| Laura Rudolph |
| 22.05.2026 18:00 Uhr |
Auch wenn Frauen gegenüber Männern in der Schmerzbehandlung tendenziell benachteiligt sind, ist der Gender Pain Gap kein reines Frauenproblem. / © Getty Images/Maria Korneeva
Der Begriff Gender Pain Gap bezeichnet das Phänomen, dass Schmerzen zwischen den Geschlechtern unterschiedlich wahrgenommen, bewertet, diagnostiziert und behandelt werden. »Besonders deutlich zeigt sich dies darin, dass Schmerzen von Frauen aufgrund gesellschaftlicher und medizinischer Vorurteile häufig anders interpretiert und oft weniger ernst genommen werden als die von Männern«, erklärt Professor Dr. Bettina Pfleiderer. Sie ist Wissenschaftlerin und Ärztin an der medizinischen Fakultät der Universität Münster und leitet dort die Arbeitsgruppe »Cognition and Gender«.
Der Begriff gehe wahrscheinlich auf den Titel einer Broschüre der Fédération Internationale Pharmaceutique zurück, berichtet Dr. Tonia Iblher, Fachärztin für Allgemeinmedizin und spezielle Schmerztherapie in Lübeck und langjähriges Mitglied im Deutschen Ärztinnenbund, der sich aktiv für gendersensible Medizin einsetzt. »Darin wird angemahnt, es gebe weltweit in den Gesundheitssystemen geschlechtsspezifische Ungleichheiten in der Schmerzbehandlung, tendenziell seien dabei Frauen gegenüber Männern benachteiligt. Es geht beim Gender Pain Gap nicht nur darum, dass Frauen häufiger an chronischen Schmerzen leiden, sondern auch um den inadäquaten Umgang in der öffentlichen Gesundheit oder der Gesellschaft damit.«
Im klinischen Alltag macht sich der Gender Pain Gap in mehreren Bereichen bemerkbar. Erkrankungen wie Endometriose, Autoimmunerkrankungen oder chronische Schmerzsyndrome werden bei Frauen häufig spät diagnostiziert. »Beschwerden werden dabei nicht selten als psychisch, stressbedingt oder hormonell eingeordnet«, erklärt Pfleiderer – Schmerzangaben von Männern hingegen würden häufiger als Hinweis auf eine »objektive« körperliche Erkrankung bewertet.
»Studien zeigen außerdem, dass Frauen bei vergleichbaren Schmerzen häufiger Beruhigungsmittel oder Antidepressiva verschrieben bekommen, während Männern eher starke Schmerzmittel verordnet werden«, ergänzt die Expertin aus Münster. Auch in Notaufnahmen warteten Studien zufolge Frauen länger auf eine angemessene Schmerztherapie als Männer.
Zu dieser Lücke in Diagnostik und Versorgung kommt die Tatsache, dass bestimmte Schmerzarten bei weiblichen Patientinnen häufiger auftreten. »Chronische Schmerzen treten bei Frauen deutlich häufiger auf als bei Männern, das Verhältnis liegt bei etwa zwei zu eins«, erläutert Iblher. Besonders häufig betroffen seien Frauen von Kopfschmerzen, insbesondere von Migräne und Spannungskopfschmerzen, sowie von Autoimmunerkrankungen wie rheumatoider Arthritis oder Multipler Sklerose.
»Aber auch von den Diagnosen ›chronisches Schmerzsyndrom mit somatischen und psychischen Faktoren‹ oder Fibromyalgie sind Frauen häufiger betroffen – das liegt wohl unter anderem daran, dass Frauen ein sensibleres zentrales Schmerzverarbeitungssystem haben, also zur Chronifizierung von Schmerzen neigen«, erklärt Iblher.