Bei Pharmakotherapien, die in die Persönlichkeit eingreifen, stellt sich eine ethische Frage: Wie viel Veränderung ist therapeutisch akzeptabel?
Bei chronischen Erkrankungen wie Morbus Parkinson ist die Abwägung zwischen motorischer Stabilität und Impulskontrolle ein Beispiel für eine klinische Gratwanderung. Heilberufler sollten Therapieziele deshalb nicht allein symptomorientiert, sondern auch identitätsorientiert mit dem Patienten und gegebenenfalls den Angehörigen diskutieren.
Ob Nebenwirkungen einer Therapie akzeptabel sind, ist eine sehr persönliche Entscheidung, die Patienten und Angehörige oft gemeinsam treffen. / © Adobe Stock/rainbow33
Einerseits soll das Leiden gelindert werden, andererseits das »Ich« des Patienten möglichst unberührt bleiben. Gerade bei Langzeittherapien ist abzuwägen: Wie viel Persönlichkeitsveränderung ist dem Patienten und seinem Umfeld zumutbar? Es ist unbedingt zu respektieren, wenn Patienten lieber Schmerzen oder andere Symptome in Kauf nehmen als ihre Gefühlswelt zu verlieren.
Eine Verschiebung von Eigenschaften, zum Beispiel von Schüchternheit zu Extrovertiertheit, ist an sich weder gut noch schlecht. Entscheidend ist, wie der Mensch und sein Umfeld sie bewerten: Für einen stark ängstlichen Menschen kann mehr Offenheit ein Gewinn sein, für einen sonst ausgeglichenen Menschen aber entpersönlichend wirken.
Häufig werden Patienten aber nicht prophylaktisch über diese sehr tiefgreifenden Risiken informiert. In der Aufklärung sprechen Ärzte und Apotheker beim Thema Nebenwirkungen selten von Veränderung oder gar »Verlust des Selbst«. Aufgeklärte Patienten sollten wissen, dass neue Medikamente nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche verändern können.
Nicole Schuster studierte zwei Semester Medizin, dann Pharmazie und Germanistik in Bonn und später in Düsseldorf. Während ihres Studiums machte sie Praktika bei verschiedenen wissenschaftlichen Verlagen. Nach der Approbation absolvierte Schuster ein Aufbaustudium in Geschichte der Pharmazie in Marburg und wurde 2016 zum Doktor der Naturwissenschaften promoviert. Die PZ-Leser kennen Schuster als Autorin zahlreicher Fachbeiträge.