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Persönlichkeitsstörungen
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Wenn Medikamente das »Ich« verändern

Psychiatrische Nebenwirkungen von Medikamenten sind eine besondere Herausforderung. Ethisch stellt sich die Frage, wie weit eine Therapie in das »Ich« eingreifen darf. Wie hoch darf der Preis für die Therapie sein?
AutorKontaktNicole Schuster
Datum 12.04.2026  08:00 Uhr

Glucocorticoide: zwischen Euphorie und Depression

Die bisher genannten Medikamentenklassen werden primär zur Behandlung psychiatrischer oder neurologischer Erkrankungen eingesetzt. Aber es gibt auch Arzneimittel in ganz anderen Indikationsfeldern, die Psyche und Persönlichkeit beeinflussen können (Tabelle 1).

Ein Beispiel sind systemische Glucocorticoide. Euphorie, Manie und Hypomanie treten vor allem bei Kurzzeittherapie auf. Eine Langzeittherapie induziert hingegen eher depressive Symptome. Oft unterschätzt werden auch kognitive Beeinträchtigungen. In einer Übersichtsarbeit traten deutliche Ablenkbarkeit bei 79 Prozent der Patienten und intermittierende Gedächtnisstörungen bei 71 Prozent auf.

Die genauen Mechanismen, durch die Glucocorticoide psychiatrische Symptome auslösen, sind noch nicht vollständig verstanden (Tabelle 2). Ein Erklärungsansatz ist die Beeinflussung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse. Exogene Glucocorticoide, vor allem in hohen Dosen, können das fein austarierte System stören. Die supraphysiologischen Glucocorticoid-Spiegel könnten die normale Rückkopplungsregulation überfordern und Dysbalancen in verschiedenen Neurotransmittersystemen, zum Beispiel denen von Serotonin und Dopamin, auslösen.

Studien zeigen zudem, dass das Hippocampus-Volumen unter Corticosteroid-Langzeittherapie schwinden kann, was zu psychiatrischen Symptomen und kognitiven Defiziten führen könnte (24–31).

Wirkweise Neurophysiologischer Mechanismus
Glucocorticoide
Dysregulation der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) Überaktivierung von zentralen Glucocorticoid-Rezeptoren
→ Suppression der HPA-Achse
→ veränderte Stressregulation
hippocampale Neurodegeneration chronisch erhöhte Glucocorticoide reduzieren Neurogenese im Hippocampus → Gedächtnis- und Affektveränderungen
monoaminerge Modulation Veränderung der Serotonin- und Dopamin-Rezeptordichte im mesolimbischen System → veränderte Belohnungsverarbeitung und Affektregulation
Dopamin-Agonisten
Überaktivierung mesolimbischer D3-Rezeptoren selektive Stimulation von D3-Rezeptoren im ventralen Striatum → pathologische Verstärkung von Belohnungssignalen
präfrontale Dopamin-Dysbalance Überstimulation des präfrontalen Kortex durch D1/D2-Agonismus → Beeinträchtigung exekutiver Hemmfunktionen → Enthemmungsphänomene
SSRI, SNRI
serotonerge Überaktivität im präfrontalen Kortex chronisch erhöhter synaptischer 5-HT-Spiegel → Down-Regulation von Rezeptoren → veränderte Emotionsverarbeitung und Affektdämpfung
5-HT2C-Rezeptor-Modulation und Dopaminhemmung 5-HT2C-Aktivierung hemmt dopaminerge Neurone im mesolimbischen System → reduzierter Antrieb, vermindertes Belohnungserleben (Anhedonie)
Benzodiazepine
GABAA-Rezeptor-Potenzierung allosterische Modulation von GABAA-Rezeptoren
→ verstärkter Chlorid-Einstrom → globale neuronale Hemmung
→ Dämpfung präfrontaler Inhibitionskontrolle
amnestische Effekte und Störung der Gedächtniskonsolidierung Die für das Lernen wichtige hippocampale Langzeitpotenzierung wird durch übermäßige GABAerge Verstärkung abgeschwächt → gestörte Gedächtniskonsolidierung → Persönlichkeitsveränderung durch Lerndefizite
Toleranz und Rezeptor-Downregulation chronische GABAA-Potenzierung → kompensatorische Downregulation der Rezeptoren → Rebound-Exzitabilität bei Absetzen
Fluorchinolone
GABAA-Rezeptor-Antagonismus direkte Blockade von GABAA-Rezeptoren (kompetitiv mit GABA)
Anticholinergika
Muskarinrezeptor-Blockade im ZNS Blockade zentraler M1-Muskarinrezeptoren → Hemmung cholinerger Transmission → gestörte Aufmerksamkeit und Gedächtniskonsolidierung
cholinerge Hemmung stark anticholinerge Substanzen senken cholinergen Tonus → Überwiegen dopaminerger/glutamaterger Transmission → Delirium, Halluzinationen
kumulativer anticholinerger Effekt (Anticholinergic Burden) additive Blockade cholinerger Rezeptoren bei Polypharmazie
→ chronische Hypoaktivität des basalen Vorderhirnsystems
→ strukturelle Veränderungen ähnlich früher Demenz
Tabelle 2: Mögliche neurobiologische Mechanismen bei verschiedenen Substanzklassen. Häufig entsteht die Symptomatik durch Überlagerung mehrerer Effekte und durch individuelle Empfindlichkeit (Genetik, Vorerkrankungen).
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