| Annette Rößler |
| 04.06.2026 18:00 Uhr |
Gedankenkreisen, Selbstzweifel und auch eine körperbezogene Scham kommen bei Frauen häufiger vor als bei Männern. / © Getty Images/Jelena Stanojkovic
Geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen, Frauen und Männern wurden in der Medizin lange weitgehend ignoriert und finden erst in letzter Zeit zunehmend Beachtung. Ein Fachgebiet, in dem der Gender Gap unübersehbar ist, ist die Psychiatrie. Wie und warum man bei psychischen Erkrankungen Sex und Gender der Patienten stets mitdenken sollte, führten Professor Dr. Sibylle Roll und Professor Dr. Martina Hahn beim Pharmacon in Meran aus. Beide sind am Varisano Klinikum Frankfurt Höchst tätig, die Psychiaterin Roll als Ärztliche Direktorin und die Apothekerin Hahn als Leiterin des Fachbereichs klinische Pharmazie.
»Bekanntermaßen gibt es bei psychischen Erkrankungen einen deutlichen Frauenüberhang«, berichtete Hahn. Dies sei jedoch nur die halbe Wahrheit. Denn Frauen hätten nicht generell ein höheres Risiko für alle Arten von psychischen Erkrankungen. Bei Frauen häufiger seien unter anderem Depressionen und Angststörungen, also internalisierende Erkrankungen, während Männer häufiger Diagnosen wie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Autismus-Spektrum-Störung erhielten.
Ebenfalls unterschiedlich sei das typische Erkrankungsalter: Männer erkranken in der Regel früher als Frauen. »Insbesondere bei Psychosen spielt dabei Cannabis als Auslöser eine entscheidende Rolle, vor allem bei jungen Männern«, so Hahn. »Wir sollten daher alle jungen Menschen vor Cannabis schützen, besonders die jungen Männer.« 80 bis 90 Prozent der Psychosen seien Cannabis-getriggert, ergänzte Roll.
Interprofessionelle Zusammenarbeit vom Feinsten: Professor Dr. Martina Hahn (links) und Professor Dr. Sibylle Roll. / © PZ/Alois Müller
Insgesamt trete eine Schizophrenie bei beiden Geschlechtern ungefähr gleich häufig auf, so die Psychiaterin. Männer entwickelten aber auch unabhängig von Cannabis meist früher eine erste psychotische Episode als Frauen, nämlich im Alter zwischen 20 und 24 Jahren, Frauen dagegen erst ab 25 Jahren. Dies müsse man stets im Hinterkopf haben: Wenn etwa bei einem Mann mit Mitte 50 erstmals eine Psychose auftrete, habe diese mit hoher Wahrscheinlichkeit eine hirnorganische Ursache. Bei Frauen gebe es einen zweiten Häufigkeitspeak in den Wechseljahren.
Dies sei ein Indiz dafür, dass sich unter anderem die Geschlechtshormone auch auf die psychische Gesundheit auswirken, sagte Hahn. Hormonschwankungen begünstigten psychische Erkrankungen unter anderem über die Stressachse. Internalisierende Erkrankungen, also »typisch weibliche« Erkrankungen, seien stressassoziiert und Frauen hätten meist höhere Spiegel des Stresshormons Cortisol. Ein hoher Estrogenspiegel reguliere die Stressachse herunter. »Wenn das Estrogen abfällt, sei es prämenstruell oder in der Perimenopause, kann sich das auf die Stimmung auswirken«, so die Apothekerin.
Um die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei psychischen Erkrankungen zu erklären, gibt es verschiedene Modelle. »Das biologische Modell fokussiert auf den Einfluss der Hormone«, erklärte Roll. Daneben existiert das psychologische Modell, wonach Frauen pauschal bestimmte Eigenschaften wie ein vermehrter Neurotizismus, ein negativer Affekt und eine interpersonale Orientierung (man definiert sich vor allem über seine Beziehung zu anderen, Tendenz zu Unterordnung zum Wohl der Gruppe) zugeschrieben werden. Das soziale Modell hingegen gehe davon aus, dass Frauen häufiger von Gewalterfahrungen und Traumatisierungen betroffen sind als Männer.
Auch hirnorganisch lassen sich Unterschiede zwischen Mann und Frau feststellen. Doch Vorsicht: »Es gibt kein 100 Prozent weibliches oder 100 Prozent männliches Gehirn«, betonte Roll. Tendenziell hätten Männer eine größere Konnektivität innerhalb der Gehirnhälften als Frauen. »Deshalb gelingt es ihnen besser, fokussiert zu arbeiten.« Bei Frauen sei dagegen die Konnektivität zwischen den Gehirnhälften stärker ausgeprägt, weshalb sie besser darin seien, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen.