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Intensivmedizin

Wie ist die aktuelle Standardbehandlung bei Covid-19?

Immer mehr zeichnet sich ab, dass Covid-19 keine reine Lungenerkrankung ist, sondern den ganzen Körper betreffen kann. Wie werden die Patienten mittlerweile behandelt?
Daniela Hüttemann
15.05.2020  13:46 Uhr

»Eine speziell antiviral wirksame Standardtherapie gibt es noch nicht«, betont Professor Dr. Stefan Kluge, Internist und Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Alle gegen das neue Coronavirus SARS-CoV-2 gerichteten Substanzen gelten noch als experimentell und haben ihre Wirksamkeit (und Unbedenklichkeit) bei Covid-19 noch nicht eindeutig bewiesen. »Daher geben wir im UKE im Moment auch keinen dieser Wirkstoffe wie Remdesivir, Hydroxychloroquin oder Lopinavir/Ritonavir standardmäßig, sondern bevorzugt im Rahmen klinischer Studien«, erklärt der Internist im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.

Andere Krankenhäuser handhaben dies zum Teil unterschiedlich. Er sei jedoch der Meinung, dass positive Ergebnisse aus mindestens zwei voneinander unabhängigen Arbeitsgruppen publiziert sein sollten, um eines der antiviral wirksamen Medikamente regulär einzusetzen, so Kluge, der auch Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) ist. In den kommenden zwei Wochen würden zum Beispiel neue Ergebnisse zu Remdesivir (Veklury®) erwartet, das sich – Erfolg vorausgesetzt – zum neuen Standard entwickeln könnte. »Es wird aber kein Wundermittel gegen Covid-19 geben«, dämpft Kluge die Erwartungen.

Interessant ist die Fragestellung nach der Standardbehandlung auch, da diese immer als Vergleich in klinischen Studien mit potenziellen Covid-19-Wirkstoffen dient. Gibt es schon in der Grundtherapie Unterschiede, macht dies Vergleiche verschiedener Studien schwierig und schwächt die Aussagekraft der Ergebnisse.

Blutverdünnung gehört zum Standard

Was die Medikamente betrifft, gehöre Heparin auf jeden Fall zum Standard für jeden hospitalisierten Patienten. Das Thromboserisiko steigt bei Covid-19 nicht nur durch die Immobilisierung. Wie sich in den letzten Wochen zunehmend bestätigt hat, erhöht die Virusinfektion selbst die Gefahr für ein Blutgerinnsel. »Wir haben in unserem klinischen Alltag bereits festgestellt, dass es bei vielen Covid-19-Erkrankten zu Thrombosen und Lungenembolien kommt«, so Kluge. Zuletzt bestätigte dies eine gemeinsame Untersuchung mit der Rechtsmedizin am UKE. Von zwölf an Covid-19 Verstorbenen hatte mehr als die Hälfte beidseitige Beinvenenthrombosen und rund ein Drittel erlitt eine Lungenembolie, die letztlich zum Tod führte (DOI: 10.7326/M20-2003).

Mittlerweile hätten die Pathologen rund 150 Verstorbene obduziert. Die genauen Analysen der ersten 80 Fälle sollen demnächst veröffentlicht werden. »Was wir schon sagen können, ist, dass die Thrombose-Raten deutlich über dem zu erwartenden Durchschnitt liegen«, so Kluge gegenüber der PZ. Und auch aus wissenschaftlichen Veröffentlichungen von Covid-19-Patienten, die die Erkrankung überlebt haben, wisse man mittlerweile, dass 20 bis 40 Prozent ein thromboembolisches Ereignis erlitten.

»Dies zeigt, dass eine Therapie mit blutverdünnenden Medikamenten bei Corona-Patienten notwendig ist«, betont der Intensivmediziner in einer Pressemitteilung der DGIIN und ergänzt gegenüber der PZ: »Wir haben unsere Thromboseprophylaxe für Covid-19-Patienten bereits angepasst. Abhängig vom Risikoprofil erhalten die Patienten eine normale oder intensivierte Behandlung mit niedermolekularem Heparin bis zur doppelten Dosis.« Zu den Risikofaktoren zählen ein Aufenthalt auf der Intensivstation, ein Body-Mass-Index (BMI) über 30 kg/m², eine aktive Krebserkrankung und/oder ein Anstieg der D-Dimere. Das sind Proteine, die bei der körpereigenen Auflösung von Blutgerinnseln entstehen.

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