die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) hin. Eine Konsensus-Erklärung der US-amerikanischen Diabetes Gesellschaft ADA betone jedoch, dass auch andere Ernährungsweisen dafür infrage kommen können. Betroffene sollten daher immer eine individuelle Ernährungsberatung erhalten, konstatiert der Ausschuss Ernährung der DDG.

Als »Low-CarbV-Ernährung« gilt laut der ADA-Definition eine Ernährung mit einem Kohlenhydratanteil von weniger als 45 Prozent der Gesamtenergiezufuhr, bei »Very Low Carb« stammen sogar weniger als 26 Prozent der aufgenommenen Energie aus Kohlenhydraten. Für die Reduktion der Kohlenhydrate liegt bislang die größte Evidenz für eine positive Wirkung auf den Stoffwechsel vor: »In kurzfristigen Studien bis zu sechs Monaten Dauer kann eine kohlenhydratarme Ernährung den HbA1c-Wert der Probanden ebenso senken wie den Blutdruck, die Triglyceride und die Menge der Diabetesmedikation«, sagt Professor Dr. Diana Rubin, Chefärztin und Leiterin des Zentrums für Ernährungsmedizin am Vivantes Klinikum Spandau und Humboldt-Klinikum Berlin. Diese positiven Effekte ließen sich in längerfristigen Studien jedoch nicht aufrechterhalten – vermutlich, weil es den Probanden zu schwer fällt, die strengen Diätvorgaben auf Dauer einzuhalten.

Eine strenge Low-Carb-Diät ist aber nicht nur aus Compliance-Gründen, sondern auch aus anderen Gründen problematisch: Zum einen kann es unter Diabetesmedikation rasch zu einer Hypoglykämie kommen, weshalb die Ernährungsumstellung immer ärztlich begleitet werden sollte. Zum anderen besteht laut einer Mitteilung der DDG die Gefahr, dass die Patienten durch die einseitig restriktive Diät zu viel Fett aufnehmen. Für schwangere Diabetikerinnen mit Essstörungen und Patienten mit Niereninsuffizienz gebe es keine ausreichende Datenlage zum Nutzen dieser Ernährungsform.

»Ernährungsempfehlungen sollten auch eine qualitative Bewertung der Makronährstoffe beinhalten«, sagt Rubin, die den Vorsitz des Ausschusses Ernährung der DDG innehat. So könne eine moderate Low-Carb-Ernährung durchaus empfehlenswert sein, wenn sie – wie bei mediterranen Ernährungsmustern – einen hohen Anteil mehrfach ungesättigter Fettsäuren enthalte. Eine High-Carb-Ernährung könne bei einem hohen Ballaststoffanteil und niedriger glykämischer Last aber ebenso geeignet sein. »Aus unserer Sicht ergibt es daher keinen Sinn, lediglich einen Makronährstoff in der Nahrung zu begrenzen«, so Rubin. Allgemeingültige Idealwerte für die Fett-, Eiweiß- und Kohlenhydrataufnahme gebe es nicht.

Umso größer ist die Bedeutung einer individuellen und qualifizierten Ernährungsberatung. Empfehlungen sollten, wenn sie umgesetzt werden sollen, neben dem Diabetes-Typ auch die Behandlungsform, soziale Aspekte und individuelle Vorlieben berücksichtigen. Eine Ernährungsberatung sei aber mehr als eine Information, so Rubin. Sie sollte von Ernährungsfachkräften vermittelt und adäquat honoriert werden.

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